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Periodical volume 17. September 1881, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Die Musik schien er nicht vernachlässigt zu haben; er spielte noch 
. mit derselben Präcision und mit Ausdruck das Violoncello. Da er 
sah, das; ich ein Klavier hatte, so fragte er meine Frau, ob sie 
noch zutveilen spielte, um sich von den Sorgen der Wirthschaft zu 
erholen. Meine Frau verneinte es, sic hätte die Musik ihrer äl 
testen Tochter überlassen. Nun bat er diese, sich hören zu lassen, 
allein sie glaubte zum Vorspielen nicht genug zu können. Ich 
wünschte indessen, daß sie vor ihm spielte, damit er sah, daß ich 
auch diesen Zweig der Erziehung meiner Kinder nicht vernachlässigt 
hatte und so mußte sie sich denn ans Klavier setzen. Mara hatte 
kaum die ersten Takte gehört, als er aufmerksam wurde; er ließ 
sie dann singen und war sehr überrascht, so daß er sagte, mit ihrem 
Talent und ihrer Stimme würde sie einmal auf dem Theater ihr 
Glück machen: — ein Vorschlag, den ich fallen ließ, weil er, 
wahrlich, wenig Anziehungskraft hatte. In der ersten Zeit gab er 
meiner Tochter Stunde und begleitete sie; jeden Abend nach Tische 
spielte er entzückende Fantasien auf einem Violoncello, welches ihm 
der Steuer-Controleur Helms (in Lenzen) geliehen hatte, denn das 
seinige hatte er wahrscheinlich seinen Gläubigern überlassen müsien. 
Meine Freunde am Orte, die ihn bei mir spielen gehört, luden ihn 
oft ein und man erwies ihm die ungetheilteste Aufmerksamkeit. 
Jndesien währte es nicht eben lange, da wurden wir in 
unserer guten Meinung von ihm bitter getäuscht; denn er kam 
zuweilen angetrunken nach Hause. Ich ließ ihn sofort merken, daß 
mir dies nicht entgangen war. Dann entschuldigte er sich damit, 
meine Bekannten hätten ihm etwas vorgesetzt und aus Anstand 
hätte er es doch nicht ausschlagen können. Leider erfuhr ich bald, 
daß er in allen Gasthäusern Brantwein trank, überall Schulden 
machte und seine goldne Uhr versetzt hatte. Als er sich eines 
Tages so betrunken hatte, daß er der Länge nach auf die „See 
brücke" hinfiel, ohne sich wieder ausrichten zu können, brachten ihn 
mir zwei Männer angeschleppt. Jetzt wünschte ich ihn los zu 
sein. Er bat zwar auch diesmal wie sonst um Verzeihung, ich 
aber hatte es satt, ihn täglich in diesem Zustande zu sehen. Ich 
redete ihm zu, nach Nheinsbcrg zum Prinzen zu gehen; der Prinz 
hatte nämlich noch immer Neigung zu ihm und ich machte ihm 
deshalb Hoffnungen für die Zukunft, falls er das Trinken ließe. 
Dann aber nahm ich ihn mir ernstlich vor und verglich sein 
früheres Leben mit dem jetzigen, faßte ihn bei der Ehre auch als 
Musiker, es wäre unverzeihlich von ihm, sein Talent so unterge 
hen zu lassen; jetzt sei es noch Zeit, das elende Trinken aufzu 
geben und zu einem geordneten Leben zurückzukehren. Die Ge 
legenheit böte sich ihm noch einmal, später würde er die Achtung 
aller seiner ehemaligen Freunde unwiederbringlich verloren haben. 
Er empfing hiervon einen tiefen Eindruck, so daß er mir fest ver 
sprach, meinem Rath zu folgen. In dieser Stimmung ließ ich 
ihm keine Zeit, Reflexionen anzustellen, denn da es ihm bei mir 
gut gefiel, so konnte er bei längerem Bleiben seine guten Vorsätze 
noch leicht ändern. 
Um ihn nun in Stand zu setzen, am Hofe des Prinzen 
richtig aufzutreten, gab ich ihm Auffchluß über mehrere Personen, 
die er nicht mehr kannte, sagte ihm, wer in der Gunst gestiegen, 
wer gefallen, wie Horzitzky, gab ihm Briefe an einige meiner alten 
Freunde mit und that Alles, wodurch ihm eine gute Aufnahme 
gesichert wurde. Vor Allem empfahl ich ihm, den Trunk zu 
meiden, denn der Prinz haßte das. Er versprach mir. Alles das 
benutzen zu wollen und reiste endlich nach fünswöchentlichem Aufent 
halt bei mir ab. 
