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Periodical volume 10. September 1881, Nr. 50

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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ihm geschrieben, und es paßte, wenn er es nur gehörig aus 
legte. Und sie sollte diesen Mann lieben, sie sollte ihm folgen 
wollen? — Sie sollte nicht! Er wollte — er wollte — ach! 
was wollte, was konnte er?! 
Als der Morgen kam, erblaßten seine aufgeregten Vor 
stellungen, und was ihm gewiß geschienen, wurde wieder 
Schatten und Schaum, zu dem er keinen Glauben haben 
konnte. Er fühlte sich ermattet und bedrückt, als er aufstand, 
und wünschte, er könnte gleich auf der Stelle abreisen, oder 
davonlaufen — doch, indem er dies dachte, fiel ihm Liesbeth 
ein, und er sagte heftig und hastig: Nicht zu ihr zurück! 
Um Gottes willen! nicht zu ihr, wie soll das werden! 
Der Major hatte heut seinen Gästen einen freien Tag 
gegeben, das heißt, es war keine Jagd und keine gemeinsame 
Vergilüglichkeit veranstaltet. Jeder mochte thun, was ihm be 
liebte; zum Mittagsmahl aber, das spät erst beginnen sollte, 
mußte die Gesellschaft wieder beisammen sein. Es waren 
zahlreiche Gäste dazu eingeladen, die vornehmen Nachbarn, 
und wer sonst dazu gehörte. Als Conrad sich beim Früh 
stück einfand, rief ihm Ludolf entgegen: Gut, das Ihr kommt, 
Ihr müßt mit von der Partie sein, Kamerad. Wir wollen 
auf den See hinausfahren und fischen, wenn Euch das be 
hagt. Sonst bleibt zu Haus und seht zu, wie Ihr Euch die 
Zeit vertreibt. Meine Schwester, mein Vater und Baron 
Quast reiten nach Meerfelde hinüber, Ihr könnt Euch auch 
dort anschließen. 
Conrad erklärte mit Bereitwilligkeit, daß er zu fischen 
vorziehe, und Ludolf rief lachend: Recht, mein Junge, kommt 
mit mir und mit Kracht, denn was es dort zu fischen giebt, 
geht doch nicht in Euer Netz- 
Nach einiger Zeit zogen sie mit Angeln und Netzen durch 
den Garten, der bis an einen bebeutenben See reichte, welcher 
die schönste Gelegenheit für beutelustige Fischer bot. Er war 
tief und breit, fast eine Stunde lang, und schaukelte seine 
Wellen und Rohrfelder zwischen Buchwald und lacheirden 
Ufern. In Ludolfs Gesellschaft befand sich ein Offizier, der 
sich Conrad immer freundlich bewiesen, und diese drei jungen 
Leute bemächtigten sich nun eines der flachen Kähne und 
fuhren lustig in den goldigen Tag hinaus, über das klare, 
blaue Wasser. Es gab vielerlei große Fische im See, und 
Ludolf meinte die besten Stellen zu kennen, wo die Angeln 
auszuwerfen seien. Sie fuhren weit in eine Waldbucht, wo 
das Wasier sich zwischen Hügelwände eindrängte, und machten 
sich dort an ihre verrätherische Jagd. Aber sei es, daß ihnen 
Glück oder Geschicklichkeit, oder beides mangelte, die Fische 
waren klug genug, sich nicht fangen zu lassen, wenigstens blieb 
der Fang nach mehreren Stunden unerheblich, und endlich 
warf Ludolf zuerst die Angel fort und rief, daß dies eine 
verdammte Beschäftigung für Menschen sei, die nicht die Ge 
duld eines Schneiders besäßen. 
Damit kehrte er das Netz um, in welchem die paar un 
glücklichen Gefangenen bewahrt wurden, die das Opfer ihres 
Leichtsinns geworden, und gab ihnen die Freiheit. Scheert 
euch nach Haus! schrie er ihnen nach, und schickt uns aus 
gewachsene Bursche, die das richtige Maß haben. Bei diesen 
Worten fielen seine Blicke auf Conrad, der in der Spitze des 
Kahnes saß und ernsthaft in's Waffer sah. Was ist denn 
das mit Euch? fuhr er fort- Waruin seid Ihr nicht'lustig? 
