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Periodical volume 3. September 1881, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Phon zu verwerthen wissen, und wenn durch dasselbe hier und da 
eine junge Frau von unnützem, thörichtem oder gar schädlichem 
Grübeln, hervorgerufen durch Langeweile, abgehalten wird, so 
dürfte der Herr Gemahl dafür keineswegs undankbar sein. 
Soweit das Blatt. 
Das Fernsprechwesen wird mehr noch als unsere neuen Per 
sonenbeförderungsmittel ganz gewaltige Veränderungen in unserm 
Verkehr hervorrufen. Es werden öffentliche Aemter*) errichtet werden 
müssen, in denen auch Nichtabonncnten gegen geringe Gebühr 
mit einem Abonnenten verkehren können oder mit einer Sta 
tion, von der aus das Gesprochene in kürzester Zeit dem Adressaten 
übermittelt werden kann. 
Man wird nicht mehr 100 Mark für ein Pattivorstellungs- 
billet geben, sondern sich in Zukunft solche Aufführung telephonisch 
nach seiner Wohnung bestellen. 
Aus dem Reichstage übermittelt ein bei der Rednertribüne 
angebrachter Apparat die ganze Landbotcnweishcit nach Wilhelm 
straße Nr. 77, und der Kanzler wird nicht mehr nöthig haben, 
früher auf dem Plane zu erscheinen, als im rechten Augenblicke. 
Ich weiß nicht genau, aus welche Entfernung hin heute 
der telephonische Verkehr stattfinden kann, Fachleute vervollständi 
gen diesen kleinen Text vielleicht nach dieser Richtung. 
Das aber darf angenommen werden, daß Entfernungen 
bei einem Apparate, der durch den elektrischen Strom regiert wird, 
in Zukunft keine Rolle spielen können, und mögen zur Hebung 
der hiermit verbundenen Schwierigkeiten auch noch Jahrzehnte ver 
gehen. — Dominik. 
Ächt Jahre am Hof des Prinzen Heinrich (1770—1778). 
Aus den Memoiren eines alten Franzosen. 
Deutsch bearbeitet von Ernst Lrcrfi. 
(Fortsetzung.) 
Ich bin versucht zu glauben, daß ich diese Reise in die Heimath 
nicht unternommen haben ivürde, wenn ich gewußt hätte, daß mir 
der Abschied so schwer werden würde. Es giebt keinen betrüben- 
deren Gedanken als den, sich für dies Leben von einander trennen 
zu müßen. 
Nachdem mein Bruder mich verlaßen hatte, war ich froh, 
einsam meinen Weg fortsetzen zu können, um meinen Thränen 
freien Lauf zu lassen, die mich sonst erstickt hätten. In Gedanken 
versunken ritt ich bis Rouen, wo ich meinen Koffer fand, und 
fuhr von da mit der Eilpost nach Paris. Hier war es meine 
erste Sorge, die Eltern von meiner glücklichen Ankunft zu benach 
richtigen, und da ich einige Tage dort blieb, so hatte ich noch. die 
Freude, eine tröstliche Antwort von meinem Vater und dem treff 
lichen Bruder zu empfangen, aus der ich ersah, daß die Mutter 
ruhiger geworden war. Diese Nachrichten thaten mir wohl und 
erleichterten mir die Last, die mich bisher beinahe erdrückt hätte. 
Gleich nach meiner Ankunft in Paris begab ich mich zu 
Espcrendien. Er wohnte im Sommer in einem schönen Landhause 
zu St. Cloud, wo ich einige Tage sehr angenehm verbrachte und 
das herrliche Schloß des Herzogs von Orleans mit all seinen 
Sehenswürdigkeiten kennen lernte. Bis meine Päße und - die De 
peschen für den Kronprinzen von Preußen ausgefertigt wurden, 
vergingen einige Tage, an denen ich Manches in Paris sah und 
besuchte, was mir früher entgangen war. Mußte ich doch erwar 
ten, zum letzten Male in Paris zu sein. 
Als ich in Metz ankam, sprach man von nichts Anderem als 
von Raub- und Mordansällen, die in den deutschen Staaten am 
*) Anm. Inzwischen ist bereits solch' eine „Fernsprechftelle", Unter 
den Linden 8, errichtet. 
