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Periodical volume 20. August 1881, Nr. 47

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Sie zustimmen, lieber Geld geben, mit dem Sie machen können, 
was Sie wollen; ich glaube, das wird Ihnen nützlicher sein." 
Natürlich ließ ich ihm die Wahl und sagte, ich wäre schon dadurch 
genug belohnt, daß ich in der Weise mit ihm umgehen dürfte. 
Er gab mir in der Regel zehn Louisd'or. 
Einmal wurde, als er in Rhcinsberg war, das Trauerspiel 
Warwick ausgeführt. Ich spielte Eduard III. Bei der Veran 
lassung wollte er, ich sollte mit dem Hosenband-Orden dekorirt 
werden, dessen Ritter er war. „Aber, gnädiger Herr," sagte ich, 
„das ist ja ein Anachronismus, denn zur Zeit Eduards III. war 
der Orden noch nicht gestiftet!" „Schadet nichts," entgegnete er, 
„das erhöht die Fantasie und es wissen's auch nicht Alle." So 
schickte er mir denn vor der Vorstellung die Insignien des Ordens zu. 
Ich kann das Kapitel vom Rheinsberger Theater nicht schließen, 
ohne des berühmten Lequin zu erwähnen. König Friedrich, der 
das ftanzösische Theater ebenso liebte wie sein Bruder, wollte gern 
den vielgenannten Lequin spielen sehen, von dem man in Paris 
und fast in ganz Europa großes Aufsehen machte, obwohl sein 
Spiel nach meinem Urtheil nicht natürlich war. Er lud ihn nach 
Potsdam ein, Lequin spielte dort mehrere Male und gastirte dar 
auf in Berlin, wo ihn das Publikum mit Begeisterung empfing 
und ihm stürmisch applaudirte. Von da folgte er einer Einladung 
des Prinzen nach Rheinsberg und trat hier in drei Tragödien aus. 
Er prüfte die Talente in unsrer Truppe und wählte mich für die 
zweiten Rollen. Als Scipio in „Masinissa und Zcnobia" spielte 
ich so sehr nach seinem Geschmack, daß er mir die größten Lobes 
erhebungen machte. Am Tage nach dieser Vorstellung ließ er 
mich zum Frühstück bitten und suchte mich zu bestimmen, zur 
Bühne zu gehen, weil ich dort ohne Zweifel mein Glück machen 
würde, während ich am Hofe die traurigsten Aussichten hätte. Da 
diese Zumuthung aus dem Munde eines Mannes kam, der den 
höchsten Ruf genoß, so lag etwas Verführerisches darin. So sehr 
ich indeß das Theater geliebt hatte, bevor Schauspieler von Fach 
an demselben beschäftigt waren, so sehr haßte ich es jetzt; zudem 
hatte die Beobachtung, welchen Unannehmlichkeiten die Schauspieler, 
selbst die gediegensten unter ihnen, ausgesetzt waren, mir einen 
förmlichen Widerwillen gegen ihren Stand eingeflößt. Deshalb 
eröffnete ich Herrn Lequin, es müßte schon zum Aeußersten mit 
mir kommen, wenn ich seinen Stand ergreifen sollte, — worauf 
er abließ in mich zu dringen. 
Ueber meine Aussichten bei Hose hatte ich ganz andere Mei 
nung wie Lequin, dem ich meine stillen Gedanken natürlich nicht 
mittheilte. So sehr ich auch dem Prinzen ergeben war, so wenig 
hatte ich doch die Absicht, für immer an seinem Hofe zu bleiben; 
ich dachte dem Prinzen so lange treu zu dienen, bis ich meine 
Dienste geltend machen konnte, um im Finanzfach angestellt zu 
werden, in dem damals nur Franzosen arbeiteten und wo der 
Prinz schon manche seiner Diener untergebracht hatte. Um mich 
dazu bei Zeiten qualificirt zu machen, nahm ich das Studium der 
deutschen Sprache wieder mehr auf und lernte das Rechnungswesen, 
wovon ich bisher keine Ahnung hatte. Selbst das Theater mit 
der Last, die es mir aufbürdete, konnte meinen Fleiß nach dieser 
Richtung hin nicht verringern. Eine große Gefahr wurde mir 
glücklich abgewandt: im Frühling 1774 besuchte ver Prinz seine 
Schwester, die Herzogin von Braunschweig und wurde dort von 
der Lungenentzündung ergriffen. Ich war in Berlin geblieben 
und bangte vier Wochen lang um sein Leben, vr. Stosch und 
andere berühmte Aerzte aus Berlin und Braunschweig behandelten 
ihn und wir erhielten täglich Nachrichten, die lange Zeit beunruhi 
gend lauteten. Hätten wir ihn verloren, so würde Niemand übler 
daran gewesen sein als ich, der ich der einzige Franzose und fast 
der jüngste in des Prinzen Dienste war. Der König, der seinen 
Bruder laut tadelte, weil sein Hof zu viel kostete und er dazu 
Schulden machen mußte (?), hätte alle jüngeren Leute ohne Pension 
verabschiedet, und auch die ältesten Diener des Prinzen hätten 
nur geringe Pensionen erhalten. Mein Gewerbe hatte ich ver 
gessen und auf den Schutz des Herzogs von Guines rechnete ich 
nicht stark. Mit einem Wort, ich dankte Gott, daß Er den Prinzen 
wieder gesund gemacht hatte. 