Was geht Euch im Kopfe umher? 
Es fehlt mir nichts, sagte Conrad, aber — nun jeder 
Mensch hat wohl mancherlei Dinge in seinem Kopf, und — 
es geht ihm wie den Fischen da, fügte er lachend hinzu. 
Was meint Ihr mit den Fischen? fragte Ludolf. 
Sie suchen nach dein Eleinent, wo ihnen wohl ist. 
Und Ihr sucht auch danach. Auf mein Wort! ich 
glaub's Euch und hab's Euch längst angemerkt, seit Ihr 
hier seid. Was, zum Henker! laßt Ihr Euch'von Eurem 
Vater hinter den Ladentisch sperren, zu einem verdammten 
Krämer machen! Heda, Kracht, denke dir, ein Kerl, gewachsen 
wie eine Ruthe, ein Sohn von einem alten Soldaten, soll 
Band und Zwirn verkaufen, und zur Belohnung — ja, das 
ist freilich noch das Beste — zur Belohnung soll er ein 
nettes, blauäugiges Mädchen bekommen, wenn er sie nur 
nicht zu heirathen brauchte. Heirathen, und dann die Nacht- 
mütze über die Ohren, und die Kindcrklapper in die Hand! 
schrie er lachend, und der Lieutenant Kracht lachte nicht we 
niger; dainit ist er dann für's ganze Leben versorgt. 
Lieber einen Strick um den Hals! rief Kracht, als solche 
Stricke an den Beinen. Aber warum haut Ihr nicht die 
ganze Gesellschaft in die Pfanne? Wenn's jetzt Krieg giebt, 
so laßt mit Zwirir handeln, wer Lust hat. 
Und der Alte mag mit dem Zopf wackeln und das 
hübsche Liesbethchen trösten, sagte Ludolf. Hört, Conrad, 
ich bin Euer alter Kamerad und habe Euch lieb, als spiel 
ten wir noch Pferd zusammen. Der Teufel soll mich holen, 
wenn Kracht nicht Recht hat! Krieg giebt's gewiß, denn der 
verdammte Napoleon hat nicht eher Ruhe, bis wir ihm auf 
deu Pelz kommen. Prinz Louis sagte uns neulich beim Ab 
schiede, wir möchten nur immer die Säbel scharf machen lasten, 
ehe wir aus Urlaub gingen. Alle Regimenter nehmen Frei 
willige an. Tretet bei uns ein, Conrad, in meine Schwadron, 
wir wollen Euch schon helfen. 
Leute, die mit der Feder Bescheid wissen, sagte Kracht, 
sind jetzt gut zu brauchen, werden bald Unteroffizier oder 
Wachtmeister. 
Er kann's weiter bringen! rief Ludolf. Bei deu Feld 
regimentern giebt's schon bürgerliche Offiziere, und im Kriege 
fragt man nichts nach dem Stammbaum. Wir haben mehr 
als einen bürgerlichen Major und Obersten in der Armee 
gehabt, das kann wieder so kommen. Mairche sind auch 
schon geadelt worden und haben in den besten Familien ge- 
heirathet. 
Conrads Augen thaten sich weit und glänzend auf. Es 
war, als blickte er in eine mit zauberischen Bildern gefüllte 
Welt. 
Das gefällt Euch! Nicht wahr? lachte Ludolf. Heda! 
wir nehmen ihn gleich mit. Kracht. Er soll nicht wieder in 
die Zwirnspelunke. Ich setze mein Wort zum Pfande, daß 
was aus ihm wird. Ein gemeiner Krämer hätte meinen 
Schwarzen nicht reiten können, wie er ihn geritten hat. 
Das war ein Grund, auch den Herr,: von Kracht da 
für zu stimmen, daß Conrad auf's Roß gehöre und nicht auf 
die Elle. Sie sprachen Beide auf ihn ein und schilderten ihm 
das Soldatenleben und tapfere Kriegsthaten mit den üppigsten 
Farben. Dabei auch immer wieder, wie er glänzend empor 
steigen könne aus seiner Niedrigkeit, uird da Conrad lebhafte 
Antworten gab, gar nicht abgeneigt schien, wenn's losging, 
Dienst zu nehmen und zu beweisen, daß Soldatenblut in ihm
        
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