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Periodical volume 24. September 1881, Nr. 52

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Franzosen kommen, sic sind da! Angstgeschrei und allgemeine 
Verwirrung begleitete den Tumult. 
So geschah es denn auch dein Wagen dieser Flüchtlinge, 
und jedesmal wurde der greise Major davon wie mit neuen! 
Leben beseelt. Seine erlöschenden Augen füllten sich mit Zorn 
und Verachtung und seine Stimme erhielt die alte Kraft. 
Greift zu den Waffen! schrie er, wehrt euch, jagt sie aus dem 
Lande! zeigt, daß ihr Preußen seid! Verlaßt euren König nicht! 
Aber der gaffende Schwarin blieb stumm, wich ängstlich 
zurück, oder cs erhob sich wohl gar ein höhnisches Gelächter. 
Sie wiesen mit Fingern auf den Freiwilligen in der Garde 
uniform, ans seinen wunden Arm in der Binde, und fragten, 
ob er von Jena komme und auf der Flucht gefallen sei? 
Die lange gefürchtete Uniform war plötzlich Gegenstand des 
Spottes geworden, und je näher der Hauptstadt, um so greller 
trat diese Umwandlung hervor. Aller heiinlich aufgespeicherte 
Groll machte sich jetzt Luft, und an einem der Orte, wo die 
Gesellschaft anhielt, um nothwendige Erfrischungen zu suchen, 
kam es zu einem Straßenauflauf. — Seht doch die Ausreißer! 
schrieen die Buben, die den Wagen umringten. Wo habt ihr 
eure Fahne gelaffen? Habt ihr sie den Franzosen verkauft? 
Franzosen! schrie der Major- Haut sic in Stücke! 
Ei» brüllendes Gelächter antwortete ihm. Ein Kerl 
sprang vor und packte ihn an. Alter Verräther, fort mit 
dem Ehrenzeichen da! Damit riß er ihm den Verdienstorden 
vom Halse. — Conrad stieß den Kerl zurück und nahm ihm 
den Orden ab, dafür erhielt er einen Schlag aus seine Wunde. 
Wohlgeklcidcte Leute sahen von Ferne zu, ohne sich einzu 
mischen, und übel wäre cs ergangen, wenn Renate nicht mit 
Entschlvffcnhcit dazwischen getreten wäre. Sie stellte sich vor 
den tobenden Hansen und ihrer Jugend und Schönheit gelang 
es, ihren Freunden zu helfen. 
Nur mit Mühe tvnrde der alte Mann in den Wagen 
zurückgeschafft, aber dieser Austritt schien ihn zum Bewußtsein 
seiner Lage gebracht zu haben. — Wo sind wir denn und 
wohin führst du mich? fragte er. 
Wir sind nahe bei Berlin, sagte Renate. 
Sind die Franzosen schon da? 
Nein, Vater. 
Aber sie werden kommen? 
Ich fürchte es. 
Mich sollen sie nicht haben! rief er hastig, aber du — 
Was wird aus dir? 
Auch ich werde nicht in ihre Hände fallen. 
Wer wird dich schützen? Wer sitzt dort? 
Es ist Herr Conrad Funk, Vater. 
Conrad Funk! sagte der Freiherr, das ist gut, dem 
kannst du trauen. Sein Vater, der Feldwebel, hat mir auch 
das Leben gerettet. Zu ihm wollen wir hin, der nimmt 
uns auf. — Wo ist mein Orden? Binde ihn wieder fest, 
Renate. Bcrrüther! sagte der Kerl. Wo ist Ludolf?! Er 
sah umher und sank dann zurück. 
Nach einiger Zeit streckte "Renate ihre Hand nach dem 
Freiwilligen ans. Haben Sic Alles gehört, Herr Conrad 
Funk? fragte sie- 
Ja, Fräulein Renate. 
Ich habe keinen anderen Freund und Schützer und weiß 
nicht, wo ich in dieser Nacht mit dem Kranken bleiben soll. 
Bei meinem Vater, antwortete er. 
Glauben Sie, daß er uns aufnehmen wird? 
