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Volume 24. September 1881, Nr. 52

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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diesem Thema verschont hätte, wenn ich nicht glaubte, daß ihnen 
auch ein an allen Gliedern verstümmelter Torso noch willkonunen 
wäre bei der allbekannten Wichtigkeit dieses Burgplatzes an der 
Elbe, dessen Name hauptsächlich durch Karl IV. von Böhmen in 
aller Munde lebt und dessen Baudenkmäler so manchem Maler — 
ich nenne nur Ed. Meyerheim und Lösencr — und Architekten wie 
Adler Veranlassung zu bildlicher Darstellung gegeben haben. 
Indem ich die Leser aus diese Darstellungen selbst verweise 
und den Wunsch hinzufüge, daß auch meine Schilderung die 
Kenntniß unserer heimischen Backsteinbauten fördern helfe, wenn sie 
vielleicht einen oder den andern reizen sollte, diese Dom- und 
Befestigungsbauten, welche zu den schönsten der Mark Branden 
burg gehören, durch Autopsie kennen zu lernen, begnüge ich mich 
damit, ein historisches Bild von der Entwickelung des mittelalter 
lichen Tangermünde aus den Quellen zusammenzufügen, soweit es 
eben noch herzustellen ist. 
Was zunächst die Frage nach dem Jahre und der Ver 
anlassung der Gründung anlangt, so ist zu sagen, daß sie in 
dem Sinne, wie die Historiker wünschen, nicht zu beantworten ist. 
Es ist ja ein berechtigter Wunsch, mit Sicherheit Datum der 
Gründung und Name und Absicht des Gründers anzugeben. Aber 
bei wie wenigen Städten ist dies möglich? Und ich denke, es ist 
natürlich, daß das unmöglich ist, weil die ersten Anfänge der 
Städte viel weiter zurückliegen, als wir gemeiniglich annehmen, 
weil die ersten Anfänge auch zu unbedeutend zu sein pflegten, als 
daß darüber jemand hätte sollen Aufzeichnungen machen. 
Darum Pflegt schon da, wo wir eine bestimmte Gründungs- 
urkundc haben, es keineswegs sicher zu sein, ob nicht schon vorher 
der Ort — in anderer Weise — besetzt war. Hier aber fehlt uns 
jede Nachricht, und es ist nur eine Vermuthung L. Götzes in 
seiner Geschichte der Burg Tangermünde (Stendal 1871), wenn 
er sagt, Tangcrmünde sei eben so gut wie Walsleben an der Uchte 
(zwischen Salzwedel und Sandow) von König Heinrich I. um das 
Jahr 924 gegründet worden. 
Bedenkt man die günstige Lage des Ortes, so kann es keinem 
Zlvcifcl unterliegen, daß Tangermünde eine Ansiedlung zu allen 
Zeiten gewesen ist. Denn hier ist zwischen Magdeburg und Ham 
burg der weitaus beste Flußübergang über die Elbe. Aus Tanger 
münde weist der mittlere Havellauf fast geradlinig hin, wie von 
Westen her die Straße Bremen-Celle-Stendal und von Nord-Westen 
Liineburg-Uelzen-Salzwedel-Stendal hier allein ihren Elbübergang 
voraussetzen. Ursprünglich mag der Elbübergang bei dem elbab- 
wärts gelegenen Wcndendorfe Calbu, das die Späteren zu Carlbau 
germanisirt haben, gewesen sein, da hier 2 Werder den Uebcrgang 
erleichterten; wie wäre sonst Ludwig der Römer 1360 dazu ge- 
kommen, diesen Wenden den Elbwerder und Bedesteiheit zu ge 
währen und Otto der Faule nicht bloß 1367 dieses zu bestätigen, son 
dern auch 1373 ihnen Hebungen aus dem Zolle von Tangcrmünde und 
aus dem Wehrzinse vom Wehr auf der Tanger zu verleihen? Aber 
die Sachsen zogen das hohe Ufer, auf dem das heutige Tanger 
münde liegt, ebenso sehr aus militärischen Gründen als aus com- 
mcrciellen vor, da ja die Einmündung des Tangerflüßchens den 
Kähnen einen sicheren Hafen bot. Schon die erste Urkunde über 
Tangermünde, ausgestellt vom Kaiser Lothar am 16. August 1136 
zu Würzburg, zeigt in der That Tangermünde als einen Elbzoll 
platz. Damals aber heißt die Stadt, wie sporadisch noch bis ins 
16. Jahrhundert, nicht Tangermünde, sondern Angermünde. 
Das Dorf Angern am Quell des Flüßchens deutet noch heute 
darauf hi», daß auch der Fluß Anger geheißen hat. Noch zur 
Zeit des ersten hohenzollernschen Kurfürsten giebt es Schriftsteller, 
wie P. Becker in seiner Zerbster Chronik, die konsequent Anger 
münde schreiben. Es ist bekannt, wie die uckcrmärkische, von Jo 
hann I. und Otto III. Mitte des 13. Jahrhunderts gegründete 
Stadt Angcrmünde zu Verwechselungen Anlaß gab, und nainent- 
lich der Streit über den Schatz Johanns I., den Johann v. Buch 
zur Auslösung Ottos IV. einer Kirche entnahm, ist in der branden- 
burgischen Geschichte bemerkenswerth. Wiewohl aber der Rector 
Lösener in Angcrmünde einen eichenen Kasten fand, in dem angeb 
lich, aber völlig unerwiesenermaßcn jener Schatz gelegen haben soll, 
so kann niemand zweifeln, daß der in Stendal residirende Johann 
sein Geld in dem so Wohl geschützten Tangermünder Dom ver 
mauert hat. Tangermünde gehörte zum sogenannten Balsambann 
und stand in kirchlicher Hinsicht unter dem Halberstädter Bischof. 
