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Periodical volume 27. August 1881, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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schnallte Geldkatze schlug, und die Geldkatze antwortete hell und 
vernehmlich. 
„Da müßten wir uns ja in Frankfurt gesehen haben." 
„Wenn ich in meinem Geschäft bin, seh' ich nur Ochsen. 'S 
ist wegen der Sündfluth, sonst würd' ich mich ja den Teufel drum 
scheeren. Lustig gelebt und selig gestorben, das heißt bei Kaatschen's 
ihm die Rechnung verdorben. Nur wenn so mit einemmal die 
Sündfluth käme; es klatschte und pladderte runter, — das Wasser 
hat keine Balken. Fünf Stück, holsteinisches, sind mir dazmnal, 
als die Elbe durchbrach, vor meinen Augen fortgeschwemmt; rettete 
mich selbst kaum auf 'nen Baum. Wer das mit ansah, da kommt 
wohl das Zähneklappcn. Ja, wenn wir Berge im Lgnde hätten, 
da könnte man's noch mit ansehn." 
„So drückt Euch, armer Blaun —" 
„Bin kein armer Mann nicht," sagte der Ochscnhändler, und 
hob seine Katze, daß sie halb auf dem Tisch lag. 
„Ich meine. Euch drückt eine schwere begangene Schuld —" 
„Wer das von mir sagt, den soll ja das heilige Kreuz-Donner 
wetter —" rief der Ochsenhändler, und schlug mit einem wilden 
Blick auf den Tisch; aber bald ließ er den Kopf im Ellenbogen 
ruhen. „Das kleine Zeug's, davon bin ich alles absolvirt." 
„Seid dessen nicht zu sicher. Die Absolution eines ordinairen 
Pfarrers —" 
„Was!" schrie Kaatsch auf. „Für solche Lumpendinge zehn 
böhmische Groschen, o noch mehr, zwei Joachimsthaler einmal, 
weil ich mich verschwor, daß eine kranke Kuh gesund wäxe; das 
wäre nicht genug bezahlt, da sollt' ich nicht sicher sein! So sollte 
ja die Schwerenoth alle Pfaffen holen, 'ne solche Gaukelei; darum 
«nach' ich mir keine Sorge, da kann die Sündfluth kommen." 
„So lastet auf Euch eine noch größere Sünde, lieber Meister, 
von der Euer Gewissen Euch sagt, daß ein gewöhnlicher Beicht 
vater, und wärs der Bischof von Meißen oder Zeitz, Euch nicht 
mit Rechten losspricht?" 
„Ja und nein", cntgegnete der Ochsenhändler und klopfte mit 
der Peitsche auf den Tisch. „Tiras! Racker, was schnupperst du 
da beim geistlichen Herrn? Das ist ein frommer Mann. Kusch, 
hierher!" 
„Vielleicht eine Blutschuld?" 
„Könnt's Wohl werden." 
„Also eine zukünftige Sünde, ei, ei! Da müßt ihr viel beten 
und Euch kasteien, damit der böse Feind von Euch weicht." 
„Wer Tag und Nacht auf der Landstraße liegt, hat auch wohl 
Zeit sich zu kasteien; da muß ich was in den Leib schlagen, daniit 
er zusainmenhält. Kommt die Sündfluth, hört das Esten aus. 
Wollte aber in Frankfurt zu dem berühmten Tezel und mir einen 
Ablaßbrief kaufen, wenn ich meine Ochsen verkauft. Geschäft geht 
vor; als ich die Ochsen los war, war der Teufelskerl über alle 
Berge. Hat man doch im Leben nix als Noth." 
„Er ist wieder in Eurer Nähe," sagte mit einem so wohlge 
fälligen Lächeln der Doctor, daß der andere nicht mehr daran 
zweifeln konnte, wen er vor sich sah. „Sagt nun Euer Begehr, 
fuhr er fort und hinderte es, daß der Händler, der schon aufge 
sprungen war, ihm den Nock küßte. Nennt Euer Verbrechen, oder 
vielmehr die verbrecherische Intention, so Euch drückt, und ich ver 
meine, in diesem kleinen Kästchen führe ich das Remediuin mit 
mir." — 
Der Händler aus Schadcwitz schnallte seinen Geldbeutel los 
und legte ihn klirrend auf den Tisch: „Na, was kostet's?" schielte 
er den Dominikaner an. 
„Gemach, mein lieber Mann, erst Eure Sünde, dann den 
Preis." 
„Muß das sein? Ihr seid doch ein Kaufmann und ich bin 
einer. In Bausch und Bogen Herr, ein geivagt Geschäft? — 
Drei Goldgülden für drei Wochen, was ich auch thue." 
