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Periodical volume 10. September 1881, Nr. 50

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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und leuchtenden Augen war die Zierde dieser Feste- Er der 
Erste in allen Künsten, der bewunderte Liebling seiner Ge 
nossen. Seine Gewandtheit und Kraft war crstaunenswürdig. 
Wie das wildeste stieß unter ihm demüthig zitterte, so zitterte 
Jeder, dem er drohte; Jeder fühlte sich geschmeichelt, mit dem 
er lachte und scherzte. Conrad hatte gesehen, wie er mit dem 
Pistol auf zwanzig und dreißig Schritte das Herz aus dem 
Eoeur-As schoß; er hatte'gesehen, wie er mit Gewehr und 
Büchse nie sein Ziel fehlte; er hatte gesehen, wie er der beste 
Tänzer war; er hatte aber auch gesehen, wie er mit seiner 
schweren Peitsche unbarmherzig auf Thiere und Menschen hieb, 
die nicht gleich nach seinem Willen thaten. Wenn in irgend 
einem, so lag in diesem Gesicht die schnödeste Menschenver- 
achtung und der übermüthigste Junkertrotz, alle die wilden 
Tugenden überschäumender Manneskraft, und die unzähmbaren 
Laster dünkelhafter Herrlichkeit. Darum war er das Vorbild 
seiner Genossen, und sein stiuf ein so gepriesener und gefürch 
teter. Für Conrad hatte er keinen Blick, er sah über ihn fort, 
aber einige Male doch, wenn Fräulein Renate mit dein un 
passenden Gaste freundlich that, ihn zu sich rief und mit ihm 
voran ging, zogen sich seine Augen zusammen und ein hohn 
volles Lachen lief um seine Lippen. Es ging jedoch dem 
Conrad Funk eben so mit seiner Abneigung. Er wußte nicht 
warum, aber eine rachsüchtige Glut loderte in ihm auf, sobald 
er sah und horte, wie der Baron gepriesen und bewundert 
wurde; noch mehr, wenn er sah, wie er dein Fräulein hul 
digte, und wie alle Anderen vor ihm zurückwichen. Vor ihm 
war er nichts, als ein tyrannischer, zu aller Gewalt bereiter 
Manu, der nichts achtete lind nichts scheute, und dein er gerne 
gesagt hätte, was er dachte. 
O! wenn das möglich geivesen, wenn er nicht ein Wurm 
ivar, der zu den Zertretenen gehörte, er hätte sich nicht vor 
dem Cocur-As gefürchtet. Aber die Vornehmsten waren ent 
zückt von diesem edlen Herrn, und sie — sie, die ihm so 
wenig glich, die so mild und so gütig >vie ein Gotteseiigel 
aussah, auch sie war zufrieden, wohl stolz daraus, daß er sie 
bevorzugte, sie umlagerte; daß er ihr seine Huldigungen in 
Allen merklicher Weise darbrachte. 
Am dritten Abend, als er schon im Bette lag, kam der 
alte Jäger zu ihm, die Grcnadierpfeife im Munde und eine 
volle Weinflasche in der Hand, sammt einem zerbrochenen 
Glas. Er setzte sich auf den Schemel am Bette nieder und 
lachte seinen guten Freund mit schwimmenden Augen an, wie 
cs Einer thut, der viel getrunken hat. 
Hollah, Mosjch! rief er, wach Er auf, und trinke Er mit 
mir noch einen gelten Tropfen. Alle Donner-Element! es 
geht diesmal lustig zu. Das gefällt Ihm? heh! 
Es wird bald zu Ende sein, sagte Conrad. 
Bald zu Ende? schrie der Grenadier. Himmel-Saker- 
uicut! cs soll erst anfangen. Was habe ich Ihm gesagt! 
Hab' ich Ihm nicht gesagt, wir kriegen noch 'ne Verlobung. 
Hoho! die Verlobung kriegen wir, und dabei soll's hergehen, 
daß Jeder den Himmel für'n Dudelsack ansieht. 
Er lachte auf und nickte dazu; schenkte das zerbrochene 
Glas voll und schrie: Trink Er, Mosjch! trink Er aus und 
noch Eiils und noch Eins! das Brautpaar soll leben, hur- 
rah hoch! 
