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Periodical volume 3. September 1881, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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„Aha", versetzte ich, „du willst dich rächen. Nun, hier habe 
ich zwei Pistolen: werden wir angegriffen, so befiehl Gott deine 
Seele zuvor, denn ich werde dir dann zuerst eine Kugel durch den 
Kopf jagen". 
Hierdurch fühlte er sich sehr beleidigt und wollte sich bei dem 
Postmeister auf der nächsten Station beklagen, daß ich ihn für 
einen Straßenräuber hielte. 
„Wir werden sehen," erwiderte ich, „wem von uns er Recht 
geben wird". 
Darauf schlug er den richtigen Weg ein und eine Stunde 
nachher kamen wir mit Tagesgrauen in Hersfeld an. 
Dort machte er auf der Post seine Drohungen wahr. Auf 
seine Anklagen hin verlangte der Postmeister in den gröbsten Aus 
drücken, ich sollte mich rechtfertigen, wo nicht, so würde er mich 
einsperren lasten. 
„Ich werde mich vor Euch nicht verantworten", sagte ich, 
„sondern Euch und Euren Postknecht in Kassel für die mir zuge 
fügten Beleidigungen belangen." 
Dann nannte ich meinen Namen, wies meine Pässe vor und 
bemerkte nebenbei, er würde cs zu verantworten haben, wenn 
meine Reise an den preußischen Hof, die sehr eilig wäre, durch 
ihn aufgehalten würde. 
Als er dies hörte und den Paß des preußischen Gesandten, 
Herrn von der Goltz las, in dem ausdrücklich stand, man sollte 
mir überall für schleunige Fortsetzung der Reise Vorschub leisten, 
wurde er blaß und ging sofort von Drohungen zur niedrigsten 
Unterwürfigkeit über. Er machte dem Postillon die härtesten Vor 
würfe, bat mich, die Sache zu vergeffen, der Knecht sollte bestraft 
und ich davon in Kenntniß gesetzt werden. Beides verbat ich mir. 
Ich erhielt einen sehr bequemen Wagen und ließ den neuen 
Postillon fahren, was die Pferde laufen konnten. An den Folgen 
der aufregenden Nacht hatte ich noch länger zu tragen; ich bekam 
ein Fieber, in welchem ich mich von beständigen Gefahren um 
geben glaubte. Doch lief das wie die übrige Reise, glücklich ab, 
außer, daß ich in Gotha ein Tüchlein verlor, welches mir meine 
Mutter geschenkt hatte und das mir lieber war als eine Reliquie. 
Es war Zeit, daß ich eilte, denn an dem Tage, wo ich in 
Berlin anlangte, hatte auch der Prinz mit dem Großfürsten seinen 
Einzug gehalten. Ich glaube es war am 10. August 1776. Zu 
dieser Festlichkeit waren die Leute aus der ganzen Umgegend nach 
Berlin geeilt, so daß ich in Beelitz Mühe hatte, Pferde zu be 
kommen und zwei Stunden warten mußte. Uni diese Zeit wieder 
einzubringen, gab ich den Kutschern auf jeder Station einen 
Thaler Trinkgeld, wofür sie immer im Galopp fuhren. 
Trotzdem konnte ich erst gegen Mitternacht vor dem prinzlichen 
Palais vorfahren. Um kein Geräusch zu verursachen, stieg ich im 
Hotel de Rome ab, wo ich für zwei Taffen Thee und mein Nacht 
lager einen Dukaten bezahlen mußte. 
Am Morgen ließ ich meine Effekten auf mein Zimmer bringen, 
zog mich an und ging zum Prinzen, der mich sehr leutselig empfing 
und sich nach meiner Reise, besonders eingehend aber nach meiner 
Familie erkundigte. Ich antwortete ihm u. A., meine Eltern 
hörten nicht auf, ihm für seine sichtliche Güte gegen mich zu danken 
und für die Erhaltung seines erhabenen Lebens zu beten. — Er 
bemerkte, daß ich Schuhe ohne Absätze trug, denn diese Mode 
war eben in Paris eingeführt, aber noch nicht nach Berlin ge 
langt, wo man noch immer hohe Absätze trug, und der Prinz, 
wie erwähnt sehr hohe —: so äußerte er denn, die Franzosen 
wären Narren und er für seine Person würde bei der alten Mode 
bleiben. Ich kannte seine schwache Seite und widersprach ihm nicht. 
