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Periodical volume 27. August 1881, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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„Daß ich ein Narr wäre, Herr. Der Hund dient mir; wenn 
er der Teufel ist, dient mir der Teufel; das ist keine Sünde. Bis 
zur Sündfluth bleibt er bei mir, dann wollen wir ja sehn. 
Schwimmt er, ist's der Gottseibeiuns; crepirt er, dann war's eine 
ehrliche Hundeseele." 
Tezel hätte zwar manches dagegen einzuwenden gehabt, aber 
er hielt es in dem Augenblick für angemessener, die Sache auf sich 
beruhen zu lassen, zumal da der Ochsenhändler seine Geldkatze 
schon geöffnet und die blanken Gold- und Silberstücke Handvoll 
herausnahm. Wenn der Dominikaner bis da hätte zweifeln können, 
daß er es mit einem ordentlichen Handelsmann zu thun hatte, so 
wurde er jetzt bei dem Handel selbst dovon überzeugt. Der Andere 
fand die Summe entsetzlich hoch, welche der Geistliche forderte; 
dieser schwor dagegen, wenn's in Frankfurt wäre, müßte er das 
Doppelte zahlen; nach dem Markte läßt man die Waare wohl 
feiler. „Ja wie die Gelegenheit ist", brummte der Ochsenhändler, 
„auf dem Wege nimmt man mit, was man kriegt." Als sie end 
lich über den Preis einig waren, waren sie es doch noch nicht 
über die Geltung der Münzen. Der eine wog die Goldstücke in 
der Hand, der andere ließ sie auf dem Tisch klimpern und besah 
sie am Lichte. 
Als sie damit zu Rande waren, falzte der Ochscnhändler 
seinen Brief, den er vorhin beim Kienspan links und rechts be 
trachtet und sich vom Dominikaner vorlesen und erklären lasten, 
küßte das Papier und steckte es unter die Brust in sein Latz. 
„Donnerwetter!" klatschte er sich an die Lenden, „nun kann ich 
also thun, was ich will, und, wenn die Sündfluth mich fortspült, 
so zeig' ich nur Sanct Peter den Brief, und direct in den Himmel 
rein. —" 
„Das steht nun wohl nicht im Briefe, wie ich Euch ja vor 
las, Ihr werdet nur sofort aus dem Fegefeuer gezogen, und dann, 
wenn Ihr Eure Sünden aufrichtig bereut —" 
„Was!" rief der Mann. „Bereuen noch! Dominikaner, keine 
Flausen! Bin nicht der Mann zu. Geradaus ist meine Art. 
Kauf Zug um Zug, nichts von Wippchen dabei. Ablaß hab' ich 
gekauft, vom Reukauf steht kein Wort drin, also nichts von Reue. 
Wer wir ein Schnippchen schlagen will, muß früher aufstehn." 
Zu theologischen Disputationen war der Ort nicht angethan. 
Das Geschäft war abgemacht und ohne Zeugen, das Geld im 
Kasten; Tezel beruhigte sich, daß der Mann eines Bessern ja nicht 
belehrt sein wolle. Vielleicht fand sich ein Anderer, der es ihm 
bewies. Dagegen sah er mit Verwunderung, wie der Ochsen 
händler die Katze festschnallte, den Schafpelz umhing und seinen 
Tiras rief, um aufzubrechen. Es war ein roher Mensch, aber eine 
ehrliche Seele, auf die Verlaß war, und er fühlte sich an diesem 
Ort in seiner Gesellschaft gewissermaßen sicher. Daher verhehlte er 
ihm nicht seine Verwunderung, daß er mitten in der Nacht und 
in dem Wetter aufbrechen wolle, ja er setzte seine Flasche auf den 
Tisch und hoffte, der Reisende werde noch ein Glas mit ihm leeren. 
Vielleicht ließ sich die Nacht verplaudern. 
„Dank für die Freundlichkeit, entgegnete der andere, aber wer 
möchte hier die Nacht bleiben! Es geht schon stark auf Eilf, und 
seht doch, wie mein Tiras winselt." 
„Wäre es hier nicht sicher?" 
„Sicher, das weiß keiner; geheuer ist's nur nicht. Hab' schon 
manch Stück Vieh verloren, wenn ich mich nach Mitternacht in der 
Haide verspätete. Gott zum Gruß!" 
„Sanctissima! Was hat's auf sich?" 
„Ach das wißt Ihr nicht? — Das Weib ist ja ein Wärwolf." 
„Die da oben — schnarcht?" 
„Hört Ihr das nicht? — das ist kein Schnarchen mehr. 
Jetzt gurgelt's schon — bald wird's losheulen. So zwischen eilf 
und zwölf verwandelt sie sich, sie weiß es selbst nicht, und Schlag 
Mitternacht da springt sie raus, da fliegt's wie das Wetter über 
die Haide. Ihr seid ein ftommer Mann, Ihr braucht keine Angst 
zu haben, aber seht Euch nur vor für Eure Pferde." 
