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Periodical volume 13. August 1881, Nr. 46

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Aber auch dieses Projekt kam nicht zur Ausführung; der alte j 
Thurm der Spittelkirche wurde abgetragen und an seiner Stelle j 
die westliche Vorhalle errichtet, während der dortige Giebel auf 
einem Aufsatze das Kreuz erhielt und die Glocken im Dachstuhl 
aufgehängt wurden. Hiermit sind die baulichen Acten, wenigstens 
Schinkels, über die Spittelkirche geschlossen; welches Interesse aber 
unser größter Architect dieses Jahrhunderts für eine Beseitigung 
und passende Verlegung und Ersetzung derselben hatte, können wir 
daraus erkennen, daß im Verzeichniß der Mappen des Schinkel 
museums 92 dieselbe betreffende Piecen zu finden sind. 
So führte die Spittelkirchc, natürlich mit mannigfachen Auf 
munterungen, ihr sieches Dasein bis zu ihrem kürzlich erfolgten, 
staubigen Ende und nur in ihrer Umgebung geschahen große Um 
wälzungen. 
Schon lange hatte sich nach vollständiger Bebauung und Ver 
längerung der Commandantenstraße das Bedürfniß einer directen 
Verbindung von der Gertraudten-, Kur- und Niedcrwallstraße nach 
dem im Anbau begriffenen Köpnicker-Felde herausgestellt, und so 
entstand zu Ende der vierziger Jahre ein öffentlicher Durchgang 
oder eine Privatstraße unter dem Namen Sparwaldshof durch die 
Häuser Spittelmarkt Nr. 10 und Commandantenstraße 26 mit 
einer Brücke, der Sparwaldsbrücke, über den ehemaligen Festungs 
graben. Um diese Brücke erhob sich viel Streit, denn die Hinkcl- 
dey'sche Polizeiverwaltung setzte es durch, daß sie wieder beseitigt 
werden mußte, sie wurde aber bald wieder hergestellt. Die Ka 
serne in der Commandantenstraße des Regiments Braun tvar unter 
dessen zu der des Füsilierbataillons des Kaiser Franz Garde-Grenadier 
regiments geworden, und wurde, als mit dem Bau der neuen Ka 
serne in der Pionierstraße (1863—66) ein Anfang damit gemacht 
wurde, auch die inmitten der inneren, dichtbevölkerten Stadttheile 
gelegenen Kasernen nach den äußeren Bezirken zu verlegen, 1865 
zu Verkauf gestellt. Da die Stadtbehörden, welche doch ein hervor 
ragendes Interesse zur Erwerbung in Bezug auf die schon längst 
geplante Erweiterung der Connnandantenstraße haben mußten, 
auf diese nicht eingingen, so kaufte ein Herr Levinstein für 
ca. 200,000 Thlr. die Baulichkeiten in der Absicht, daselbst Markt 
hallen als Ersatz des bisher zu Märkten benutzten Dönhoffsplatzes 
zu errichten, allein er starb und als seine Erben die Verkaufsbe 
dingungen nicht erfüllen konnten, so verfiel die gestellte Caution 
von 12,000 Thlr., der Platz ging an den Fiskus zurück und wurde, 
nachdem er längere Zeit unbenutzt liegen geblieben, im Jahre 1869 
von Herrn Geber in öffentlicher Subhastation für den Preis von 
182,000 Thlr. erstanden. Dieser beschloß den Platz mit seinen 
Gebäuden iin Detail für kleine commerzielle und industrielle Unter 
nehmungen zu verwerthen und übertrug die Ausführung des an 
sehnlichen Baues, der seiner Ausdehnung nach beinahe ein Stadt- 
quartier für sich repräsentirte, den wohlrenommirtcn Architekten Herrn 
Ende und Böckmann. 
Da dem Bauherrn durchaus nicht daran liegen konnte, einen 
directen Neubau auszuführen, bei dem er jedenfalls ein bedeutendes 
Stück zur Straßencrtvciterung hätte abtreten müssen, so wurde zu 
einem Umbau geschritten, bei dem man es verstand, durch Anlage 
von Läden unter dem von eisernen Trägern getragenen, noch be 
wohnten oberen Stockwerk und durch den dann folgenden Umbau 
dieser über den schon benutzten Läden die bestehenden Polizeivor- 
schriften zu uingehen, so daß der Umbau auf ein Haar jener Oese 
glich, an die Jemand sich einen neuen Rock hatte machen lassen. So ! 
entstand das bekannte sogenannte Jndustriegebäude mit den Grat- ! 
weilschen Bierhallen und dem Locale der Berliner Künstler im reichen ! 
italienischen Stilcharaktcr mit einer Art Arkadenreihc für die Läden ! 
als eine hoch elegante Faoade, die neuerdings leider in eine pro- i 
blematische noch um ein Stockwerk vermehrte deutsche Renaissance \ 
umgewandelt worden ist. Der Verbreiterung der Commandanten 
straße war aber für lange Zeiten ein Schnippchen geschlagen. 
