Path:
Periodical volume 17. September 1881, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 7.1881

662 
laut geworden ist. Die nüchterne Wiederholung des alten Fünf 
ecks ohne Betonung architektonisch wichtiger Theile, dazu die nicht 
ganz gelungene Fortführnng der Thurinarchitektur und das Auf 
bringen einer Flachkuppel an dieser Stelle ließen keine besondere 
Wirkung erwarten. 
Kurz vor Erthcilung der erforderlichen Genehmigung wurde 
im Ministerium der öffentlichen Arbeiten eine Skizze ausgearbeitet, 
welche die Schinkel'schc Idee einer Langkirche wieder aufnahm, und 
die auch an allerhöchster Stelle sehr beifällig aufgenommen 
wurde. Trotzdem verblieb der Kirchcnvorstand bei dem Beschluß, 
unter möglichster Erhaltung der alten Umfassungsmauern und Fun 
damente, den Grundriß der Kirche beizubehalten, während die 
schönste Gelegenheit geboten war, mit geringen Mehrkosten ein neues 
würdiges Gebäude aufzuführen, das vermuthlich auch den zeitge 
mäßen Neubau der französischen Kirche würde angeregt haben. 
Die Gründe, welche für jenen Beschluß angegeben werden, sind: 
1. erhebliche Verringerung der Baukosten; 
2. praktische Grundform der vorhandenen Kirche, 
3. Pietät gegen die originelle, von den Vorfahren gewählte 
Grundrißbildung. 
Einer kleinen Gemeinde nun ist es gewiß nicht zu verübeln, 
wenn sie bei einem solchen Bau sparsam zu Werke geht und ledig 
lich ihrem Bcdürfniffe genügt haben will; bei einer großen Ge- 
meinde liegt aber die Sache doch ein wenig anders, namentlich, 
wenn ihr Gotteshaus nicht abseits von der Straße steht, oder auf 
einem verborgenen Platze, sondern im Herzen einer großen schönen 
kunstliebenden Stadt, welche die Repräsentationspflichten einer 
jungen Kaiserstadt auf sich zu nehmen in der Lage ist. Selbstredend ! 
soll eine Gemeinde nicht veranlaßt werden, im öffentlichen Jntereffe • 
oder aus ästhetischen Rücksichten sich über ihre Kräfte zu belasten; ! 
gewiß nicht. Sie darf aber unter keinen Umständen ihren eigenen 
Willen durchsetzen wollen, wenn ihr die Mittel zu einer würdigeren ■ 
Bauausführung zur Verfügung gestellt werden können. Abgesehen 
davon nun, daß die erhaltenen Mauerreste der früheren Kirche nur 
einen sehr geringen Werth repräsentiren können, unterliegt es 
keinem Zweifel, daß Stadt und Staat, wenn darum nachgesucht 
wird, jetzt noch erhebliche Beiträge bewilligen würden, da man 
ja für die Kreuzkirche in der Halleschen Vorstadt an einem 
wenig besuchten Punkte mehrere Hunderttausende herzugeben ge 
neigt ist. Die Kostenfragc ist also an und für sich keineswegs 
einschneidend genug, von einem Neubau Abstand zu nehmen, und 
cs ist noch zu untersuchen, ob die Kirche in der That die Pietät 
verdient und den praktischen Werth hat, den man jetzt zu ihren 1 
Gunsten ins Feld führen will. 
Die Kirche hat bekanntlich die Gestalt eines regelmäßigen ! 
Fünfecks, besten Spitze dem später erbauten Thurme zugekehrt ist. j 
Vorher und nachher ist ein solcher Grundriß bei evangelischen 
Kirchen nicht zur Anwendung gekommen, und es fragt sich, ob 
dieses Unicum aus dem Anfang des XVIII. Jahrhunderts heute 
noch verewigt zu werden verdient, nachdem wir für den Bau evan 
gelischer Kirchen 'Nonnen aufgestellt haben, welche dem innersten 
Wesen derselben entsprungen sind. 
Ein Fünfeck ist ja an und für sich als Centralbau betrachtet 
ganz praktisch und wohl verwendbar; als ein ganz erheblicher 
Vorwurf aber ist in dem vorliegenden Falle der völlige Mangel j 
eines Altarraumcs zu betrachten, ein Fehler, über den heute ! 
kein Architekt sollte hinweg sehen dürfen. Dem Altar fehlt dadurch 
jede künstlerische Betonung, jede organische Anordnung — er wird 
wie in einem Bcdürfnißraume, geschmacklos einem Pfeiler, d. h. 
einem constructiven Theile vorgeklebt. Eine solche Anordnung heute 
noch aus Sparsamkeitsrücksichten beizubehalten, ist geradezu ver- 
werstich. Einen andern Nachtheil wird der Umbau ebenfalls in j 
Permanenz erklären: das häßliche Hineinragen der beiden West- ! 
lichen Thurmpseiler in den lichten Raum der Kirche — ein Fehler, j 
der zwar auf einer Seite bei einiger Geschicklichkeit durch die Orgel 
verdeckt werden kann, der aber für den zweiten Pfeiler zu einer geist 
losen Draperie führen muß. Neben diesen beiden Punkten, die gewiß 
hinreichen würden, jedes derartige Neubauproject als zweckwidrig 
und unausführbar bloszustellen, ist es eine sehr große Frage, ob 
nicht durch die jetzt projektirte Kuppelabdeckung die akustischen Ver 
hältnisse des Gotteshauses sich sehr ungünstig gestalten können. 