Rhein neuerdings vorgekommen waren. Ich kaufte mir also zwei 
gute Pistolen. Die Gerüchte waren nicht unbegründet, denn ich 
traf auf meinem Wege verschiedene Galgen an, an denen man ganz 
neuerdings manchen Räuber ausgeknüpft hatte. Inzwischen kam 
ich mit meiner Extrapost ungehindert bis Hessen-Kassel. Hier kam 
ich eines Abends in einem Städtchen Alsfeld an, einer Station 
vor Hersfeld. Ein starkes Gewitter stieg am Horizonte auf. Es 
blitzte schon und der Donner rollte dumpf. Der Postmeister rieth 
mir, bei ihm zu übernachten, denn das Gewitter scheine sehr heftig 
werden zu wollen; im anderen Falle müßte ich die ganze Nacht 
durch einen Wald fahren, der voller Gesindel steckte. Ich schwankte 
zuerst, entschloß mich aber doch zur schleunigen Abreise, denn ich 
hatte keine Zeit zu verlieren. 
Wir waren etwa eine Meile gefahren, da brach das Gewitter, 
welches erst vorübergehen zu wollen schien, mit furchtbarer Heftig 
keit los. Es war ein Wetter, das auch der Entschloßenste zittern 
mußte. Der Postillon betete zu Gott und verfluchte zur Abwechse 
lung das Wetter. Allein hier galt es, sich mit Geduld zu wapp 
nen, ein Entweichen war nicht möglich. Ich hatte einen Regen 
schirm, der mir ein wenig hals, denn der Wagen war offen, aber 
der Postillon wurde bis auf die Haut durchnäßt und schwur, in 
einem Wirthshause mitten im Walde bis zum Anbruch des Tages 
bleiben zu wollen. Ich ließ ihn schwören und drohe», ohne ein 
Wort zu erwidern. Endlich kamen wir bei diesem Wirthshause 
an, das der Kutscher so sehr herbeigewünscht hatte. Als ich ein 
trat, bemerkte ich zwei Männer von sehr verdächtigem Aeußeren, 
mit denen sich der Postillon höchst vertraulich unterhielt. Dann 
theilte er dem Wirth ohne Weiteres mit, er gedächte die Nacht 
hier zu bleiben und murmelte einige Flüche, wenigstens verstand 
ich das Wort „Franzos" und begriff seine Erbitterung gegen mich. 
Ohne mich- beirren zu lassen, befahl ich ihm in gebieterischem 
Tone, weiterzufahren, oder er sollte für seinen Ungehorsam büßen. 
„Na", sagte er, „wenn Ihr durchaus reisen wollt, so werde ich 
fahren, aber ich wünsche, daß es Euch nicht leid thut, mich dazu 
gezwungen zu haben". 
Er sprach diese Worte in drohender Weise, so daß ich ihm 
laut und barsch befahl, sofort anzuspannen. Er ging hinaus, gab den 
Pferden etwas Futter, kam dann brummend wieder herein und unter 
hielt sich nüt einem großen Strolch, der ganz das Aussehen eines 
Buschkleppers hatte. Dieser kam in Folge dessen auf mich zu, 
nahm eine sehr bestimmte Miene an und sagte, der Postillon hätte 
Recht, ich müßte bis zum Anbruch des Tages hier bleiben, es 
wäre gefährlich, in der Nacht ohne Waffen und ohne Geleit durch 
den Wald zu fahren. Kaum hatte er das gesagt, so zog er eine 
große Pistole hervor und bot sie mir zum Kauf an, zugleich aber 
richtete er ihren Lauf auf mich. In demselben Augenblick zog ich 
eine von meinen und setzte ihn die Mündung mit den Motten auf 
die Brust: Ich bin besser versehen als ihr und brauche eure Pistole 
nicht. Nun bekam er einen Schreck und da ich die Waffe immer 
in der Hand behielt, so zog er sich stillschweigend in einen Winkel 
zurück. Unterdessen war der Wagen bereit und ich fuhr davon. 
Diese Geschichte hatte mich eine Stunde aufgehalten und das 
Gewitter hatte sich etwas verzogen. Der Postillon war natürlich 
übler Laune und sagte unterwegs, er traute den Leuten, die wir 
soeben verlaßen hätten, nichts Gutes zu, und wir setzten uns der 
Gefahr aus, noch ermordet zu werden. 
„Wenn du das meinst, so muß ich mich über deinen vertrau 
lichen Ton gegen sic wundern". 
Er antwottete so, daß ich mettte, er wollte mir Furcht ein 
jagen. Darüber kamen wir an einen Kreuzweg, und der ver 
stimmte Kutscher hielt an. Ich ftagte, welchen Weg er wählen 
wollte. „Ich weiß nicht", entgegnete er, „ich habe mich verirtt." 
Ich habe es Euch gesagt, es würde Euch noch leid thun, nicht 
die Nacht unter Dach geblieben zu sein.
        
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