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Periodical volume 13. August 1881, Nr. 46

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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vor der Sünde hüten. Wir müssen es wohl bedenken, mein 
schöner Herr, welch Unglück daraus entstehen kann, und ich 
bitte Sie, bis wir uns wiedersehen, wohl zu überlegen, daß 
zwischen meinem Stande und dem Ihren eine Kluft liegt, die 
ausgefüllt werden muß, wenn wir nicht Beide hinein stürzen 
wollen. 
O meine theuerste Freundin! rief Conrad, indem er von 
Neuem ihre Hände ergriff, nichts soll mir zu schwer und un 
möglich sein. Ich will Alles thun, was Sie mir befehlen. 
In dem Allgenblick näherte sich eine Maske in einem 
Gärtneranzuge, sehr kostbar von grüner Seide nüt goldenen 
Blume» gestickt. Als er in das Bosket blickte, blieb er stehen, 
fixirte die Maske und sagte zu einem ihm nachfolgenden 
Grenadier Friedrichs des Großen: Der Hos ist so eben ge 
kommen. Ich weiß nicht mehr, wo ich suchen soll. Geh 
dort hinüber, Quast, ich will an dieser Seite bleiben. 
Wohlan, sagte die Dame aufstehend, da ich befehlen 
soll, so befehle ich Ihnen hier zu bleiben, bis die Quadrillen 
beginnen. Dann gehen Sie vor die königliche Loge und 
schauen dort ben Tänzen zu. 
Sie werden doch wiederkommen, meine Angebetete! flehte 
Conrad. 
Ich denke bald. Adieu. 
Eine Bitte noch. — Er hielt sie fest. Weiß ich doch 
nicht einmal Ihren Namen. 
Wenn ich wiederkomme, sollen Sie Alles erfahren, rief 
sie, machte sich frei und eilte in den Saal, wo sie schnell 
verschwand. 
In welcher Aufregung blieb der junge Mann zurück! 
Eine Schauspielerin war also seine Schöne, er hatte es ge- 
ahnet und sie hatte es ihm bestätigt; doch seine Leidenschaft 
überfluthete alle Bedenken, welche aus diesem Namen hcrvor- 
krochen. Sein Vater fiel ihm ein, und wie der Zopf init 
fürchterlicher Gewalt von einer Seite zur andern flog, sein 
Hohngelächter dazu, und wie Liesbeth sagte: Mit Komö 
dianten habe ich nichts zu schaffen! Es half Alles nichts. 
Und wenn ich selbst unter die Komödianten müßte, oder 
wer weiß wohin, murmelte er, ich wollte nicht weichen! 
Wäre sie nur erst wieder hier. Könnte ich ihr sagen, was 
ich denke und empfinde. Ich habe allzuwenig von meinem 
Herzen und was darin steht gesprochen. 
Hier tvurde er unterbrochen, denn im Saale verdoppelten 
sich Lärm und Getümmel, Alles drängte sich dem Raunie vor 
der königlichen Loge zu, und als Conrad aus dem Bosket 
heraustrat, sah er die große Loge mit den glänzenden Herren 
und Damen des Hofes gefüllt. Der König stand mit seiner 
schönen Gemahlin vorn an der Brüstung, umringt voll Priilzen 
und Prinzessinnen sammt hohen Gästen; unteir aber wurde 
mit Hülfe eiiles rothseidenen Seiles ein freier Raum geschaffen, 
und iil diesem begann nun die erste Quadrille der Grenadiere 
Friedrichs des Großen und der Marketenderiilnen. Viele 
charakteristische uild belustigende Tanzfiguren, Gruppen und 
Stellungen wurden von allgemeinem Beifall begleitet. Jeder 
mann wußte, daß diese Tänzer und Tänzerinnen der vor 
nehmsten Gesellschaft angehörten; die Grenadiere von Offizieren 
der Garderegimenter dargestellt wurden, welche ihre militairische 
Haltung uird Gewandtheit dabei in Anwendung brachten, 
was in anmuthiger Weise geschah. So steigerte sich der Bei 
fall denn auch immer mehr, als jedoch die Schlußtour begann. 
