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Periodical volume 10. September 1881, Nr. 50

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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„So werde ich eher zu sterben wissen, Monseigneur, als mein 
Wort brechen. Der Vater meiner Geliebten, der mir seine Tochter 
nur geben will, wenn ich ihm Ihre schriftliche Erlaubnis; bringe, 
wird triumphiren; er hat vorausgesehen, daß Sie mir dieselbe ver 
weigern tverden und er wünscht es, da seine Tochter in diesem 
Falle gezwungen ist, mich zu verlassen, der ich dann unglücklich 
und in Ungnade gefallen sein werde; sie wird einen anderen 
nehmen müssen, der dem Vater besser paßt als ich." 
Jni ersten Augenblicke hatte ich gar nicht das Gefühl, mit 
diesen Worten einen guten Schachzug zu thun, sie spiegelten viel 
mehr meine augenblickliche Sentimentalität wieder: inzwischen änderte 
sich die Scene alsobald. Der Prinz wurde sanfter und entgegnete: 
„Ja aber wenn ihr Vater sie Euch nicht geben will, so kann ich 
ihn nicht dazu zwingen. Ich erkenne wohl seine List und seinen 
Eigensinn. Nun, da Ihr mit seiner Tochter einig seid, so müßt 
ihr sie entführen, sie zu einer ihrer Verwandten bringen, und 
dann wird man den Vater ztvingen, sie Euch zu geben." 
Natürlich wollte er sich aus meine Kosten amüsircn, indessen 
war in der Aeußerung doch auch eine Spur von Sympathie ent 
halten, die freilich nur die Kehrseite seiner Abneigung gegen den 
alten Schneider war. Er fand es interessant, die Pläne desselben 
zu kreuzen. 
Ich antwortete also, diese heftigen Maßregeln wären nicht 
nöthig und das beste Mittel, die Pläne des Vaters zu vereiteln, 
tväre Sr. Königlichen Hoheit schriftlicher Consens zur Heirath, 
Herr Schneider würde höchlich überrascht sein, wenn ich ihn 
wirklich erhielte und ihn ihm inorgen präsentirte. 
Endlich ließ er sich erlveichcn und versprach mir, wenn auch 
nicht ohne Widerstreben, mir dies „Marterinstrument", wie 
er cs nannte, ausfertigen zu lassen*). 
Ich war nun froh, so weit zu sein, allein es war noch nichts 
über den zweiten Punkt, das Staatsamt, verhandelt und wie sollte 
ich diesen Vorschlag in geeigneter Weise einleiten! Indessen war 
ich entschlossen, nicht eher von dannen zu gehen, als bis der Han 
del ganz abgethan war. 
Zu meinem Glücke bot der Prinz selber die Gelegenheit, auf 
den Punkt zu kommen. Er scherzte noch immer über das Hei- 
rathen und sagte unter Anderen«, nun würde ich einen Haufen 
Kinder bekommen, von denen ich das Vergnügen und er die Last 
hätte, denn ich könnte doch meine Familie auf die Dauer nicht 
ernähren und so müßte er denn wohl die Sorge übernehmen. 
Ich antwortete ihm, ich wüßte ein sehr gutes Mittel, ihn 
dieser Sorgen zu überheben; allein es wäre ein in der That sehr 
heftiges Drittel, für meine Existenz sehr empfindlich, aber ich inüßte 
es ihm doch über kurz oder lang mittheilen. 
Hier stockte ich und er bat um nähere Aufilärung. 
„Ich bin Franzose", sagte ich, „die Steuer- und Zollver- 
waltung liegt nur in den Händen von Franzosen, die es sich zur 
Ehre schützen werden, mir ein Amt anzuvertrauen, falls Sie mich 
empfehlen. Die nöthigen Vorkenntnisse besitze ich." 
Plötzlich unterbrach er mich mit flanunenden Augen und sagte 
in höchst zornigem Tone, ich wäre ein Unverschämter, der die 
Schtvachheit, mit lvelcher er mir die erste Bitte bewilligt hätte, 
benutzte, — jetzt zöge er die gegebene Erlaubniß förmlich zurück; 
ich sollte weder die Frau noch das Amt noch dm Abschied erhalten 
und könnte nun über mich verfügen. 
Dies Gewitter hatte ich erwartet. Ich ergriff seine Hand 
unter Thränen, rief ihm seine Versprechungen, mein Glück zu 
machen, ins Gedächtniß und setzte hinzu, es wäre besser, er machte 
es jetzt, wo ich noch jung wäre, als zu einer Zeit, wo ich nicht mehr 
in« Stande sein würde, ihn« in einem Staatsamt Ehre zu machen 
und vielleicht überhaupt zu alt, uin eins zu crhaltm und zu führen. 
*) Dies Instrument ist noch im Besitz des Herausgebers. 