Vom Prinzen aus begab ich mich zum Thronfolger und 
übergab ihm die für ihn bestimmten Papiere. Er fragte mich aus 
über Esperendien, an dem er Jntereffe zu nehmen schien. Als ich 
ihn verließ, versicherte er mich seiner Protektion; „es wird schon 
eine Zeit kommen, wo ich sie Euch zuwenden kann". Gott sei 
Dank, daß ich ihn an dies Wort nicht erinnern brauchte; ich hätte 
es auch nicht gethan, selbst wenn ich in Noth gekommen wäre: der 
Prinz, mein Herr, duldete es nicht, daß Jemand, der in seinem 
Dienst gestanden hatte, sich anderswo als bei ihm selbst nach 
Hülfe umsah. 
Als später der Kronprinz auf den Thron gekommen war, 
eilte Esperendien schleunigst nach Berlin, um die Früchte seiner 
Dienstleistungen zu genießen. Zu seinem großen Erstaunen erhielt 
er nicht einmal eine Audienz. So kehrte er denn nach Frankreich 
zurück. Vermuthlich hatte sein Herr erfahren, daß er sich selbst 
nicht vergessen hatte, indem er ihm Geld verschaffte. Er hielt ihn 
also für hinreichend belohnt und konnte sich deshalb besonderen 
Dank sparen; sonst war die Undankbarkeit nicht der Fehler dieses 
Prinzen. 
Um meine Eltern zu beruhigen, ließ ich cs mir angelegen 
sein, sic so bald als möglich von meiner glücklichen Ankunft in 
Berlin in Kenntniß zu setzen, natürlich vergaß ich nicht, den gnä 
digen Empfang des Prinzen und sein Interesse an ihnen zu er 
wähnen. Ich erhielt eine sehr zufriedenstellende Antwort, in der 
mein Vater meinen Entschluß billigte, in Preußen zu bleiben und 
mich dort einst selbstständig zu etabliren. Lieb war es mir, zu 
erfahren, daß meine gute Mutter sich wohl befand, und jetzt ebenso 
dachte, wie der Vater, der mir nichtsdestoweniger die Pflicht auf 
erlegte, mein Wort zu halten und die Heinrath bald wieder ein 
mal aufzrrsuchen. Es erwies sich indeß für nrich als eine Uninög- 
lichkeit, dies Versprechen zu halten. 
Der Großfürst Paul, der mit dem Prinzen nach Berlin ge 
kommen war, war Wittwer einer Prinzessin von Hessen-Darm 
stadt, der Schwester der Kronprinzeß von Preußen. König Friedrich, 
der immer bei der Hand war, wenn es galt, seine Macht zu be 
festigen, und der fürchten mochte, der Großfürst könnte eine neue 
Wahl treffen, die mit seinen Wünschen nicht übereinstimmte, be 
werkstelligte es, daß er eine Würtembergischc Prinzessin heirathete. 
Diese Verbindung hatte Prinz Heinrich in Petersburg verabredet 
und man hielt dies für ein Kunststück feiner Unterhandlung, da 
diese Heirath ein dauerndes Bündniß zwischen beiden Kronen schuf 
und Oesterreich, diesem Nebenbuhler und Neider Preußens, einen 
Strich durch die Rechnung machte. 
Die Hochzeit war in Potsdam. Dann kam das junge Paar 
etliche Tage nach Rheinsberg. Ich verrichtete einige Dienstleistun 
gen bei dem Großfürsten und spielte mehrere Male in den Schau 
spielen, die man ihm gab. Dafür ließ er mir vierzig Dukaten 
zustellen. In seiner Begleitung befand sich der durch seinen Muth, 
weniger durch seine Menschlichkeit berühmte General Suwarow. 
Unter anderen Festen, die der Prinz dem Großfürsten in 
Berlin gab, war auch eins, bei dem, was ich nicht verschweigen 
kann, weil ich darauf stolz bin, König Friedrich der Große mich 
anredete. Er blieb vor mir stehen und fragte mich, aus welcher 
Provinz Frankreichs ich wäre. 
„Aus der Normandie, Majestät", antwortete ich. 
„Eh bien,“ versetzte der König, „il y a d’honnetes gens par 
tout.“ 
„Dafür bin ich der schlagendste Beweis, Majestät, denn ich 
bin hier." 
„Bravo," rief der König, lachte und ging davon. 
Das vom König citirte Sprüchwort ist gewöhnlich die Antwort 
des Normannen aus dem Volke, wenn man ihn fragt, wo er her 
ist; denn er weiß, daß man nicht die beste Meinung von seiner 
Wahrheitsliebe hat. Ich theile diese Anekdote zugleich mit, um 
zu zeigen, daß der große König Land und Leute in Frankreich ge-, 
nau kannte.
        
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