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Periodical volume 3. September 1881, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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haben, wollen wir Beide die alte Freundschaft nicht vergessen. 
Damit reichte sie ihm ihre Hand hin und elektrisch zuckte es 
durch seinen Arm, als er den Druck ihrer Finger fühlte. Er 
behielt jedoch keine Zeit, seine Empfindungen zu ordnen, denn 
sie setzte ihr Pferd in Galopp und rief ihm zu: Vorwärts, 
Herr Conrad, damit wir noch zum Hillalloh kommen! Man 
hat uns schon bemerkt und erwartet uns. So flog sie dahin 
und die Jagdgesellschaft einpfing sie mit lustigem Hussah und 
Gelächter. Dein alten Edelmann wurde soeben der Kopf mit 
dem großen Schaufelgeweih des Hirsches gebracht, um dessen 
zerfleischten Körper sich die Hunde balgten. Die Jäger mit 
ihren Peitschen und Hörnern, die Siegesfanfaren und das 
wilde Gebell und Geheul der schnaubenden schweißnassen 
Pferde und Menschen, die blutige zu Tode gehetzte Creatur, und 
die lachenden übermüthigen Herren in ihren leuchtend rothen 
Röcken, das schöne Fräulein umringend und neckend, Alles 
gab ein lebendiges roniantisches Bild auf dieser offenen Haide- 
Als sich Conrad näherte, rief der Freiherr ihm sein 
Willkommen entgegen. Heute langt Er zu spät an, Pathe, 
Er hätte sich eher Herscheren sollen, schrie er ihm zu, aber es 
thut nichts. Er kann immer noch zeigen, ob Er zu was 
Besserem Lust hat, als die Federpose zu regieren. 
Unter dein Lachen und Anstarren der Herren mußte 
Conrad absteigen, und wurde nun auch von dein Lieutenant 
begrüßt, der ihn: die Hand schüttelte und als sein Beschützer 
verfuhr. Er stellte ihn seinen Freunden als seinen Jugend- 
kameraden vor und der Empfang war kein übler. Der junge 
Mensch sah nicht aus wie ein blöder tölpischer Kerl, den inan 
hänseln und verspotten köirnte. Er hatte etwas iii seinem | 
offenen Gesicht, das für ihn einnahm, und obwohl er sich 
bescheiden benahm und antwortete, wie es sich für ihn schickte, 
blickte er doch nicht deinüthig oder furchtsam uinher. Dazu kam, 
daß aiich in seiner Kleidung und in seinem Anstand, wie in 
seinen Worteil uild Bewegungen sich bessere Sitte ausdrückte, als 
der gewöhnliche Bürger damals besaß, endlich aber zeigte der 
alte Freiherr bald auch genllgsain, daß er diesen Gast gern 
bei sich sah uild ihn gegen jede Unbill beschirmt haben würde. 
Nach einer halben Stunde wurden die Hunde gekoppelt, 
die Herren schwangen sich auf ihre Pferde und im frohen 
Getüiiiniel ritten sic daiin alle an der Waldleistc hinailf und 
endlich mitten diirch Eicheil lind Blichen von mächtigeil 
Stämmen uild Kroiren ilach dein Schloß zurück. Conrad 
blieb an der Seite des Majors, der so gerade und fest zu 
Pferde saß, als ob er seine tveißen Haare zum Spaß trüge; 
beim erst als er auf seine eigenen Füße sich verlassen sollte, 
bewiesen diese, daß der Bau auf diesen wankenden Säulen 
doch mürber sei, als es den Anschein hatte. Der alte Edel 
mann wußte seinem Patheil viel zll erzählen, sowohl von der 
Jagd als vom Wald- und Landleben, wie er über seinen 
Feldwebel und dessen Zopf zu fragen hatte, tvas mit manchem 
herzlichen Gelächter geschah. Während dessen ritten die jun 
gen Herren kreliz und quer durch den Grund, rufend, singend 
und flllchend, wie es karn. Ein Paar hielten ein Wettrennen 
auf ihren müden Pferden, andere verspotteten und neckten ihre 
Genossen über allerlei kleine Unfälle, die sich zugetragen, und 
jene vertheidigten sich mit Schtvüren und gegenseitigen An 
schuldigungen. Es waren inehr als ztvanzig junge Leute, 
meistenthcils Offiziere oder Gutsherren, oder Söhne der adli 
gen Nachbarn des Freiherrn, denn ein Bürgerlicher konnte da 
mals noch kein Rittergut besitzen. Conrads Augen verfolgten 
jedoch weniger diese lärmenden jungen Herren, wie sie sich auf 
das Fräulein richteten, das Allen voraus von einem stattlichen 
Jäger begleitet wurde, der sich angelegen sein ließ, ihr den 
Weg zu verkürzen. Es machte ihm auch Keiner diesen Vorrang 
streitig, obwohl Conrad meinte, daß Manche ihre Augen auf beide 
richteten, und dann und wann ein Lachen entstand. Der Major 
hörte wohl etwas davon, sah sich um und merkte es auch. 
