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Periodical volume 3. September 1881, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Der Alte schlug eiu hartes Gelächter auf, aber Liesbeth 
ging hinaus, und Conrads Gesicht verfinsterte sich. Du bist 
ein Narr! sagte sein Vater. So wie du zurückkommst, wollen 
wir die Sache in Ordnung bringen, im October kann Hoch 
zeit sein. Wirst schon sehen, wie die Sprache dann anders 
lautet. 
Darnach sieht cs nicht aus, antwortete Conrad mürrisch. 
O du Sakermcnter! kennst die Weiber nicht- Sie wird 
schon lachen und keinem Anderen gefallen wollen. Bleib nur 
nicht lange fort und bring's Geld richtig nach Haus. 
Mit diesem tröstenden Bescheid mußte sich Conrad zu 
frieden geben, aber das trotzige: „Dir nicht!" kam ihm im 
mer »vieder in den Kopf, sobald er Liesbeth sah, und wirkte 
fort, bis sie sich trennten. 
Es war ein Mantelsack vom Nachbar geborgt worden, 
der auf's Pferd geschnallt werden konnte, und Liesbeth wollte 
die Wäsche einpacken, aber Conrad litt es nicht. Er würde, 
ivas er mitnehmen wollte, selbst einpacken, sagte er- Darauf 
erwiderte sie nichts, kümmerte sich nicht mehr darum. Das 
verdroß ihn ebenfalls. 
Endlich kain der Morgen der Abreise. Ein Reitknecht 
brachte das Pferd vor's Haus, ein schwarzes gewaltiges Thier 
mit funkelnden Augen. Der Mantelsack wurde festgeschnallt. 
Conrad hatte sich mit einer Geldkatze umgürtet, die vor der 
Hand leer war. Sein Vater ließ sich noch einmal den Schein 
des Majors zeigen, grinste behaglich und hielt seine letzten 
Ermahnungen. Liesbeth machte sich in der Küche zu schaffen, 
wo sie allerlei Imbiß zusammenpackte, der in die Satteltasche 
geschoben wurde; erst als sie gerufen wurde, kam sie herein. 
Jetzt geht's los, rief der Alte. Paß gut auf, Conrad. 
Halt die Geldkatze fest und betrage dich, wie es dir zukommt. 
Rechts um, marsch! Nimm Abschied, Liesbeth. 
Lebe wohl! sagte Conrad und gab ihr die Hand. 
Komm gesund »vieder! antwortete sie. 
Gieb ihm einen Kuß auf den Weg! schrie der Alte. 
Sie standen Beide, als »vartetcn sie der Eine auf den 
Anderen; plötzlich zog Liesbeth ihre Hand zuriick und ver- 
schtvand. 
Donner Element! lachte der Alte ihr nach, »vart! tvirst 
das Kliffen noch lernen, »veun er »vieder hier ist. Lauf hin 
terher, Conrad, halt sie fest. Aber Conrad drückte den Hut 
aus den Kopf, und sei»» Vater begleitete ihn hinaus und 
»vetterte, daß er das Sturmlaufen nicht verstehe, »vie es die 
Mädchen haben »vollen. Wenn's »vieder so kommt, fass dreist 
zu, sagte er. Jetzt mach, daß bn fort kommst, und bring das 
Geld richtig nach Haus, alles Andere »vird sich finden. 
So stieg Conrad auf das sch»varze Gensdarinenpferd, 
das gleich mit ihm ein paar tüchtige Sätze machte- Aber er 
saß fest, und der Reitknecht nickte ihm nach und sagte zur 
Beruhigung: Es ist ein alter Satan, doch der Herr wird so 
leicht nicht a»»s dem Sattel kommen. Rasch auf den Beinen 
ist das Beest a»ich »»och, morgen bei guter Zeit werden sie in 
Lebin sein. 
In wenigen Minuten war der Reiter ihnen aus dein 
Gesicht »nid bald hatte er a»rch die Stadt iin Rücken. Es 
war ein heller, wariner Tag, aber die herbstliche Frische 
machte sich kühlend bei »volkcnlos blauem Himmel geltc»»d. 
