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Volume 10. September 1881, Nr. 50

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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lange im Orient heimisch gewesene Leinen- und Baumwollen 
papier im Abendlandc auf, bis endlich das moderne Papier aus 
Lumpen alle übrigen Arten verdrängte. Heutigen Tags gicbts 
keine Lumpen mehr, und so haben wir heute Lebenden denn das 
schlechteste Papier, das es überhaupt geben kann und jemals ge 
geben hat, das aus Holzstoff. 
Zur Beförderung der Briefe bei den Alten wie im Mittelalter 
dienten Läufer. Die „geschworenen" Boten der Städte und „die 
edlen Postjungcn" der Fürsten sind interessante Figuren in einem 
Kulturbilde des Mittelalters. Bekanntlich wurden erst 1517 in 
Deutschland die ersten Postcinrichtungen geschaffen, bis dahin 
waren die Boten die einzigen Vermittler eines Verkehrs zwischen 
Städten und Ländern. Das Postmuseum bewahrt die Abbildungen 
solcher Boten, in interessanter Tracht, in alten Kupferstichen auf. 
Eine interessante, im Museum aufbewahrte Urkunde erzählt 
uns die Erfindung der Freimarken, und der Briefkasten 
sowie über die Einrichtung der ersten „Stadtpost" zu Paris im 
Jahre 1653. 
Nach den Postboten kamen die berittenen Postcouriere und 
endlich die Postwagen. 
Diese Abtheilung des Museums — zugleich ein Beitrag zur 
Entwicklungsgeschichte des Wagcnbaus überhaupt — zählt zu 
dem Interessantesten, was diese Räume bergen. Es würde zu weit 
führen, hier die Details herzuzählen, unsere Leser müssen schon 
einmal das Museum besuchen. Nur hier soviel, daß die Römer 
zwei- und vierrädrige Wagen hatten, daß wohl als älteste Wagen 
die Kriegswagen der alten Assyrer gelten können, daß sich im 
früheren Mittelalter die Wagenform nur unwesentlich veränderte 
und daß der Wagcnbau erst im 15. Jahrhundert einen bedeutenden 
Fortschritt machte, als man in Ungarn die Kunst erfand, den 
Kasten des Wagens (ungar. Gutsche) in Riemen zu hängen. 
Von den Riemen zu den Federn war der darauf folgende 
Schritt. 
Diese Mittel zur Milderung des Stoßes werden bekanntlich 
nur bei Personenwagen verwendet, unser anderes Gefährt kennt 
dieselben bis heutigen Tags noch nicht, oder doch nur in ver 
schwindenden Ausnahmen. 
Eine hochinteressante Abtheilung des Postmuseums ist die 
jenige, in der die prächtigen Modelle aller Postgebäude 
aufbewahrt werden, welche seitens der Postverwaltung in den 
letzten Jahren in den verschiedenen Städten Deutschlands auf 
geführt wurden. Eine weitere Abtheilung ist dem Telegraphen, 
der Rohrpost und dem Telephonwesen gewidmet. Das Modell 
eines Rohrpostapparats ist auf unserer Jllustrationan gegeben, die 
Geschichte und die Einrichtung des Rohrpostwesens haben wir in 
diesen Blättern bereits ausführlichst behandelt. — 
Spitzbuben mit Gewerbe. Die Meinung, daß die so 
genannten „Weißkäufer" (Frcikäufer) ein „Gewerbe" zum 
Stehlen gehabt hätten, war vor etwa 30—40 Jahren auch in 
den Gegenden des Oderbruchs eine allgemein verbreitete und 
in Stadt und Land huldigte die Bevölkerung ganz denselben 
Ansichten über diese Dicbesgesellschaft, wie sie Herr W. v. Schulenburg 
bereits in seinen wendischen Sagen mitgetheilt und letzthin noch 
in Nr. 8 des „Bär" 1880 zusammengestellt hat. Auf den Jahr- 
märken der Städte Oderberg, Freienwalde, Wriezen, Küstrin und 
insbesondere auf den Messen in Frankfurt a. O. hörte man viel 
fach die Warnung, man solle sich vor den „Wittköpern" hüten 
und hauptsächlich die „Fobcn" (Taschen, die von den Landsiauen 
damals zumeist unter der Schürze festgebunden waren) in Obacht 
nehmen. Ob nun diese Spitzbuben von der Polizei in Wirklichkeit 
gewissermaßen beschützt wurden, habe ich für hiesige Gegend speziell 
bisher zwar nicht feststellen können, wohl aber gelang cs mir, 
einige glaubwürdige Beweise aussindig zu machen, daß dem Treiben 
dieser Diebesbande von den Behörden mehrerer Ortschaften des 
weiteren Vaterlandes eine Art Begünstigung zugestanden worden 
ist. In Nr. 3 des „Anzeigers für Kunde der deutschen Vorzeit" 
vom März 1862 wird mitgetheilt, daß in den hesscndarmstädtischen 
Marktflecken Ortenberg und Grünberg (in der Wetterau) Weißkäufcr 
oder Freikäufer an den Markttagen ihr unlauteres Wesen getrieben 
hätten. Es seien dies Personen gewesen bis vor wenigen Jahr 
zehnten, denen gegen Erlegung einer Gebühr in den Städten die 
Erlaubniß zum Stehlen an Markttagen gegeben wurde und die 
nur, auf frischer That ertappt, durchgepriigelt wurden. Aus die 
vom Einsender dieser Mittheilung gemachte Anfrage, ob diese Sitte 
auch in andern Orten gebräuchlich sei, antwortet Registrator Sack 
zu Braunschwcig in Nr. 2 des „Anz. für Kunde der deutsch. Vorz." 