Na, na! rief er einmal, kommt ihm nicht in's Gehege, 
ihr Springinsfelde! Dann sagte er leiser zu seinem Pathen: 
Das ist der Rittmeister Quast, der da neben Renaten. Der 
war der Erste am Hirsch, wie er überall der Erste ist. Don 
nerwetter! Pathe, den soll Er reiten sehen, es ist kein zweiter 
so in der Armee, der kommt noch über Ludolf. Ich möchte 
es auch Keinem wünschen, vor seiner Büchse zu stehen, oder 
vor seinem Pistolenlauf. Ein famoser Schütze, Pathe! Gnade 
Gott den Franzosen, wenn der mal über sie kommt. Aber 
ich denke — na! na! er wird sich sein Wild schon stellen. 
Damit lachte er fröhlich auf, und Conrad wußte, was das 
zu bedeuten hatte. Das war ein Schwiegersohn, der allen 
Wünschen des Majors entsprach. Es kam ihm ein bitteres 
Lachen auf die Lippen, der Haß flog wie ein Blitz durch sein 
Gehirn gegen den glücklichen, stolzen Baron, aber der Frei 
herr rief: Da seh Er hin, Pathe, da liegt Schloß Lebin, 
unb da soll Er es gut haben, so lange es Ihm gefällt. 
Bleibe Er bei mir, bis Ihm sein Vater mit einenr Kreuz- 
Element nach Hause holt, wenn Er aber gehen muß, dann 
nimmt Er die Siebenhundert mit. Mein Amtmann weiß 
! schon, er soll Alles bereit halten. Jetzt vorwärts, damit wir 
was Warmes in den Leib kriegen. 
So ging's denn rasch auf das sogenannte Schloß los, 
das zur Seite eines großen Dorfes, von diesem getrennt 
durch vier Reihen alter Linden, lag, die einen breiten Weg 
bildeten. Das Dorf mit seinen niederen Strohhütten und 
zerstoßenen Lehmwänden sah arm und unordentlich aus. 
Kinder und demüthig Volk liefen aus den Thüren, um die 
gnädigen Herrschaften zu sehen, und alle Mützen flogen von 
den flachshaarigen Köpfen, als die Junker vorüber sprengten. 
Der Wirthschaftshof mit seinen Ställen, Scheunen, Verwalter 
und Arbeiterhänsern befand sich entfernt von dem Herrcn- 
hause, das hinter einem grünen Vorplatz sich erhob, an 
welchen sich Garten und Park anschlossen. Das Schloß war 
ein ziemlich langes, zweistöckiges Gebäude mit Seitenflügeln, 
in deren thurmartigen Vorsprüngen Wendeltreppen bis auf 
das Dach führten. Es war zu des großen Churfürsten Zeit 
erbaut worden, auf den Trümmern und auf den Grund- 
mauern eines alten Hauses, das von den Schweden zerstört 
wurde, und seit dieser Zeit hatten die Besitzer schwerlich viel 
für diesen Bau gethan, denn er sah alt und verfallen aus. 
Treppen, Thüren und Fenster abgestoßen, geflickt und abge 
nutzt, die hohen Säle und Zimmer mit Zeichen verbündeter 
Pracht versehen, mit verrauchten Tapeten, Stuckdecken und 
vergoldeten Wappen. Eine Anzahl Gemächer war besser er 
halten, denn der verstorbene Bruder des Freiherrn hatte 
einigen Sinn für bessernde Einrichtung seiner Wohnung ge 
habt, und so lange die gnädige Frau lebte, hatte diese für 
Geräthe in den bewohnten Räumen Sorge getragen. Aber 
dies war eben nur in beschränktem Maße geschehen, um den 
größten Theil des Hauses bekümmerte sich Niemand.
        
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