Da tauchte im Jahre 1871, in jener Zeit der Einigung des 
siegreichen Deutschlands zu einem neuen Staatenverbande unter 
der Führung Preußens, als die preußische Königsresidenz zur deut 
schen Kaiscrstadt, die europäische Großstadt zur unbestrittenen Welt 
stadt wurde und als solche auch eine noch größere bauliche Reprä 
sentation und Vermehrung der den unendlich wachsenden Verkehr 
leitenden Wege verlangte, das Project einer Straße vom Spittel 
markte zur Commandantenstraße auf's Neue auf. Es bildete sich 
die Centralstraßengesellschaft, und da sich die Verwaltung des Gcr- 
traudtenhospitals entschloß, ihr Grundstück am Spittelmarkte für 
die Summe von 260,000 Thlr. zu verkaufen, die ihm gestattete, 
mit Hinzunahme einer Stiftung des Kaustnanns Hansow von 
26,000 Thlr. das Grundstück an der Ecke der Wartenburg- und 
Großbeerenstraße für 91,200 Thlr. zu erwerben und darauf den 
stattlichen Neubau als N. Gertraudten Stiftung für 160,000 Thlr. 
aufzuführen, so wurde mit zugleich erfolgendem Ankauf eines Theiles 
des alten Sparwaldshofs und des Durchgangshauses in der Com 
mandantenstraße die Centralstraße angelegt, welche später den 
Namen Beuth st raße erhielt. 
Ueber finanzielle Manipulationen und Verhältnisse dieser Ge 
sellschaft zu reden ist hier nicht der Ort, wir können nur unsere 
Anerkennung über die wahrhaft stattliche und wirkungsvolle Anlage 
aussprechen, welche außer dem speciellen Erfolge der durch sie ge 
schehenen Entlastung der Commandantenstraße auch noch den der 
Erweckung einer nachbarlichen Nacheiferung hatte, indem nach Er 
werbung der großen Gartengrundstücke zwischen der Neuen Grün 
straße und dem Spittelmarkte und mit einem Durchbruche nach 
der alten Jacobstraße eine gerade breite Verlängerung der schmalen 
Stallschreiberstraße und dadurch eine directe Verbindung zwischen 
dem Moritzplatze und dem Spittelmarkte und zugleich mit dem 
Hausvoigteiplatze u. s. w., allerdings mit großen Fundamentirungs- 
schwierigkciten, durch den Bauunternehmer Herrn Bolle alsSeydel- 
straße hergestellt wurde. Der Rest des alten Sparwaldshofes 
ging bei dieser Gelegenheit ein, und nun lag die alte Spittelkirche 
zwischen den stattlichen Bauwerken der neuen Straßen als ein 
trauriges memento mori, vielfach verwünscht und angefeindet. 
Erst einem anderen sich stets vergrößernden Verkehrsmotor 
der Neuzeit, der auf immer engere gegenseitige Verknüpfung der 
Maschen ihres Netzes ausgehenden Pferdebahn, welcher, auch schon 
vor 2 Jahren das alte vis ü vis der Spittelkirche, das, wie wir 
vorher gezeigt, auch auf Schinkels architectonisch-ästhetischer Pro 
scriptionsliste stand, die Ringsche Apotheke, zum Opfer fiel, war es 
vorbehalten, unterstützt von dem, nach der glücklichen Errettung 
unseres Kaisers von der Mörderkugel entstandenen Projecte einer 
Votiv- oder Dankeskirche auf dem Wedding, durch ein ja be 
kanntes finanzielles Arrangement mit den glücklichen Besitzern der 
Spittelkirche und den Stadtbehörden diesen alten Bau zu Falle 
zu bringen. Während ihre Altersgenossin, die ehemalige Jerusa- 
lcmskapelle, nach trefflichem Wachsthum in dem vor 2 Jahren er 
haltenen Schmucke des schönen, rothen, neuen Gewandes („Blend 
werk des Himmels" nennt es der Berliner) und die Zier der neuen 
Thürme prankt, laufen über den einstigen Schauplatz der „ver 
wachsenen" St. Gertrudskapelle die Schienen der Pferdebahn zur 
Verbindung der Leipzigerstraße mit der Seydelstraße, des Pots 
damerthores mit dem Schlesischen Thore, von Schöncberg, Char 
lottenburg und Moabit mit Treptow im Jntereffe des Weltstadt 
verkehrs dahin und inan möchte sagen, daß sie durch ihr Scheiden 
mehr als durch ihr Werden genützt — doch de mortuis nil nisi bene. 
So ist es geworden, der erste Satz unserer Aufgabe ist er 
ledigt. Um den zweiten, die erste Frage, wie hätte es werden 
können, zu beantworten, müffen wir auf das letzte Project Schin 
kels, den Bau der Gertraudtenkirche auf dem Terrain des Hospi 
tals zurückgreifen. Wäre dies nämlich ausgeführt, so hätte sich 
dadurch gewiß viel eher dort eine Fortsetzung der Anlage mit
        
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