Gewiß, und lieber als mich. 
Nein, sagte sie, er soll uns alle gern aufnehmen; wir 
wollen ihn zu versöhnen suchen- Was ist das dort für ein Licht? 
Es ist das Thor von Berlin. 
Nun denn, dem Lichte zu, Herr Conrad! Mag alle 
Finsterniß ein Ende nehmen. 
So fuhren sie in die Stadt, und gleich beim Eintritt 
konnten sie die Veränderungen beinerkcn, welche arich hier 
vorgegangen sein mußten. Sonst wurde jeder Fremde ange 
halten, jeder Wagen untersucht; jetzt war keine Wache vor 
handen und kein Thorschrciber zu sehen. Die Kalesche rum 
pelte über das Pflaster, es hinderte sie Niemand. Die 
Straßen zeigten sich leer, kein Soldat war zu erblicken, keine 
Caroffe, kein festlicher Glanz, selbst die meisten Fenster ohne 
Licht, als hätte sich Jeder verkrochen. — So ging es lang 
sam weiter, bei lautlosen düstern Palästen vorüber, wo sonst 
Minister und Prinzen gewohnt hatten, aber sie waren alle 
geflohen, ihre großen Häuser verschloffen- Endlich erreichte 
der Wagen den Platz, an welchem Christian Funks Haus 
stand. Eine trübselig glimmende Laterne leuchtete bis vor 
seine Thür. Das Gewölbe des Strumpfhändlers war längst 
geschlossen, die Läden lagen vor den Fenstern, Alles schien 
wie sonst wohlverwahrt. 
Conrad stieg ab und trat in die dunkle Hausflur; er 
hatte es übernommen, den Besuch anzumelden. Wohl kannte 
er jede Ecke hier und war entschloffen zu thun, was geschehen 
mußte; dennoch klopfte sein Herz, als er leise den langen Gang 
hinabschritt und endlich die Thür erreichte, welche nach der Hin 
terstube führte. Dort stand er still, horchte und holte tief Athem. 
Aber er hörte nichts, keinen Laut, und plötzlich überfiel 
ihn eine Angst. Wenn Jemand krank, todt wäre? Er dachte 
dabei nicht an seinen Vater, er dachte an Liesbeth. Seine 
Hand fuhr hart auf die Klinke; die Thür war nicht ver 
schlossen, sic that sich aus, ein Lichtstrahl fuhr ihm entgegen 
und traf ihn auf der Schwelle. — In dem Lehnstuhl saß 
sein Vater, das Deckelglas auf dem Tische, die Pfeife neben 
ihm; er selbst aber hielt die Augen geschloffen, eingeschlummert, 
den Kopf nicderhüngend, die Hände gefaltet. 
In dem Augenblick geschah von der andern Seite des 
Tisches ein Schrei. Die dort aufsprang, war Liesbeth. Sie 
hatte das Zeugstück, an welchem sie genäht hatte, von sich 
geworfen, die Schecre aus ihrer Hand, und streckte ihm ihre 
Arme entgegen. Conrad! rief sie, — es war ein wunder 
barer brechender Ton der Stimme — Mein Gott! Conrad! 
Der Alte richtete sich auf, sah hin und hob das Licht 
in die Höhe. Er sah seinen Sohn. Wie ihre Blicke zusam 
mentrafen, stellte er den Leuchter wieder auf den Tisch und 
schwieg, denn Conrad hielt Liesbeths Hand und sagte zu ihr: 
Ich habe dich gewiß sehr erschreckt, arme Liesbeth. 
Sie blickte ihn noch immer an und vermochte nicht zu 
sprechen, er fiihlte, wie sie zitterte, und sah, daß ihre Augen 
voll Thränen hingen. 
Es kam ihm heiß aus der Brust heraus, er wandte sich 
zu seinem Vater. Willst du mich gehen heißen? ftagte er- 
Wo kommst du her? antwortete Funk. 
Aus der Schlacht, Vater. Sie ging verloren- 
Ein grimmiges Lachen flog ihm über die Lippen. Er 
j hob den Finger aus und deutete auf den verbundenen Arm.
        
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