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Volume 10. September 1881, Nr. 50

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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nicht mit Widerwillen sah, was seine Pläne kreuzte. Wenn ich 
ihn also besuchte, so empfing er mich mit einer Kälte, die geradezu 
unanständig war. Dagegen mochte mich seine Frau sehr gern 
leiden. Als ich sie eines Tages allein traf und ihre Tochter 
zu loben anfing, sagte sie mir, ich kennte die Anforderungen 
ganz gut, die man an ein Mädchen stellen müßte; zu ihrer Freude 
wäre ihre Tochter des Lobes nicht ganz unwürdig. Diese wenigen 
Worte ermuthigtcn mich und ich ließ sie merken, daß eben ihre 
Tochter der Gegenstand meiner Wünsche wäre. Die Mutter ant 
wortete: „Sie müssen den Vater fragen; was mich betrifft, so 
würde ich Eurem Glücke nicht im Wege sein, denn ich weiß, daß 
meine Tochter Sie nicht abweisen wird." Ich dankte ihr von 
ganzem Herzen, war froh, weil ich die Mutter auf meiner Seite 
hatte und verdoppelte nun meine Besuche, zu denen ich indeß die 
Stunden wählte, wo Vater Schneider auf dem Steuerbüreau war. 
Endlich eines Abends fand ich die paffende Gelegenheit, mich 
meiner Geliebten ohne Umschweife zu erklären. Sie war äußerst 
bewegt und konnte keine Worte finden; als aber ihre Mutter sie 
bat, sich auszusprechen, sagte sie zu mir, ich müßte vor allen 
Dingen das Jawort ihres Vaters haben, denn ohne seine Er 
laubniß würde sie sich nie verhcirathen; darin müßte ich mich 
fügen. Nun nahm die Mutter es über sich, vorerst mit dem Vater 
zu sprechen und daraufhin wagte es die Tochter, meinen Antrag 
vorläufig anzunehmen. Sie gestand mir, sie hätte mich stets ge 
liebt und würde unvcrheirathet bleiben, wenn sie gezwungen würde, 
mich zu verlassen. Wir versicherten uns ewige Treue und Be 
ständigkeit in allen Prüfungen und ich war der glücklichste Mensch, 
der Rest, der noch blieb, des Vaters Ja, schien mir Kinderspiel. 
Noch an demselben Tage benachrichtigte die Mutter den Alten 
von dem, was zwischen seiner Tochter und mir vorgefallen war; 
sobald er es erfuhr, brach er in den heftigsten Zorn aus. Er 
verbot seinen Damen, mich je wieder in sein Haus hineinzulassen, 
wenn sie seinen Grimm vermeiden wollten; er würde wüthend 
werden, wenn er mich unglücklicherweise in seiner Wohnung träfe. 
Meine Braut benachrichtigte mich schriftlich davon und war, wie 
ich, in einem bedauernswerthen Zustande. Ihr Vater liebte sie 
fast abgöttisch und setzte Alles in Bewegung, um sie von ihrem 
Vorsatz, den er die größte Thorheit nannte, abzubringen; er ver 
sprach ihr, sonst alle ihre Wünsche zu erfüllen, ja ihnen zuvorzu 
kommen, — nur sollte sie mir entsagen. Sie versicherte ihn, sie 
würde sich nie gegen seinen Willen vermählen, aber sie bliebe 
lieber Jungfrau ihr ganzes Leben, als daß sie einen Anderen 
nähme wie mich. 
In Folge dieser bündigen Erklärung hatte sie von ihrem 
Vater viel zu leiden; täglich gab es neue Scenen. Ich benutzte 
jeden Augenblick, wenn ich bestimmt wußte, der Vater war nicht 
zu Hause, um meine Braut zu besuchen und sie zu ermuthigen. 
Aber durch die täglichen Kämpfe zog sie sich eine gefährliche 
Krankheit zu. Als der Vater nun endlich einsah, daß er nichts 
über sie gewann, ließ er mich rufen. Ich fand ihn neben seiner 
weinenden Tochter auf einem Sopha, trat auf ihn zu und bat ihn 
flehentlich um seine Tochter, damit wir Beide glücklich würden. 
Mit barschem Tone antwortete er, er wolle sie mir geben, falls 
ich mich gewissen Bedingungen unterwürfe: erstens, daß ich ihm 
die schriftliche Einwilligung des Prinzen brächte, zweitens, daß ich 
durch den Prinzen ein Amt erhielte, das mich in den Stand 
setzte, mit seiner Tochter, die das gewohnt wäre, behäbig zu leben; 
drittens, daß dieselbige, seine Tochter, keine Mitgift bekäme; 
viertens und letztens, daß ich verspräche, nie wieder vor ihm zu 
erscheinen, bis die Bedingungen erfüllt wären. 