Ein so gemeiner Mann bot drei Goldgülden! Unwillkürlich 
zuckte Tezels Hand, auf den Handel einzuschlagen, aber wer auf's 
erste Gebot schon drei Goldgülden setzt, besann er sich, wird in 
einen: guten Handel mehr bieten. 
„Ihr könntet ja einen Muttermord begehen, der kostet allein 
acht Ducaten. Ordnung in allen Geschäften? was habt Ihr vor?" 
„Wenn Jhr's doch absolut wissen müßt, da läuft ein nieder 
trächtiger Schuft durch's Land, ein Kerl, sage ich Euch, nicht 'nen 
Schuß Pulver werth, der den Leuten schlechte Waare für theures 
Geld verkauft. Arm und Reich betrügt, ein Tagedieb, ein Gauner, 
ein Marktschreier —" 
„Gewiß auch ein Ochsenhändler." 
„Ja" — sagte der Andre, den Kopf auf dem Ellenbogen, 
und die andere Hand mit der Peitsche spielend, — „er handelt 
auch mit Ochsen." 
„Mit dem wollt Ihr ein Hühnchen pflücken." 
„Ein recht ernsthaftes; er hat meine Brüder über's Ohr ge 
hauen, ausgezogen, ohne Scham und Gewissen —" 
„Nun wollt Ihr ihn ausziehen, wenn Ihr ihn trefft. Also 
Straßenraub! Das ist eine schwere Sünde." 
„Kann's bezahlen. Was kost's?" 
„Aber Ihr wollt ihm kein Leid anthun?" 
„Pestilenz, ich soll ihn wohl streicheln, mit 'ner Hasenpfote? 
Ihr hört ja, da§ ich ihm zu Leib' will. Ich bezahl's, baar, 
voraus." 
„Doch keinen Mord." 
„Das Mord! Solchen Lumpenhund von der Welt schaffen? 
Das Land, die Gerechtigkeit kann's mir danken. 'S ist Sünden 
geld, der blutige Schweiß, Wittwen und Waisen abgepreßt; wer's 
ihm abnimmt, verdient ein Gotteslohn." 
„Ein Mord in voraus, mein lieber Meister, ist eine mißliche 
Sache; da müßte ich in Magdeburg beim Herrn Coadjutor zuvor 
anfragen. — Aber müßt Ihr ihn denn todtschlagen? — Der 
Ochsenhändler kommt Euch in's Gehege, das merk' ich schon; Ihr 
ivollt Euch an ihm rächen, ihm abnehmen, u>n was er Euch zu 
Schaden brachte, ihm einen Denkzettel geben, daß er Euch nicht 
mehr in den Weg tritt. Warum denn da gleich Mord und Tod 
schlag? Das ruft den Blutbann; ein Leichnam ist ein furchtbarer 
Zeuge hüben und drüben. Könnt Ihr denn nicht auf andere Weise 
Euer Müthchen an ihm kühlen; Euch an ihm reiben, wenn Jhr's 
denn durchaus wollt; stoßen, nicht sanft gerade, aber auch nicht 
blutig — ach es ist das auch eine schwere, eine entsetzliche Sünde, 
lieber Mann! — aber, wenn Ihr den Brief in Eurer Tasche 
habt —" 
Der Ochsenhändler blinzelte den Mönch, das Gesicht in beiden 
Händen, pfiffig an: „Ihr seid ein vernünftiger Kerl, verflucht ver 
nünftig. Ja, todtschlagen brauch' ich ihn nicht, er verdient's gar 
nicht von — werd's ihm schon ohnedies eingeben, daß er dran 
denkt bis er ersauft. Kein Blut! Tiras! merk's dir —" 
„Ihr wollt doch nicht den Hund —" 
„Ihn zerreißen lassen? — Nein. Stellen soll er ihn nur. 
Doctor, der Hund ist klüger, als alle Doctor's, als die ganze 
Universität Frankfurt, und wenn sie sich auf den Kops stellt. Der 
wittert mir einen Schuft aus, wo kein Mensch ihn riecht. Und 
sprech' ich: stell' ihn mir, Tiras, da will ich den gesehen haben, 
der fortläuft, der nur zu mucksen wagt. In dem Hunde steckt 
der Teufel." 
Der Dominikaner sah den Hund, der noch immer ihn an- 
schnuppertc, mit gar nicht behaglicher Empfindung an. Auch nach dem 
Entenknochen, den Tezel ihm vorsichtig hinhielt, schnappte er nicht. 
„Er nimmt von keinen: Geistlichen nichts; daher weiß ich 
eben, daß der Teufel in ihm ist." 
„Von einem solchen Hunde solltet Ihr Euch losmachen, je 
eher so bester!"
        
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