Dein jungen Reiter fiel ein schweres Gewicht von der Brust, 
als er aus den Häuser,» heraus, zwischci» Felder »n»d Bä»ime 
gelangte. Er athmete leicht und froh und ließ die Sorgen 
hinter sich. Da saß er auf einen» raschen Nenner und blickte 
»veit über unabsehbare Flächen, die Menschen, die Blumen, 
die Felder, die Bäume, Alles kam ihm, von des hohen Rosses 
Rücken gesehen, anders und bester vor. Vor ihm lag die 
Welt mit freudige»» lustige»» Tagen. Er hatte keine Furcht 
vor den vornehmen Le»»ten, zu de»»en er sich gesellen sollte. 
Der alte Freiherr, das »vußte er, »vollte ihm »vohl, und auch 
sei»» eheinaliger Spielkainerad hatte sich freu»»dlich bewiesen- 
Es mochte eil» »vilder Junker sein, doch sein Benehinen »var 
zutraulich gewesen, sein Gesicht sah keck und sorglos aus, u»»d 
daß er ihn» eii» Pferd angeboten und geliehen, bestärkte Con 
rads gute Meinung. 
Wie ivarcn diese Kinder des Glücks doch zu beneiden, 
die von den niederen Plagen und dualen des Lebens nichts 
wisse»», nichts voi» der Noth der Arbeit u»»d der Sorgen, 
nichts von der Last des täglichen Brotertverbs. Ja, diese 
Son»»envögel fliegen frei d»»rch die Welt, die ihnen gehört 
mit allen ihren Schätzen. Dies weite Land, alle diese Wälder 
»nid Dörfer, diese schimmernden See»» »ind »veidendei» Heerden, 
alle diese Menschei» mit ihren Kräften und ihren Diensten, 
Alles, Alles ist ihnen Unterthan. Alle Thüren öffnen sich 
ihnen, vor ihren Rainen beugt sich die demüthige Menge, überall 
sii»d sie die Erste»», und ihr Leben geht in Lust und Freuden da 
hin, bei KönigSsestei» in glänzenden Säle»», auf hohen Rossen, 
bei Kriegs- und Liebessiegen, bei Jagd »ind Gläserklang. — 
Ist das nicht schön, zu diesen Begnadigten zu gehören, »var 
es nicht schoi» prächtig, eine»» ganze»» Tag taug auf eines Rosses 
Rücken frei zu sein, dann anbere Tage ein Theilnehmer ritter 
licher Freuden, ein Gcuoffe ihrer Herrlichkeit? Conrad »var 
beglückt und froh von solchen Vorstell»»ngeii. 
Er hatte nenn Meilen zu machen, um nach der Stadt 
z»i gelange»», von der das große Gut des Majors dann noch 
z»vei Stunden entfernt lag; aber da der Weg iin Ganze»» gut 
»var und sei»» Pferd sich als kräftig i»»»d tüchtig beivährte, 
erreichte er »nit dein Abendd»»nkel doch sein Ziel. In de»»» 
Gasthause faitb er ein leidlich gutes Unterkoininen, »u»d die 
Seilte nannten ihn gnädiger oder gestrenger Herr, als sie erfuhren, 
daß er zu der Gesellschaft des Freiherrn gehörte. Er träumte 
auch in der Nacht, daß er selbst ein Baron sei; und alle die 
stolzen Offiziere stießen mit ihm an, alle die schönen Damen 
in schweren Seidenroben und blonden Locken lachten ihin zu 
und tvollten »nit ihn» tanzen; des Majors Tochter aber »var 
die allerschönste, und »vie er blöde vor ihr stand, hörte er 
plötzlich seinen Vater schreien: Faß zu, Conrad, so hast du sie! 
Davon wachte er auf, und es »var Tag. Er konnte sich 
des Lachens nicht erwehren, indem er aufsprang. Ei ja, rief 
er, »vcr »veiß, was geschähe, wenn mein Tra»»m wahr »vürde. 
Und wann»» kann er nicht ivahr werden? Welche Rechte haben 
diese Menschen mehr, als ich? Ich will ihnen zeigen, daß 
ich bin, »vas sie sind. 
Nachdern er in solcher fröhlichen Stiinmung sein Früh 
stück genominen und mit der Großinuth eines Herrn aus 
edlem Hause seine Zeche bezahlt, bestieg er das starke Pferd, 
das von diesem ersten harten Reisetag seinen Muth noch 
nicht verloren hatte, und dessen Freiherrnkrone auf der Scha 
bracke den Leuten eben so viel Respekt einflößte, als er selbst. 
— Die Sonne stieg strahlend am Himmel auf, und der Weg, 
welcher ihm genau beschrieben war, führte durch ein an-
        
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