Ehedem bereitete er mir eine gute Aufnahme beim Prinzen; 
jetzt vergalt ^ch cs ihm. Der Prinz empfing ihn sehr gnädig, 
Mara trat unter vortheilhasten Bedingungen wieder in seinen Dienst 
und gelangte zur Höhe der alten Gunst. Allein er konnte das 
Trinken nicht mehr lassen, fing sein altes Leben an und erhielt in 
Folge dessm den Abschied. Der Prinz wollte auch nicht mehr 
von ihm sprechen hören. Mara ging nach Berlin, wo einige Musiker sich 
zusammenthaten, um ihm ein Paar Conzcrte zu verschaffe», die ihm 
zwar viel Geld einbrachten, was aber bald verthan war. Seine 
Freunde zogen sich von ihm zurück und als auch diese letzte Hülfs- 
quelle versiegt war, schloß er sich einer herumziehenden Musikbande 
an und spielte in den elendesten Kneipen und Spiclhäusern, um zu 
leben und zu trinken. In dieser jämmerlichen Gesellschaft und in 
solcher Völlerci lebte er noch einige Zeit, der ehemals große Künstler; 
aber eines Abends, als er schwer betrunken nach Hause gehen 
wollte, fiel er in eine Gassenrinne, aus der er sich nicht wieder er 
heben konnte und wo man ihn am anderen Tage todt. fand. 
So endete das Leben Johann Battista Mara's. Trotz seiner 
vielen Fehler und Sünden beurtheile ich ihn milde; er hat mir 
viel Gutes gethan und die Veranlaffung zu meiner guten 
Carriere in Deutschland gegeben. 
Horzitzky. 
Am 21. Juni 1801 erhielt der Schreiber der Memoiren fol 
genden Brief: 
Sr. König!. Hoheit der Prinz Heinrich von Preußen haben sick- 
gezwungen gesehen, den ältesten Horzitzky wegen übler Conduite 
und schlechten Betragens aus Höchstdero Diensten zu entlassen, haben 
doch aus besonderer Gnade und aus Barmherzigkeit beschlossen, 
ihm einigermaßen sein Lebens Unterhalt zu geben und ersuchen 
also dem Inspektor Ossent, für den Horzitzky ein Quartier für Frau 
und Kind auf drei Jahr in Lentzen zu miethen, auch dem Hor 
zitzky für die hierbei kommende 100 Rthlr. 8 bis 10 Monath in 
der Kost zu verdingen, so daß er nichts weiter depensiren kann; 
denn sobald wie er Geld in Händen hat, so dauert es nicht lange, 
die üble Gewohnheit zum Trunk hat diesen Menschen ins Elend 
gestürtzt; binnen 3 oder 4 Wochen wird die Frau und Kind 
kommen, wann seine hiesigen Besitzungen verkauft und wegen seine 
gemachten Schulden die nöthige Arrangements getroffen sind, als 
dann werden Höchstdieselbcn dem Inspektor Ossent ersuchen, die bis 
dahin noch zu bestimmende jährliche Pension in monathlichen Ratis 
an der Frau auszuzahlen, denn er soll nichts in Händen haben, 
auch werden Sr. Königl. Hoheit sehr gerne sehen, wenn der Ossent 
ein wachsames Auge auf ihm hätte, und im Fall wenn er sich 
von dort entfernte, oder sonst seine Aufführung schlecht wäre, 
davon Anzeige zu machen. 
Rheinsberg, den 19. Juni 1801. 
(gez.) Heinrich. 
Hierzu schrieb der Prinz eigenhändig folgende (dem Original 
entnommene) Nachschrift: 
Rrenez garde, mon bon Ossent, ä ce compere il est de 
la plus mauvaises coinposition qu’on ne lui prete pas un sou, 
il ne peut rendre et quand il le pourrait il ne rendait a per 
sonne le moins voila tout ce que je puis pour lui, essuyez cela, 
raais qu’il ne Vous soit point ä Charge. 
Henri. 
Hierauf erfolgte nachstehende Antwort: 
Nonseigneur! 
D’apres les conamandements dont il a plu ä Votre Alt. 
Roy. de m’honorer sous la date du 19 de ce mois au Sujet 
du malheureux Horzitzky, j’ai pris les mesurcs provisoires pour 
les executer ponctuellement et je nc nianquerai pas de rn’y 
couformer en tout point. 
Quand au detail des arrangements concernant cette affaire, 
je n’en fatiguerai pas V. A. R.; je ferai passer ä son baillis 
de justice Mr. Behrends les pieces justisicatives et c’est lui qui 
en rendra compte en eas de besoin. 
Je supplie tres-huniblement V. A. R. d’etre bien assuree 
qui rien ne peut m’etre plus agreable que de pouvoir lui etre
        
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