Es ist ja noch nicht so weit, sagte Conrad. 
ES ist noch nicht so weit? Na, aber morgen wird's so 
weit sein. Die Sache ist richtig. Der Baron hat mit un 
serem Herren gesprochen, hat angeklopft, und ist Alles in 
Ordnung. Er will den Abschied nehmen, sobald es nichts 
mit dem Krieg wird, denn sonst erfordert die Ehre, daß er 
beim Regiment bleibt. Aber dann wird er das Fräulein 
heirathen und auf seine Güter gehen, und da wird's ein 
Leben geben. O, du Kreuz-Element! wie werden die leben! 
Keiner wird's ihnen gleich thun. 
Womit? fragte Conrad, ohne recht zu wiffen, was er 
fragte. 
Womit? schrie der Invalide. Mit Allem, was es in 
der Welt Schönes giebt, was da geschaffen wird von allen 
Creatlireu. 
Bis das Geld ein Ende nimmt, antwortete Coiwad er 
bittert. 
Der hat's, bei dem nimmt's so leicht kein Ende! Der 
kann noch zwanzig Male Schlitten fahren, wie er in Berlin 
Schlitten gefahren ist, mitten im Sommer, als Doctor Luther. 
Er brach in Lachen und Husten aus, indem er an die 
tolle Schlittenfahrt dachte, welche die Gensdarmen- Offiziere 
und Herren vom Hofe im vorigen Jahre erst gehalten hatten, 
als Zacharias Werners Weihe der Kraft in Berlin aufge 
führt wurde, um diese und die fromme Bewegung in Berlin 
zu verspotten. 
Nimmt denn das Fräulein diesen Herrn Baron so gern? 
fragte Conrad, und es fiel ihm ein, was sein Vater schon 
einmal gefragt und gesagt hatte. Der alte Grenadier aber 
schrie auf: Ist Er verrückt, Mosjch! Da wird nicht lange 
gefackelt. Da heißt es: Hierher, Renate, da steht der Baron 
Quast, der wird dein herzliebster Eheherr und Gemahl wer 
den. Jetzt vorwärts, bedank dich bei ihm und fall ihm um 
den Hals. Vorwärts marsch! 
Und wenn sie cs nicht thun will? rief Conrad heftig. 
Alle Donnerwetter! Wo ist die Hetzpeitsche?! 
Und wenn sie unglücklich wird, Klosmann, denn dieser 
Baron ist ein roher, wüster, gewaltthätiger Mensch. 
Ja, ja! sagte der Invalide, indem er ernsthafter wurde. 
Stoßen und Schlagen ist seine Sache. Es ist einer von 
denen, die das verstehen. 
Und dem, — dem soll sie hingeworfen werden! 
Krimskrams! schrie der Invalide plötzlich wieder lachend. 
Setz Er sich nichts in den Kopf, Mosjch, die läßt sich nicht 
iu's Bockshorn jagen, die hat Haare auf den Zähnen und 
den Kopf voll Kniffe und Schliche; wird ihn schon machen, 
wie sie ihn haben will. Sie war schon als Kind wie ein 
Kobold, und lacht und springt noch so umher. — Jetzt den 
Rest ausgetrunken, Mosjch, und dann »vollen wir schlafen. 
Morgen ist große Gesellschaft, da kann er erleben, was ich 
Ihm anvertraut habe. Aber keinem Menschen sagt Er ein 
Wort davon, das rathe ich Ihm. 
Endlich ging er mit der leeren Flasche, aber noch lange 
lag Conrad mit seinen Gedanken wach, und diese quälten 
ihn mit tausend Stacheln. Alle seine vernünftigen Vorstel 
lungen tvollten nicht Stich halten vor den Eingebungen seiner 
Phantasie. Zuletzt war es ihm, als sei cs wahr und gewiß, 
daß Renate es gewesen, die ihin das Schicksal zugeführt, und 
die er wiedergefunden, nachdein sie ihn auf dem Maskenball 
verlaßen." Er setzte sich Vieles zusammen, erinnerte sich ihrer 
Worte, selbst was in dem Abschiedsbrief gestanden, den sie
        
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