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Volume 30. October 1880, Nr. 5

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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war die Antwort. „Wohlan, ich bin der arme Schulze aus 
Berlin," erwiderte der Kurfürst, „und wenn Du der reiche 
Saldern aus Plattenburg bist, so sollst Du künftig das Holz 
zur neuen Fähre geben." 
Also erzählte eine große schlanke Dirne, die neben einem 
Reiter auf dem Fährdamm entlang schritt; ihr kurzes, braunes 
Wollenkleid ließ die Füße und ein Stück der kräftigen Beine 
frei, die mit blauen Strümpfen und derben Lederschuhen be 
kleidet waren. Um den Kopf trug sie ein weißes Tuch, dessen 
Enden unter dem Kinn zusammengeknüpft waren; es rahmte 
ein Oval von lieblicher Rundung und köstlicher Frische ein, 
man mußte bei dem Mädchen unwillkürlich an Schneewittchen 
denken: Weiß wie Schnee, roth wie Blut, schwarzhaarig wie 
Ebenholz. Unter den dunklen Brauen lagen etwas versteckt 
ein paar Augen, die funkelten so klar blau wie das Wasser, 
wenn der Himmel sich darin spiegelt, aber auch ebenso kühl 
war der Blick dieser Augen. Keinen Schmuck, kein Band trug 
das Mädchen, aber in ihren derben Schuhen schritt sie so 
fest und sicher einher, als sei sie die Herrin der Stadt, die 
so freundlich vor ihnen lag. Der Reiter war kostbar ge 
kleidet; das rothfarbene Scidenwamms und den grünen 
Sammetmantel trug Heinrich Lindholz an dem Tage, da 
Kurfürst Friedrich Wilhelm seinen lieben Berlinern die Kriegs 
beute aus der Fehrbelliner Schlacht sandte; er hatte es wieder 
angelegt, denn er hatte ja die Stätte aufgesucht, wo die 
Schweden inne wurden, daß Einer über sie gekommen, an 
den ihr alter Kriegsruhm verloren ging. Mächtig war auf's 
Neue das Verlangen in ihm erwacht, zum Heer des Kurfürsten 
zu eilen, um auch seinen Lorbecrzweig zu brechen, so mächtig, 
daß er manches Wort überhörte, das die Dirne neben ihm 
sprach, obgleich er gerne in ihr schönes frisches Gesicht schaute- 
Er hatte drunten in der Stadt um einen Führer gebeten, 
der ihm genau zeige, wo der Kurfürst am rothen Junitage 
die Schweden geschlagen und erstaunt ob solch eines wunder 
lichen Ansinnens, hatte der Wirth endlich gesagt: „Die Hanne 
kann mit dem Herrn gehen." Da war die Dirne eingetreten, 
die jetzt neben ihm herschritt und die sich in der niedrigen 
Umgebung gar seltsam ausnahm. Sie hatte ihm das weite 
Schlachtfeld gezeigt und ihm wunderliche alte Sagen erzählt, 
daß er sich vorkam wie eingesponnen in einen seltsamen 
Märchenzanbcr. Jetzt waren sic auf dem Rückweg und trotz 
der Schönheit der Johanne dachte Heinrich nun doch wieder 
mehr und mehr an den Kurfürsten, an die Schivcden und 
an den Kriegsruhm, den er erringen wollte. Als das Mädchen 
gewahr wurde, wie weit seine Gedanken ab waren, schwieg 
cs endlich still und ließ nur ab und zu seine Augen auf dem 
stattlichen Reiter haften. 