Reise nach Frankreich. 
Im Jahre 1776 verbreitete sich am Hofe das Gerücht, der 
Prinz würde eine zweite Reise nach Rußland machen und das er 
wies sich als wahr. Kurz vor der Abreise ließ der Prinz mich 
rufen und ftagte mich, ob ich Lust hätte ihm zu folgen. Die Frage 
überraschte mich und ich bat ihn um gütige Erklärung. Er er 
widerte mir, er würde nur ein sehr kleines Gefolge mitnehmen; 
ich hätte an der ersten Reise theilgenommen und sollte diese nicht 
mitmachen; aber er schlüge mir eine andere Reise vor, die mir ge 
wiß lieber wäre: nach Frankreich und zu ineinen Eltern. Ich 
dankte ihm herzlich, wenngleich ich mit Sorgen meine Ersparnisse 
— 230 Thaler — überschlug. Der Prinz sagte jedoch, für das 
Reisegeld wolle er sorgen; ich möchte sparsam sein, denn die Reise, 
die er vorhätte, wäre sehr kostspielig und er hätte nur 200 Thaler- 
für mich übrig, aber er wollte mir mein Gehalt auf ein halbes 
Jahr vorausbezahlen lassen, denn so lange würde seine Abwesen 
heit wohl dauern. 
Eine mir noch unbekannte Freude begann sich nun in meinem 
Herzen zu regen. Der Gedanke an das Wiedersehen mit meinen 
Eltern nach mehr als zehnjähriger Trennung entzückte mich, wenn 
sich auch die Eitelkeit und der Wunsch, von meinen Landsleuten 
bewundert zu werden, in diese Gefühle mischte. 
Kurz vor seiner Abfahrt rieth mir der Prinz, den Kronprinzen 
Friedrich Wilhelm zu besuchen und ihn nach etwaigen Aufträgen 
zu fragen. Ich ging demgemäß zu ihm und diese Ausmerksamkeil 
schien ihm zu schmeicheln. Er ergriff diese Gelegenheit mit Freuden, 
um mir Briefe an seinen ehemaligen Kammerdiener Esperendien 
zuzustellen, der sein Geschäftsträger in Paris war und nicht nach 
Preußen zurückzukehren wagte, weil Friedrich der Große ihm den 
Untergang geschworen hatte, falls er seiner habhaft würde; denn 
Jener vermittelte dem Kronprinzen das Geld, das er brauchte, 
und er brauchte viel. 
Als ich mir die nöthigen Pässe verschafft hatte, machte ich 
mich im Februar 1776 auf den Weg. Ich reiste mit der gewöhn 
lichen Post, um mein Geld zu sparen. Die Kälte wurde so heftig 
und es schneite so stark, daß ich in Leipzig zwei Tage blieb. Die 
damaligen Posten waren nämlich offene Wagen; erst von Frank 
furt an gab es bedeckte. Ich reiste über Straßburg, das ich noch 
nicht kannte, und bestieg den Münsterthurm bis zur Platform. 
Einige junge Engländer, die mit mir hinaufgestiegen waren, ge- 
riethen außer sich vor Entzücken über die Aussicht und beschlossen 
den Helm des anderen Thurms zu besteigen, was sie auch aus 
führten, trotzdem ein Straßburger, der bei uns war, ihnen wegen 
der mangelhaften Treppen und Leitern sehr davon abrieth. Sie 
kamen auch glücklich wieder herunter und erzählten mir die Wun 
der ihrer Entdeckungen, was ich ihnen mit leichter Mühe glaubte. 
In Paris angelangt, logirte ich alter Erinnerungen halber in 
der Rue Dauphine in demselben Gasthof, in dem ich Mara ehedem 
bedient hatte. Nun erst schrieb ich an meine Eltern und datirte 
den Brief von Berlin. Ich wollte sie überraschen und so gab ich 
denn vor, ein junger französischer Marineoffizier aus meiner Be 
kanntschaft, der sofort von Berlin nach Havre abginge, würde so 
gütig sein, sie von meiner baldigen Ankunft möglichst genau zu 
unterrichten. Unter dieser Maske wollte ich mich selbst bei ihnen 
einführen und mich nach und nach zu erkennen geben. Als ich 
dieses Arrangement getroffen hatte, begab ich mich zu Esperendien, 
um ihm die Briefe des preußischen Kronprinzen zu überbringen. 
Wir kannten uns noch von früher, denn er zog sich die königliche
        
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