Wenn man Liebhaber ist, scheint Einem nichts unmöglich und 
so versprach ich großherzig Alles, als wmn es das Leichteste von 
der Welt wäre. Mein Schwiegervater, der all diese Dinge mit 
praktischem Blicke betrachtete, war ziemlich sicher, daß der Prinz 
mir keinen Consens geben, mich vielmehr für das bloße Ansinnen 
verabschieden würde, — und dann hoffte er seine Tochter meinen 
Händen init leichter Mühe entziehen zu können. Im ersten Augen 
blick sah ich die Schlinge nicht, die er mir stellte, allmählich aber 
ward mir die Schwierigkeit der ersten Bedingung klar. In der 
That, wie sollte ich mich benehmen, um des Prinzen Einwilligung 
zu erhalten, da derselbe keine verheiratheten Leute an seinem Hofe 
duldete? Und noch dazu sollte der Consens schriftlich sein,— und 
dann sollte ich noch das Amt bringen! 
Ich ging in dieser Klemme zu dem trefflichen, würdigen Baron 
von Wreech, dem Busenfreund des Prinzen, der mir noch stets 
wohlwollte. Er achtete den alten Schneider als einen Ehrenmann, 
der sich um den Prinzen verdient gemacht und sich ihm treu er 
wiesen hatte. Er kannte auch meine Braur als ein gediegenes, 
wohlerzogenes Mädchen und deshalb sagte er, man könne gegen 
die Verbindung mit einer so ehrenwerthcn Familie nichts ein 
wenden und es möchte mir wohl glücken, den Prinzen zur Ein 
willigung in die Heirath zu bewegen: — allein das Amt, das 
Amt, davon sollte ich meinen Mund nur nicht austhun, wenn ich 
meinen Sturz nicht herbeiführen wollte. 
Ich bat ihn, den Prinzen gütigst von meinen Absichten zu 
unterrichten und ihn für mich um eine Audienz zu bitten. Nach 
einigen Tagen, die mir sehr lang wurden, ließ Herr von Wreech 
mich rufen und theilte mir Alles mit, was der Prinz über die An 
gelegenheit hatte laut werden lassen. Das war freilich nichts 
weniger als günstig: der Prinz gewährte mir eine Audienz, aber 
es war sehr fraglich, wie er mich aufnehmen würde. 
Als ich bei ihm eintrat, war ich so von Furcht ergriffen, daß 
ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Ich wußte nichts 
von Allem mehr, was ich ihm sagen wollte. Glücklicherweise er 
griff er die Initiative und gab mir dadurch meine Gedanken 
wieder. 
„Nun, mein Herr Liebhaber," hob er an, „ich höre, Ihr 
wollt hcirathen. Ich erkläre Euch, daß ich das nie zugeben werde." 
Ich stellte ihm vor, das Mädchen wäre die Tochter eines 
seiner ältesten Diener, sie wäre von guter Herkunft, wohlerzogen, 
verständig und eines besseren Looses werth, als was ich ihr bieten 
könnte. 
„Ja", erwiderte er, „ich kenne sie, aber ich liebe ihren Vater 
nicht, der ein wahrer Grobian ist. Ihr müßt entweder auf die 
Heirath, die eine rechte Thorheit für einen jungen Mann ist, oder 
auf meine Achtung verzichten." 
„Ich werde »ueber auf die eine noch auf die andere verzichten, 
Monseigneur," antwortete ich. „Ich habe diesen» Mädchen mein 
Ehrenwort gegeben und es ist mir unmöglich, es zurückzunehmen." 
Nun mußte ich tausend Spöttereien über das andere Geschlecht 
anhören, über die Frivolität, die Untreue und andere fatale Eigen 
schaften der Frauen, und was weiß ich noch, worüber er »vitzeltc, 
um mir meinen Entschluß leid zu machen. Ich parirte so gut ich 
konnte, wir fochten beide lange, ich im Ernst und er im Scherz, 
bis er endlich einfach sagte: „Rechnet nicht auf meine Einwilligung." 
Dann wandte er mir den Rücken, oder mit Worten: Adieu, d. h. 
scheer dich! 
„Verzeihen Sie, gnädiger Herr, noch ein Wort!" Er wandte 
sich um und wiederholte: „Ihr wißt meine Ansicht, damit ein für 
alle Mal genug." 
Ich war in Verzweiflung, weil ich nichts über ihn vermochte, 
sagte ihm also unter Thränen in den Augen: „Nun, so bitte ich 
Sie noch um eine letzte Gnade: Geben Sie mir den Abschied, 
ich will nach Frankreich zurück, um dort die Schande zu verber 
gen, die mir ankleben wird, wenn ich mein Wort breche und eine 
Familie unglücklich mache." 
„Macht, was Ihr wollt, Ihr bekommt weder den Abschied 
noch die Frau."
	        
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