In jener schon bezeichneten Urkunde Lothars werden 3 Elb 
zollämter, nämlich Tangcrmünde, Mellingen und Elbey genannt. 
Albrecht der Bär hatte beim Kaiser die Ermäßigung der Abgaben 
beantragt, und wir erfahren, daß die geringste Abgabe zu Mel 
lingen, die höchste, d. h. die doppelte wie zu Elbey, in Tanger 
münde erhoben wurde. Die größten Schiffe nämlich gaben 
6 solidi, kleinere vier, ein Kahn 1 und ein kleiner Kahn nur 
4 denarii. Der Antrag Albrechts war zu Gunsten der Magde 
burger Kaufleute gestellt, und man erkennt leicht, daß Tanger 
münde schon dainals der bedeutendste Elbhafen von Magdeburg 
abwärts war. 
Albrechts Sohn Otto I. stattete seinen 3. Sohn Heinrich, 
Grafen von Gardelegen, mit den Städten Stendal, Tangermünde 
und Gardelegen aus, und dieser gründete mit Hilfe Otto's II. 1188 
das Domstift St. Nicolai zu Stendal, sowie die Pfarrkirche 
St. Stephan zu Tangcrmünde, die er mit dem Stendaler Dom 
unirte. Dieses Patronat des Domstistes über St. Stephan be 
stätigte 1338 noch Ludwig der Aeltere. Karl IV. aber legte 
es dem von ihm auf dem Tangermünder Schlosse errichteten Dom- 
stifte St. Johannis bei. Dafür entschädigte 1381 Sigismund den 
Stendaler Dom mit der Pfarre zu Gardelegen, was Jobst 1395 
zu Dresden und Pabst Bonifacius IX. zu Rom 1399, sowie 
Johann XXIII. 1414 zu Costnitz bestätigte, indem er dem Johannis- 
stifte die Pfarrkirche zu Bretzen d. i. Treuenbriezen zulegte und 
bald auch das Statut aufhob, wonach nur persönliche Residenz 
zum Genuß der Tangermünder Präbenden berechtigte. Markgraf 
Friedrich verlieh dem Domstifte St. Johannis 1423 noch die 
Marienkapelle zu der Klause vor Tangcrmünde mit der Bestimmung, 
daß die dort einkommenden Almosen zum Bau der Probstei und zur 
Instandhaltung des Weges zur Klause zu verwenden seien. Die 
so und sonst reichlich ausgestattete Johanniskirche auf dem Schlosse 
zu Tangermünde erimirte endlich Pabst Nicolaus II. 1447 auf Antrag 
FriedrichsII. Eisenzahn von dem Episkopat von Halberstadt und stellte 
sie unmittelbar unter Rom. Doch verlieh schon 1459 Friedrich 
d. I. dem Rathe der Stadt das Vorstandsamt der Kapelle zur 
Klause mit dem Drittel an allen Opfern zum Unterhalt von Brücken, 
Dämmen und Wegen, sowie der Gebäude des Gotteshauses. Die 
Burg wurde von einem Voigt verwaltet, der dem umwohnenden 
Adel entstammte, 1247 wird als solcher Johannes von Ungelingen, 
1272 Johannes von Buch, 1281 Conrad von Schncitlingen 
genannt. Als nach dem 14. August 1319 der letzte Ascanicr 
Waldemar verschwunden war, fiel das eastrum Tangermünde nebst 
anderen Schlöffcrn als Leibgedinge an seine Gemahlin Agnes, die sich 
bald mit Herzog Otto von Braunschweig vermählte. Daher schlossen 
am 29. Mai 1322 die Herzoge von Braunschweig einen Vertrag, 
wonach Magnus und Ernst nach dem Tode Ottos und Agnesens 
Tangermünde vorweg erben, den Rest des Leibgedinges aber, näm- 
lich Salzwedel, Osterburg, Stendal, Gardelegen, Sandow, Rathenow, 
Spandow, Berlin, Köln, Köpenick, Mittenwalde und Liebenwaldc, 
die Erben von Braunschweig und Lüneburg insgesammt sich theilen 
sollten. 
Daß aber schon damals Tangermünde nicht bloß ein eastrum, 
sondern auch eine mit den üblichen Privilegien versehene Stadt war, 
beweist sowohl die neben der schon 1236 in einer Schenkungsurkunde 
Johanns und Ottos vorkommenden Burgkapelle genannte Psarr-
	        
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