Aus dem bisherigen ergicbt sich, daß das starre Festhalten 
an der alten Grundform der Kirche durch praktische Rücksichten 
ebensowenig bedingt sein kann, wie durch die Kostenersparniß. Als 
dritter Punkt bleibt nur die vorgebliche Pietät gegen das Ueber- 
lieferte, die Achtung vor dem Bestehenden. Hier aber ist nicht zu 
verkennen, daß der erste Baumeister einen sehr argen Mißgriff be 
gangen, als er der Originalität halber sich verleiten ließ, einen Grund 
riß zu wählen, der für eine evangelische Kirche ganz und gar nicht 
paßt, und der, wenn nicht Alles trügt, ursprünglich für eine frei 
stehende katholische Kapelle bestimmt war. In den Jahren nämlich, 
in welchen Grünberg auf des Königs Befehl in Italien Reisen 
machte, um architektonische Studien zu treiben, war eben eine neue 
Auflage von Serlio's Architettura erschienen, und es ist sehr wahr 
scheinlich, daß Grünberg, der sonst ein rechter Biedermann war, 
aus den idealen Kirchen-Grundrissen Serlio's gerade den aller 
unpassendsten herausgesucht hat, in der Erwartung, durch Ori 
ginalität den Beifall des Königs zu erwerben. Im V. Buche 
nämlich seines Werkes theilt Serlio eine Reihe von idealen Grund 
rissen mit, unter denen ein Fünfeck und sogar eine Combination 
zweier Ovale. Sie sind aber weiter Nichts, wie werthlose und 
zwecklose Spielereien, über welche sehr treffend Burckhardt in der 
Geschichte der Renaissance sagt: „Jm.V. Buche des Serlio findet 
man 13 Jdealpläne von Kirchen, darunter 11 Centralbauten, meist 
weihelose Phantasien seiner Reisfeder und seines Zirkels, 
profan und wunderlich, zum Beispiel ein Fünfeck und 
(zum erstenmale?) zwei Ovale." .... 
Wir haben es also in dem Grundrisse der Neuen Kirche mit 
einem schweren Mißgriffe des ursprünglichen Architekten zu thun, 
der in unverstandener Weise eine geistlose Spielerei durch ein 
öffentliches Bauwerk verherrlichte und letzteres dadurch von 
vorneherein profanirte. Ob diesen Thatsachen gegenüber jene ängst 
liche oder angebliche Pietät am Platze ist, das kann hier wohl 
unentschieden bleiben. Soviel aber ist sicher, daß der Gensd'armen- 
markt zu Berlin kein Versuchsfeld für die Verirrungen eines 
Italieners abgeben sollte. 
Es wäre sehr zu wünschen, daß die maßgebenden Factoren 
jetzt noch dafür zu interessiren wären, daß ein derartig verfehlter 
Bau nicht kommenden Jahrhunderten überliefert, und daß er nicht 
zudem aus allerlei Surrogaten errichtet werde, die ihn vielleicht 
schon bald wieder unansehnlich erscheinen lasten. An diese Stelle 
gehört eine Langkirche im Schinkel'schcn Sinne aus echtem Material! 
Daß Staat und Stadt in richtiger Erkenntniß der Sachlage 
jetzt noch interveniren und den nöthigen Zuschuß von etwa 
50 000 Mark gewähren könnten, ist nicht zweifelhaft. 
Hoffentlich läßt sich die Neue Gemeinde, welche bisher merk 
würdiger Weise keinen einzigen Schritt zur Erlangung von Bei 
hülfe gethan hat, im Hinblick auf die dem öffentlichen Jntereffe 
schuldigen Rücksichten bewegen, nach Vollendung des Abbruchs der 
Kirche den Bau anderweit einzurichten, damit dieser Platz, welchen 
Friedrich der Große durch die Thürme hat adeln wollen, von 
unserer Zeit nicht pietätlos mißachtet werde. Hat der Alte Fritz 
seiner Zeit eine Million für die beiden Thürme aufgewandt, so ist 
es die Pflicht unserer Generation, jetzt wo die einzige Gelegenheit 
von selbst geboten ist, dieselbe nicht vorüber gehen zu lasten, um 
zwischen Kirche und Thurm die nothwendige künstlerische Ueberein 
stimmung herbeizuführen. Hoffentlich gelingt es, kunstsinnige und 
hochherzige Männer für diese Angelegenheit zu interessiren, die
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.