Sv kamen sic wieder im Wirthshause an; Heinrich stieg 
ab; die Dirne trat nach ihm in die Gaststube. Das war 
ein dunkles Gemach, in dem die Fliegen summten; rothbraun 
angestrichene Bänke und Tische standen darin, aber kein Mensch 
war zu sehen, nicht einmal der Wirth. Johanne brachte 
dem jungen Patrizier auf sein Begehr einen Krug ziemlich 
saures Bier, Brod, Wurst und Eier, Alles von sehr zweifel 
hafter Güte. Er achtete nicht darauf, denn sie wußte ihn 
mit einer Art zu bedienen, die dieser einfachen Kost einen 
seltsamen Reiz verlieh. Dazu blickten ihn die großen blauen 
Augen immer wärmer an, und er vermochte bald seinen Blick 
nicht mehr von diesem schönen frischen Antlitz zu wenden- 
Sie hatte sich ihm gegenüber gesetzt; und ihre beiden vollen 
nackten Arme auf den Tisch gelegt; nur wenig hatte die Sonne 
diese Arine gebräunt, sie waren weiß wie der Hals, von dein 
das Kleid ein Stück frei ließ- 
„Wer bist Du, Mädchen," hatte er sie endlich gefragt, 
als sie eine Pause machte in ihrer Erzählung der Sage vom 
Irrlicht bei Fergesar, denn sie hatte wieder begonnen, ihm 
mit eintöniger Stimme allerlei Sagen mitzutheilen. „Ich bin 
die Johanna," entgegnete sie einfach. „Meine Mutter war 
die Tochter des vorigen Wirthes hier, mein Vater soll ein vor 
nehmer Herr gewesen sein, sagen sie, ich weiß es nicht, denn 
meine Mutter ist lange todt und aus Barmherzigkeit haben 
sie mich hier im Hause behalten." 
„Und Du hast es gut hier!" forschte Lindholz, dessen 
Theilnahme mehr und mehr wuchs. 
Sie zuckte mit den Schultern. „Wie mans nimmt," 
entgegnete sie, „was sie mir geben, arbeite ich ab und das 
Mannsvolk weiß ich mir vom Halse zu schaffen." Es war 
eine kecke Dirne, die da lachenden Mundes ihm gegenüber saß, 
aber es war nichts Freches in ihrer Art, als sie jetzt offen 
herzig fortfuhr: „Ihr gefallt mir, Herr, Ihr seid fteundlich 
und herablassend zu mir gewesen, ohne mich auch nur mit 
einem Finger anzurühren. Wie ich so dasitze, könnt' ich denken, 
ich wär' eine Dame." Sie lachte in sich hinein und sagte 
dann ernster: „Nennt mir Euren Namen, Herr, daß ich Eurer 
denken kann, wenn ich hier fort muß!" 
„Warum mußt Du hier fort!" fragte er überrascht. 
Ein Schatten flog über das blühende Gesicht. „Sie sagen, 
ich hielte es mit dem Hauswirthe," murmelte sie, „die Wirthin 
sieht scheel dazu, ich habe nichts auf der Welt, als meinen 
guten Namen, den sollen sie mir nicht verlästern, darum gehe 
ich." 
Sic war aufgestanden und sah traurig vor sich nieder. 
Auch Heinrich hatte sich erhoben und stand jetzt neben ihr. 
„Wohin gehst Du, Johanne?" fragte er, seine Stimme bebte, 
es war eine Aufregung über ihn gekommen, wie er sie noch 
nie empfunden. 
„Weiß ichs," entgegnete sie düster, „ich habe keine Hei- 
math, aber ein tiefes Wasser giebt es überall." 
Er schrie auf und schlang feinen Arm um ihre Gestalt. 
„Nimmermehr," rief er, „bleib bei mir, Johanne." 
„Könnt Ihr mir eine Hcimath geben, Herr," fragte sic 
und sah ihn durchdringend an, aber sie machte sich nicht los 
aus seinem Arm, „seid Ihr auch wie alle Anderen?" Mit 
der geballten Fällst schllig er sich vor die Stiril. „Du hast 
Recht, ich bin ja kein freier Mann, ich hab' ja ein Weib 
daheim, ein Weib!" 
Wie ein heißer Klagelaut klang es von seinen Lippcil, 
war allch draußen in der Welt die Kette fühlbar, die ihn fesselte? 
Johanne aber machte sich jetzt mit eiiter einzigen Bewegung frei. 
„Ihr habt ein Weib," fragte sie mit erblaßten Lippen, 
„Ihr so jung noch!" 
Heiilrich Liildholz knirschte mit den Zähnen, dann um 
schlang er das Mädchen aufs Nelle uild sagte leidenschaftlich: 
„Hätte ich kein Weib, so nähme ich Dich auf meine Arme, 
du schöne wilde Rose, lind trüge dich in mein Vaterhaus, 
da hättest Du eine Hcimath!" 
„Das würdet Ihr nicht thun, Herr," entgegnete sie, ihn 
von sich stoßend, dann wäre die Johanne ein Spielzeug für
	        
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