' Endlich wurde er weich und bewegt. 
„Was wird man sagen," sprach er, „wenn ich einen jungen 
Mann von 29 Jahren placire, der mir nur acht Jahre gedient 
hat? Alle meine alten Diener werden mit Recht darüber murren 
und sich über meine Ungerechtigkeit beklagen." 
Ich hielt ihm entgegen, ihre Beziehungen zu ihm seien ganz 
verschiedener Natur als die meinigen. Ihre langjährigen Dienste 
würden durch Pensionen belohnt, die ihnen ein ruhiges Leben 
sicherten; aber ich, der ich schwerlich an ein solches Glück denken 
könnte, ich wollte arbeiten, um dem Staate nützlich zu sein. 
Nach vielen Schwierigkeiten seinerseits und nachdem ich alle 
Mittel der Beredsamkeit erschöpft hatte, war der Prinz überwunden 
und sagte in dem Tone aufrichtiger Theilnahme: 
„Laßt mich, Ihr seid ein Narr, den die Liebe blind macht. 
Ich will Euch Eure Bitten gewähren und Euch vom Rand des 
Verderbens ziehen, in dessen Abgrund Ihr Euch stürzen wollt. 
Ihr werdet es eines Tages bereuen, das angenehmste und bequemste 
Leben an meinem Hofe gegen ein Leben voller Unannehmlichkeiten 
vertauscht zu haben, in dem Ihr hundert Vorgesetzte habt, die 
Euch unablässig chikaniren werden. Ihr habts gewollt, — wohlan, 
es sei"! 
Ich verließ ihn, durchdrungen von seiner Huld und begab 
mich nach dieser peinlichen Audienz, die über eine Stunde gedauert 
und mich bis zu einem unbeschreiblichen Grade aufgeregt hatte, 
zu Herrn von Wreech, um ihm das Resultat meines kühnen Unter 
nehmens mitzutheilen. Er traute seinen Ohren kaum und meinte, 
die Liebe müsse sehr beredt machen; er hätte für mich gezittert, 
als er mich zu einem so delikaten Gang hätte dahinschreiten sehen. 
Ich bat ihn, dafür Sorge zu tragen, daß mir die Genehmigung 
des Prinzen schriftlich gegeben würde, um sie meinem Schwieger 
vater mittheilen zu können. 
Am folgenden Morgen erhielt ich die fraglichen Papiere und 
beeilte mich, sie dem alten Schneider persönlich zu überreichen. 
Er war zwar außerordentlich überrascht, machte jedoch darob kein 
freundlicheres Gesicht, wofür mich die Freude meiner Braut reichlich 
entschädigte. Das Verbot, ins Haus zu kommen, ivurde nun still 
schweigend aufgehoben, weil es nicht mehr zog; dennoch vermied 
es der Alte sorgfältig, mit mir zusammenzutreffen; er wußte, daß 
ich täglich bei den Seinen zu Abend aß, drum brachte er die 
Abende in seiner Reffource zu. Wenn er aber einmal früher als 
gewöhnlich heimkehrte und mich traf, so antwortete er auf meinen 
höflichen Gruß nur durch ein unverständliches Murmeln. Zum 
Glück dehnte sich sein Unwille nicht auch auf seine Tochter aus; 
er bewies ihr vielmehr stets dieselbe zärtliche Liebe und machte ihr 
nie die leisesten Vorwürfe mehr. 
Darüber nahte der Geburtstag meiner Braut, der 11. März 
1778. Ihr Vater feierte ihn großartig und lud eine zahlreiche 
Gesellschaft. Es war der glücklichste Tag meines Lebens, unsere 
Verlobung wurde veröffentlicht und ich brauchte keine neuen Hin- 
derniffe mehr zu fürchten. Doch auch von jetzt ab änderte mein 
Schwiegervater sein Benehmen gegen mich keineswegs. Er war 
einsilbig und dachte nicht daran, von Vorbereitungen zur Hochzeit 
zu sprechen. Dieses Schweigens überdrüssig, wagte ich eines Tages, 
ihn zu ftagen, wann er uns an den Altar zu führen gedächte. 
„Das hat noch Zeit", erwiderte er trocken, „vielleicht in einem 
halben Jahre, vielleicht in einem Jahre." 
Ich bat ihn, einen Tennin ins Auge zu faffen, damit ich 
meinerseits Anstalten treffen könnte, in meinen neuen Stand über 
zutreten. 
„Wir tverden sehen", versetzte er unbestimmt. Meine Lage 
war peinlich genug, mit dem Prinzen mochte ich nicht ferner 
; darüber sprechen, er wäre auch nicht daraus eingegangen, Herr 
von Wreech rieth mir, Geduld zu haben, das Ucbrige würde von 
! selber kommen.
        
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