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Volume 17. September 1881, Nr. 51

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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nach den beiden Erscheinungen. Jetzt kamen sie unter den 1 
letzten Bäumen hervor auf den freien Vorplatz an das helle 
Licht, und nun erkannte er den, der ihm zunächst war — es 
war Ludolf, sein Sohn. 
Damit kam Leben in ihn, ein unnatürliches, gewaltiges 
Leben. Mit festen schnellen Schritten, wie er sie seit Jahren 
nicht gethan, ging er zum Fenster und riß dies auf, eben 
da der junge Offizier vor dem Hause anlangte. 
Wo kommst du her? ries er hinaus. 
Von Jena, Vater. 
Was willst du? 
Wir haben eine Schlacht verloren, Vater. Es ist Alles 
verloren! 
Er wollte aus dem Sattel steigen. Halt! schrie der Major. 
Ludolf blieb sitzen. 
Bist du verwundet? fragte der alte Mann. 
Nein, ich nicht, aber — 
Wo ist Quast? 
Todt oder gefangen. Ich sah ihn vom Pferde stürzen. 
Wo ist dein Regiment? 
Ich weiß cs nicht. Aufgelöst, Alles in wilder Flucht, 
Vater. Drei Tage sind wir geritten, ich bin matt wie eine 
Fliege, mein Pferd auch. 
Wo ist dein Regiment? rief der Freiherr noch einmal, 
und er hielt sich mit beiden Händen am Fensterkreuz fest. 
Sein Kopf wurde bis unter die weißen Haare dunkelrvth, 
seine Stimme zitterte, wie der ganze greise Körper. 
Der Lieutenant schwieg verwirrt. Jeder rettete sich wie 
er konnte, sagte er stockend. Wir waren umringt, hätte Con 
rad mich nicht herausgehauen, so kam ich nicht davon. Die 
Flucht war allgemein. 
Schande! Schande! stöhnte der Freiherr. Mein Sohn 
— ein Ausreißer! 
Mancher General hat es so gemacht, sagte der Lieute 
nant begütigend. Was konnte ich thun, Vater? 
Sterben! rief der Greis mit funkelnden Augen. Ster 
ben! Mit Jugcndkraft hob er seinen Arm ans: Fort zum 
Regiment! Und wenn's zum Höllcntcufcl ginge, fort mit dir! 
Vater ich verschmachte — bat Ludolf. 
Die Hunde los! schrie der Freiherr. Hetzt ihn vom Hof 
herunter! Zum Regiment! Schande! Schande! 
Er griff nach der Wand nach einem der Gewehre, die 
dort hingen. Renate hielt ihn flehend fest. Draußen warf 
der Lieutenant sein Perd herum und rief: So nehmt euch 
meines armen Kameraden an, der kann nicht weiter. Aus 
mir mag werden, was da will, aber die Franzosen sind hinter 
uns her. Wartet sie hier nicht ab. Es ist Alles verloren, j 
ich auch! 
Und seinem abgetriebenen Pferde die Sporen in die Sei- 
tcn stoßend, zwang er dies zu einem wilden Galopp. Das 
andere Pferd wollte ihm nach, doch der Reiter wankte im 
Sattel, und da der Invalide herbeisprang, sank er seitwärts 
nieder, diesem in die Arme. 
Sein Gesicht war bleich, die Augen geschlossen, der Mann 
ohne Besinnung; als Klosmann ihn aber nahebei ansah, er 
kannte er ihn doch. Kreuz Element! rief er, es ist ja der 
Mosjeh Conrad. In den Thurm hinauf mit ihm, da steht 
fein Bette noch; dann wollen wir zusehen, wie die Franzosen 
seinen Arm zugerichtet haben. 
Und während sie den verwundeten Freiwilligen in den 
Thurm trugen und der Invalide ihm die Kleider abzog und 
das blutige Tuch vom Arm wickelte, waren Renate und der 
Amtmann um den Major beschäftigt, der starr und steif in 
dein Stuhle lag, die Augen rollend, der weiße Kopf fieber 
haft roth mit hochgeschwollenen Adern. Es geschah, was sich 
thun ließ. Ein reitender Bote jagte nach der Stadt, einige 
Stunden darauf kam ein Arzt, schlug sogleich eine Ader, ver 
ordnete kühlende Mittel, empfahl die strengste Ruhe und be 
suchte darauf auch den Freiwilligen im Thurm, zu dein ihn 
das Fräulein schickte. Als er davon zurückkam, erklärte er, 
die Wunde sei nicht gefährlich, der Knochen wenigstens nicht 
verletzt. In einigen Tagen könne der Mann wieder auf den 
Beiiren sein, in einigen Wochen hergestellt, wenn seine Jugend 
kraft ihm helfe. Dann nahm er das Fräulein bei Seite und 
sagte zu ihr: Ein junger Baum, weiiii er aiich einen Hieb 
bis in's Mark bekoinmen hat, heilt sich aus und treibt mit 
frischen Säften, ein alter aber, den der Sturm knickt, hebt 
den Kopf nicht wieder auf. — Was er weiter hinzufügte, 
hörte Niemand, aber Alle sahen, daß das Fräulein sehr be 
trübt zurückblieb, obwohl sie Keinem etwas mittheilte und ein 
gefaßtes Gesicht zeigte. 
Der Freiherr wurde in sein Bett gebracht, er machte 
keinen Einwand, ließ sich Alles gefallen. Wie in tiefem 
Sinnen lag er, die Augen auf einen Punkt gerichtet. Zur 
weilen aber fuhr er auf und sah umher, als suche er Einen, 
den er nicht finden konnte; dann fiel er wieder in die Kissen 
zurück. 
Fort zum Regiment! murmelte er, das schien ihn zu 
beruhigen, bis die Aufregung zurückkehrte und er seinen Sohn 
von Neuem suchte. — Am vierten Tage brachte der Invalide die 
j Nachricht, daß Mosjeh Conrad aufgestanden sei, denn das 
i Wundfieber habe sich gebessert, und obwohl er noch lange 
nicht wieder aus sein Pferd werde steigen können, wolle er 
doch fort, wolle suchen, nach Berlin zu kommen. 
Ich will ihn sprechen, che das geschieht, sagte das 
Fräulein. 
Das ist eben auch seine Meinung, antwortete Klosmann. 
Er meint, das gnädige Fräulein müßte er vorher noch sehen, 
aber ich hätt's ihin ausreden mögen. 
Mannn wolltest du das thun, alter Klosmann? fragte 
Renate. 
Warum? sagte der Invalide den Kopf schüttelnd. Sehen 
Sie, Fräulein, es ist der Sohn von meinem Feldwebel, und 
ich habe ihn lieb. Als er damals hier war, sah er aus wie 
Milch und Blut und ich möchte beinahe sagen, er war schöner 
! und feiner, als alle Junker. An dem Abend aber, damals 
: wo sie alle fort mußten zu den Regimentern, gleich nach der 
Verlobung, da sah er aus wie der Tod, und da ich ihn fragte, 
was ihm wäre, fiel er mir um den Hals und rief: Sie 
hat mich verrathen, Klosmann, verlacht, verspottet, und ich 
bin verrückt, verhext, denn ich kann nicht von ihr lassen. 
: Aber sie ist unschuldig — sie ist es nicht — sie kann es nicht 
; sein — sie ist unschuldig! 
Unschuldig, murmelte Renate und blickte ihn mit den 
großen Augen starr an, während ihre Lippen sich 51t einem 
I Lächeln öffneten. 
Ich will ihn sprechen, sagte Renate. Geh und benach- 
; richtige ihn, daß ich ihn hier erwarte.
	        
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