wobei die Grenadiere ihre Waffeir zogeir und an einander klirrten, 
die Marketenderinnen ihnen große preußische Cocarden an 
hefteten und preußische Schärpen schwangen, brachte dies eine 
elektrische Wirkung hervor. Die Zeit war schon in heftiger 
Bewegung, der Kampf Preußens gegen den übermüthigen 
Franzosenkaiser wurde von den kriegerischen Cavalieren sehnlich 
herbeigewünscht und die Bedächtigkeit des Königs und seiner 
Staatslnänner auf's Bitterste verspottet »lud verlästert. Graf 
Haugwitz hatte wenige Monate vorher mit dem Kaiser Napoleon 
die unheilsvolle Convention in Wien abgeschlossen und leitete 
lviederuin die auswärtigeil Allgelegenheiten. Die Unzufrieden- 
heit war allgemeiil; als daher jetzt die Grenadiere des großeli 
Friedrich ihre Waffen und ihre Feldzeichen schwangen, er 
scholl eiil stürinischer Jubelruf, selbst in den Umgebungen des 
Königs, der mit unmuthigem Gesicht sich abwandte, obwohl 
die schöne Königin ihn freudig uild bitteild ailblicktc. 
Aber dieser auftegenden Quadrille folgte rasch eine andere, 
welche den Sturm versöhnte. Kauin hatten die Grenadiere 
sich entfernt, so erschien statt ihrer eine Schaar Gärtiler uild 
Gärtnerillnen, die den lieblichsteil uild friedlichsten Anblick 
gewährte- Die Herren gailz so gekleidet, wie Eiiler voll ihileil 
vorher an dem Bosket erschien, die Damcil in weißen Atlas 
röcken und grünen, auf's Reichste init Goldstickerei vcrzierteil 
Miedern. Ihre Doppelzöpfe waren mit Perlenschürcn durch 
wunden und in goldigen Körbchen trug jede eine Fülle der 
schönsten Blumen. — Von dem Strome der drängendeil Mas 
ken fortgeschoben und gestoßen, gelangte Conrad bis dicht an 
das rothe Seil und schaute niit Bewunderung auf die lieb 
lichen Erscheinungen, welche feenhaft an ihm vorüber schweb 
ten. Plötzlich jedoch wurden seine Augen gefesselt von der 
reizenden Tänzerill, welche ihm gegenüber staild. Es kam 
ihm vor, als ob ihre Augen unter der schwarzen Halbmaske 
sich auf ihn richteten, als ob sie ihm zugenickt hätte. Es 
war eine leichte feine Gestalt, ihre Bewegungen voll Anmuth, 
sie wiegte ihren Kopf so schelmisch, wie, wie — uild von der 
selben Größe schien sie zu sein, und ihr Haar so dunkelblond, 
reich und schön — sein Herz gerieth in ein Zittern. — Aber 
welche Narrheit überfiel ihn? Wie wäre dies möglich gewesen! 
Diese Damen gehörten ja sämmtlich zu den ersten Familien, 
und sie, die Schauspielerin — er mußte lachen — da, puff! 
flog ihm eiu Blumeilsträußcheu in's Gesicht. Die Gärtne 
rinnen warfen ihre Blumen aus den Körbchen nach allen 
Seiten, die liebliche Schöne hatte ihn geworfen. Der Strauß 
fiel in seine Hand, welche schnell darnach haschte, es steckte 
eine Rose darin. 
Dieser Zufall vermehrte seine Betroffenheit, allein die 
Blumen flogen überall hin. In die königliche Loge, auf die 
Zuschauer, unter ihre Füße. Es entstand ein Jauchzen, ein 
Drängen und Greifen, und wie Conrad in diesem Taumel 
die Gärtnerin mit seinen starren Blicken verfolgte, wurde er 
plötzlich zurückgestoßen und verlor seinen Platz. Damit ver 
schwand auch die Täuschung. Es war widerlich zu sehen, 
wie diese Larven sich umherstießen, wie sie sich die Blumen 
entrissen, welch ein rohes Getümmel entstand, das den vor 
nehmen Leuten zum Spott diente. Conrad entfernte sich 
immer weiter davon, und das Sträußchen verbergend sagte 
er: Sie soll es haben, und wenn sie kommt, will ich ihr 
sagen, welche wunderbaren Einbildungen — das Wort stockte 
auf seinen Lippen, denn indem er in das Bosket blickte, sah
        
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