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Periodical volume 13. August 1881, Nr. 46

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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warst du wie jetzt, kalt und fremd, niemals mir zugethan. 
Mit meinem Vater hast du dich vereinigt, nicht mit mir- 
Nun ist ein anderes Wesen in «reinen Lebenskreis getreten, 
stelle dich zwischen uns, es soll dir doch nichts helfen. Geh 
und rufe meinen Vater, sage ihm, tvas du gesehen, ich will 
nicht leugnen. Ich will frei fein von dieser Qual, sollte ich 
auch zu den Komödianten laufen nrüssen. 
Thrie was du willst, erwiderte Licsbeth, hier ist das 
Haus, doch che wir uns trennen, höre noch ein Wort: 
Sprich nie mit mir von dem wieder, was geschah, über meine 
Lippen wird nichts davon kommen. Geh deinen Weg, wie 
dein Vater es sagte, ich hindere dich nicht daran. 
Leise trat sie in den dunklen Flur, und che er nachkom 
men konnte, war sic die Treppe hinauf verschwunden. 
(Fortsetzung folgt.) 
Oer Spittelmarkt. 
Von .prüti|i|i fuismig. 
(Hierzu Illustration Seite 581.) 
Alea est jacta — der Würfel ist gefallen und mit ihm die 
Spittelkirche, jener langjährige Stein des Anstoßes, dem auch 
„der Bär" schon in seiner Nr. 8 d. Jhrg. in einem kurzen Artikel 
nur noch einen kurzen Lebenslauf prognosticirte. Zahlreich waren 
die Beileidsbezeugungen und die Bulletins, die bei seinem plötz 
lichen Dahinschwinden von allen Seiten ein- und ausgingen, nicht 
minder zahlreich die mehr oder weniger eingehenden Nekrologe, 
welche in den Blättern der Tagespresse seine letzten Tage und 
sein Ende theils mit Todtenklage, theils mit Spott und Hohn 
umrauschten, und soll es unsere Absicht hier durchaus nicht sein, 
die Zahl dieser Erzeugnisse noch zu vermehren. Freudig begrüßen 
wir das Nichtvorhandensein dieses altehrwürdigen Monumentes im 
Interesse des modernen Verkehrs, dem es lange genug hindernd in 
Wege gestanden, und nur von diesem Standpunkte aus schlagen 
wir einige Seiten in der Chronik Berlins zurück, um die bauliche 
Entwickelung dieser Gegend wie sie wurde, wie sie hätte werden 
können und wie sie werden müßte zu beleuchten. 
Wenn man in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts Cöln 
durch das Gertraudtenthor verließ, welches vor der Erbauung der 
Spittelkirche Teltowerthor hieß und vor einer doppelten Brücke 
innerhalb der Stadt stand, so führte geradeaus und anfangs mit 
einzelnen schlechten Hütten bestanden, die Teltower Landstraße bei 
der am Anfange des Jahrhunderts mit seiner Kapelle gegründeten 
Gertraudtenkapelle vorbei, um in der heutigen Lindenstraße 
bald den Saum des Waldes und bei der ungefähr gleichaltrigen 
Jerusalemskapelle vorbei Tempelhof und später Teltow zu 
erreichen. Vor der Zeit Joachims I. beginnend, am meisten jedoch 
unter Johann Georg hatte sich, wie im Osten um St. Georg, 
auch um St. Gertraudt eine bedeutende Vorstadt gebildet, die 
jedoch, wie 1640 jene, 1641 von den Vertheidigern selbst abge 
brannt wurde. Bei der Fortification um 1658 wurde diese Ge 
gend durch den Festungs-, jetzigen grünen Graben als ein Theil 
von Neu-Cöln mit in die Werke hineingezogen, das Gertraudten 
thor und die Teltower Landstraße gingen ein und statt ihrer wurde 
ein Weg durch die alte Leipzigerstraße eröffnet, wo durch den 
monumentalen Bau des stattlichen Leipzigerthores (siehe die 
Illustration Seite 581) die Befestigung Cölns 1683 ihren Ab 
schluß erhielt, nachdem dieselbe bei dem Einfalle der Schweden 
1674 zum ersten Male in vertheidigungsfähigen Zustand versetzt 
worden. Aus der nun folgenden Periode datirt jenes Stridbeck'sche 
Bild, welches dem Anfangs erwähnten, kurzen curriculum vitae 
der Spittelkirche beigegeben war. Der Spittelmarkt war ein 
Bastion geworden, Nr. 4 das Gertraudten Bollwerk, „Batterie 
hinter dem Hospital" oder Gertruden Bastion genannt, ein stiller 
Winkel, ein richtiger todter Winkel und auch für Todte, wie ge 
macht für einen Kirchhof, von dem ja bei früheren Erdarbeitcn 
massenhafte Reste zu Tage gefördert wurden. Aber Berlins stolze 
„Festungstied" verging. Vor der ehemaligen Vorstadt war eine 
Stadt erstanden, in der das alte Kirchlein Hierusalcm zur moder 
nen stattlichen, von Gerlach erbauten Jerusalemskirche geworden 
war und mit der man lebhaft Verkehr wünschte. 