Februar 1863 in Betreff des Meßortes Braunschweig: „Es wurde 
dieser Zoll nur deshalb besonders von den Juden und Händlern 
entrichtet, damit nicht jene Handelsleute und anderes Gesindel an 
einem bestimmten Tage, wie an Märkten, haufenweise eindrangen 
und dadurch den Handel störten. Es sind demnach unter diesen 
gewiß auch manche Diebe gewesen, und das Volk betrachtete 
jene Abgabe als eine Berechtigung für sie, ungehindert 
stehlen zu können. — Daß sogenannte „Weihkäufer" noch bis in 
die neueste Zeit existirten, in welcher Weise sie gcrirten, und daß 
die Polizei von ihrem Treiben gar wohl unterrichtet war, ist er 
sichtlich aus einer Bekanntmachung des Staatsanwalts in der 
„Hallischcn Zeitung" vom 19. April 1869, in welcher es u. A. 
heißt: „In meinem Bureau sind die Namen der zur schwarzen 
Bande (heruntergekommene, schwindelnde Kaufleute) gezählte 
Personen, sowie der sogenannten Weißkäufer d. h. diejenigen, 
welche von der Bande billig kaufen, den einzelnen Mitgliedern 
wohl auch bisweilen den Weg, auswärtige Häuser zu beschwindeln, 
näher zu bezeichnen pflegen, zu ersehen. Im öffentlichen Interesse 
ersuche ich das Publikum, von allen Geschäften der vorbezeichneteu 
Sorte die Polizeiverwaltung oder mich in Kenntniß zu 
Alt - Reetz. I. R u b e h n. 
Warum Aerkin enthauptstädtekt merden soll. Der Reichs 
kanzler hält es bekanntlich für richtig, daß die Deutsche und Preu 
ßische Regierung auf die Wanderschaft gehe, daß Deutschland der 
Reihe nach von allen möglichen Städten aus regiert werde und 
wenn es angeht, von möglichst kleinen Städten aus. Die großen 
Städte sind ihm ein Greuel, und zwar darum: „die Berliner" — 
sagte er einmal — „müssen immer Opposition machen und ihren 
eigenen Kopf haben. Sie haben ihre Tugenden — viele und hohe 
achtbare, sie schlagen sich gut, halten sich aber nicht für gescheut 
genug, wenn sie nicht alles besser wissen als die Regierung. — 
Große Städte haben das aber alle an sich und manche sind sogar nock- 
schlimmer als die Berliner. Wo so viele Menschen dicht bei einander 
sind, hören die Individualitäten auf, sie verfließen in einander. Es 
entstehen aus der Luft, aus Hörensagen, 'Nachsagen allerlei Meinungen, 
die wenig oder gar nicht aus Thatsachen begründet sind, die sich 
aber durch Zeitungen, Volksversammlungen, Unterhaltungen beim Bier 
verbreiten und dann feststehen — unausrottbar. Es ist eine zweite, 
falsche Natur neben der ersten, ein Masscnglaube, Massenabcrglaube. 
— Man redet sich ein, was nicht,ist, hält es für Pflicht und 
Schuldigkeit, dabei zu bleiben, begeistert sich für Bornirthcitcn, Ab 
surditäten. — Das ist in allen großen Städten so, in London, 
wo die Cockneys auch eine ganz andere Race sind, als die übrigen 
Engländer, in Kopenhagen, in New-Uork und vor allem in Paris. 
Die sind mit ihrem politischen Aberglauben ein ganz besonderes 
Volk in Frankreich, befangen und beschränkt in Vorstellungen, die 
geheiligtes Herkommen sind, aber näher besehen nichts als Phrasen 
und Flausen." — 
Die Icstung Spandau — so schreibt der dortige „Anz. f. 
d. Havelland" — bietet augenblicklich ein Bild regster Thätigkeit. 
Tausende von Arbeitern sind damit beschäftigt, in der alten 
und neuen Enceinte 26 Hohlenceinten und 3 Blockhäuser zu er-
	        
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