„Gebenedeite, das ist doch nur ein Märchen!" 
„Probirt's! 'S ist »mancherlei ein Märchen, aber bester be 
wahrt als beklagt. Mich kostet's drei Bullenkälber, daß ich's auch 
für ein Märchen hielt; nun denk' ich um Mitternacht hör' ich schon 
die Glocken von Jüterbog. Da bin ich salvirt." 
„Nach Jüterbog will ich ja auch," rief Tezel, und hinter 
dem Ofen glaubte er schon ein Knurren und Heulen zu hören. 
Je weniger der Kaufmann Lust zu verrathen schien, den Domini- 
kaner mitzunehmen, so eifriger ward dieser, mit ihm eines Weges 
zu ziehen. „Ich hab's Euch nicht gerathen, ehrwürdiger Herr, 
und wenn Euch was zustößt, mir schiebt's nicht in die Schuh." 
„Ihr kennt aber doch den Weg?" 
„Wenn's stürmt, wer kann da sehn. Ich verlaß mich auf 
meinen Hund." 
„Es kommt mir nur darauf an, daß der Kasten sicher nach 
Jüterbog kommt!" 
„Der Kasten!" sagte der Händler nachdenklich und tupfte mit 
seiner Peitsche drauf. Dann nickte er: „Nu wenn Euch so viel 
dran gelegen, da habt Ihr mein 'Wort, der Kasten soll nach 
Jüterbog." 
Das Schneegestöber war furchtbar, die Pferde keuchten unter 
der Last; aber auch ein solcher Weg däuchtc dem Doctor besser 
als eine Nacht im Hause des Wärwolss. Er pries sich sehr glück 
lich, daß es ihm unter Beistand seines neuen Freundes gelungen. 
Rosse und Wagen-aus dem Stall zu ziehen und den Kasten aus 
zuladen, ohne daß nur Einer aus dem Hause geweckt war. „Und 
Ihr habt doch ein Stück Geld zurück gelassen für's Nachtlager." 
Tezel hatte es nicht gethan. „Wozu?" — „Das ist nicht gut, 
entgegnete sein Begleiter, damit hättet Ihr ihm die Spur abge 
schnitten. Nun kann er Euch folgen." — „Wer?" — „Der 
Wärwolf." 
Aber sie waren jetzt schon über eine Stunde fort, und in den 
Bergen des hohen Flemming, und kein Wolfsgeheul ließ sich ver 
nehmen. Vielmehr wäre die Reise, wenn das unter den Umstän 
den möglich, sogar eine lustige gewesen, denn der Ochsenhändler 
erzählte Geschichten und wußte recht curiose Gespräche zu führen, 
die den Weg verkürzten. So erzählte er, daß sein Hund ehedem 
dem berühmten Schwarzkünstler, dem Doctor Faust, gehört, der 
ihn in Neuruppin im Kartenspiel mit den Bauern verloren, wo 
von die Leute rundum noch viel erzählten; von den Bauern hatte 
er ihn gekauft. Der Hund wäre recht gut, wenn er nur nicht 
auf Menschenfleisch aus wäre. Einen wandernden Bürstenbinder 
hätte er schon gefressen. Darum müßte man ihn knapp halten. 
Nun waren ihm allerdings Bedenken aufgestiegen, ob es auch recht 
sei, einen solchen Hund und von einem Zauberer zu besitzen, aber 
er hatte sich damit beruhigt, daß der Doctor Faust selbst bei den 
vornehmsten Herrschaften geladen gewesen; sagte man's doch sogar 
auch vom Kurfürsten Joachim, daß er von dem Doctor sich einst die 
Zukunft zeigen lassen! Und dann war ihm der Gedanke gekommen, 
das Thier sei so klug und gut, ob man ihm den Teufel nicht aus- 
treiben könnte? Aber wenn er durch Exorcismus ihn los wäre, 
so würde er den Teufel nichts taugen zu dem, wozu er ihn brauchte, 
hatte er sich antworten müssen. Also war er auf den andern 
Gedanken gekommen, ob denn in Rom, wo alles zu kaufen, nicht 
auch Ablaß für die Thiere feil sei? Und da hatte man ihm von 
dem Fest des heiligen Antonius von Padua erzählt, wo der Papst 
Vieh von allen Sorten einsegnet, die dann absonderlich gedeihen. 
Ohne seine Ochsen würde er auch längst nach Rom gereist sein. 
Nun meine er aber, da der heilige Vater seinen Segen für die 
sündigen Christenmenschen, aus hohen Gnaden, ausschicke, er könnte 
auch wohl solche Gnadenbriefe für die Thiere guter Christen zum 
Verkauf ausgeschickt haben, und ihm sollte es auf ein halb Schock
        
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