Zudem hatte man nicht mehr den Einbruch der Angreifer, 
sondern den Ausbruch der Vertheidiger zu fürchten, und dazu ge 
nügten Stadtmauern, deren südliche um die neue Fricdrichstadt 
herum 1734—36 errichtet war. So konnte die Festung auf dieser 
Seite fallen und es kam nur darauf an, bei dem Einreißen der 
Werke dieselben richtig zu öffnen und eine zweckmäßige Verbindung 
der inneren und äußeren Straßen herzustellen. Daß dies hier mit 
verständiger Ueberlegung geschehen, dafür kann man den Bethei 
ligten nicht genug danken — die Vernachlässigung solcher „ratio- 
nes“ hat leider auf der anderen Seite 10 Jahre nachher zu einem 
Mißgriff geführt, der sich später in einem auffälligen Zurückbleiben 
der nördlichen und östlichen Stadttheile bitter rächte. Erst jetzt 
wird durch den Bau der Stadtbahn mit dem Zuschütten des 
Königsgrabens das Versäumte wieder gut gemacht. Allerdings 
I hat aber auch durch jene verfehlte Anlage der den Königsgrabcn 
umgebenden Viertel die Stadtbahn wieder einen Vortheil gezogen, 
der solche Opfer wohl aufwiegt. — So beschloß man die Straße 
durch das Leipziger Thor, wohin die Festung den Verkehr ge 
zwungen, ganz eingehen zu lassen und statt dessen den alten Weg 
über den Spittelmarkt wieder zu öffnen, nur daß derselbe beim 
Verlassen der Fortification zuerst eine andere Richtung nahm; 
1738 wurde die Spittelbrücke von Holz erbaut, die ganze Graben 
breite (2000 überspannend, und im September desselben Jahres 
konnte das alte Leipziger Thor für immer geschlossen werden. 
Die Stelle vor demselben, wo am Glacisfuße sich die Wege nach 
Teltow und nach Potsdam schieden, bezeichnete noch bis vor 
mehreren Jahren der 1730 errichtete Obelisk; das Thor selbst 
schenkte der König dem Oberstlieutenant von Bcauvrye, der es 
1739 abbrach und an seiner Stelle mit reichlicher Beihülfe des 
Königs ein großes Haus (jetzt Fricdrich-Werdersche Gewerbeschule) 
errichtete. 
Durch die geöffneten Wälle wehte ein frischer Lebensodem 
über den Spittelmarkt, wo in der Bastion unterdessen neben der 
Kirche, dem Hospitale und dem Predigerhause der Stall und 
die Menagerie des Markgrafen Friedrich hinzugekommen, und 
gleichzeitig begann die Regelung der Wallstrahen von der Waisen 
brücke bis zur Jägerstraße. Was nicht in die Flucht paßte, mußte 
weggebrochen und neu gebaut werden, und bald standen, bis 
auf die Lücken in den Bastionskehlen, auf der Grabenseite die 
Häuser in Reih' und Glied, die der gegenüberliegenden wenig 
stens vom Spittelmarkt bis zur kleinen Jägerstraße. 
Zur Verbindung der Grünstraße mit der Vorstadt wurde 
1740 eine Laufbrücke auf der rechten Face der Bastion 5 über 
den Graben gelegt und bald standen auch hier die Anfänge 
zur Neuen Grünstraße. Zur selben Zeit erhielten' die zur Gcr- 
traudtenkirche gehörenden Gebäude dieselbe Lage, die sie bis zum 
Entstehen der Beuthstraße eingenommen haben. So sehen wir 
sie in der Nachbildung einer Ansicht des Spittelmarktes im 
Jahre 1783 aus der bekannten Rosenberg'schen Sammlung 
! „Berlin vor 100 Jahren", aus der wir überhaupt ein recht an- 
! schauliches Bild von dem Spittelmarkte und seiner Umgebung und 
dem damals auf ihm herrschenden Leben und Treiben empfangen. 
Wir sehen die Spittelkirche in dem für damalige Zeiten ganz 
stattlichen, ihr von Dietrich gegebenen Gewände, mit dem damals 
beliebten und stilgemäßcn Haubenthurmc, von einem Zaun und
        
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