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Periodical volume 13. August 1881, Nr. 46

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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schob die Rosenträgerin ihren Arm in den seinen und führte 
ihn fort, ohne auf die höhnenden verfolgenden Fledermäuse 
weiter zu achten. 
Soll ich noch fragen, ob mein allerliebstes Mäuschen 
Rosen ohne Dornen hat? flüsterte er ihr zu. 
Ich glaube, daß cs überflüssig ist, erwiderte seine Beglei 
terin mit der schwarzen Seidenmaske zu ihni aufnickend, denn 
der galante Herr Conrad wird die Dornen wohl schon em 
pfunden haben. 
In meiner Sehnsucht nur allzusehr, war seine Antwort. 
Gestern habe ich den ganzen Abend vergeblich gewartet und 
heut — 
Heut habe ich Sic doch entschädigt, mon eher ami, un 
terbrach sie ihn. Mitten durch die Töpfe und Lampen bin 
ich bis zu Ihnen gedrungen, ohne schreckliche Gefahren zu 
achten. 
Dafür möchte ich mich Ihnen zu Füßen werfen! sagte 
Conrad, ihre feine Hand pressend. 
Nur nicht hier, nur nicht sogleich! versetzte sie in lustigem 
Tone. Aber haben Sie heut oft an mich gedacht? 
Nur an Sie, an Sic allein, meine Theuerste, und meine 
einzige Sorge, die mich verfolgte, war — 
Daß der Herr Papa mit dem dicken Zopf einen Strich 
durch unsere Rechnung machen könnte, oder Jungfer Liesbeth. 
Nein, nein! fiel ihr Conrad ins Wort, daß ich Sic nicht 
entdecken würde, daß es mir so gehen könnte, wie gestern. 
Pfui, Herr Conrad, haben Sic so wenig Vertrauen zu 
mir? Habe ich nicht selbst Betrübniß genug darüber empfun 
den, Ihre aimable Gesellschaft entbehren zu müffen? 
Hat es Ihnen denn wirklich leid gethan? fragte er entzückt. 
Gewiß hat es mir leid gethan, sehr leid gethan, einen 
so artigen jungen Herrn von feiner Conduite, der meine ge 
ringe Person mit so vieler Theilnahme beglückt, vergebens 
warten ju lassen. Doch ich schwöre Ihnen, es ging nicht 
anders, und ich hoffe, daß Sie mir glauben, Monsieur Conrad. 
Ach! erwiderte er mit einem zärtlichen Seufzer, was gäbe 
es in der Welt, das ich Ihnen nicht glaubte, meine schöne 
liebenswerthe Freundin. 
Nun wahrhaftig, rief sie lachend, das ist mehr, als ich 
beanspruchen darf, mein schöner Herr, aber für Ihre Artigkeit 
sollen Sic, wie ich es versprochen habe, belohnt werden. Führen 
Sic mich zum Tanze, wenn ich auf diese Ehre Anspruch 
machen darf. 
Conrad ließ sich das nicht zwei Mal sagen. Sie waren 
an einer Stelle gelangt, wo sich ein Kreis von tanzenden 
Paaren gebildet hatte, und mit einem heißen Gefühl inniger 
Dankbarkeit erinnerte sich Conrad seiner verewigten Mutter, 
die ihm noch in der letzten Zeit ihres Lebens Erlaubniß ver 
schafft hatte, Tanzunterricht zu nehmen. Jetzt drehte er sich 
mit der rosigen Begleiterin in einem raschen Walzer, und 
mit Entzücken umschloß er ihren schlanken Leib und fühlte 
wonnig berauscht ihr Athmen. Es war ohne Zweifel eine 
ausgezeichnet leichte und sichere Tänzerin, allein nach kurzer 
Zeit schon erklärte sie, daß es genug sei. Ich habe den 
Tanz nie recht leiden mögen, sagte sie, obwohl ich öfter dazu 
gelange, als mir lieb ist. Gehen wir dort hinab. Man 
hat dort mehrere artige Blumengrotten eingerichtet. Setzen 
wir uns unb plaudern, so lange cs angeht. Bald genug 
werde ich Sie verlaffen müffen. 
Verlassen müffen? fragte er erschrocken. 
Leider ja- 
Darf ich Sie denn nicht begleiten? 
Das würde sich nicht für Sie schicken. 
Nicht für mich schicken? 
Gewiß nicht. Die Gesellschaft, in welche ich Sie bringen 
müßte, würde nicht nach Ihrem Geschmack sein. 
Wo Sie, meine Angebetete, sich befinden, rief Conrad 
mit Feuer, indem er sich neben sie in ein Bosket von Blunren 
und Blüthen setzte, wird die Gesellschaft immer meinem Ge 
schmack entsprechen. 
Die Maske im grünen Domino schwieg einen Augenblick, 
dann aber sing sie leichtsinnig zu lachen an. Ich danke Ihnen 
voll tiefer Ergebenheit, mein artiger Herr, sagte sie, aber da Sie 
mir Alles glauben wollen, was ich sage, so glauben Sie mir 
auch, daß es durchaus nicht angeht- Sie wiffen nicht wer 
ich bin. 
Nein, meine Thencrste, rief Conrad, leider haben Sie 
mir dies grausam bis jetzt verschwiegen, doch wer Sie auch 
sein mögen — 
Halten Sie ein! unterbrach sie ihn, wenn Sie es wüßten, 
würden Sie davor erschrecken. 
Gewiß nicht, niemals! antwortete er energisch, aber das 
Herz klopfte ihm dabei, Sie sind so schön, so gut, und wenn 
Sie einem Stande angehören, der etwa — 
Er hielt inne, denn er wagte nicht, es auszusprechen, 
was er sagen wollte. 
Fahren Sie fort, sagte die Maske. 
Einem Stande, der — der die mißgünstigen Vorurtheile 
der Menschen hervorruft — 
In der That. — O, Sie haben Recht! 
Aber ich verachte diese Vorurtheile! 
Wirklich? 
Ich schwöre es Ihnen! Ich schätze mich glücklich, auch 
wenn — wenn Sie — 
Nun, wenn ich — 
Wenn Sie auch eine Schauspielerin oder dergleichen sind! 
rief Conrad muthvoll, indem er ihre schmale kleine Hand küßte. 
Sie ließ es geschehen, obwohl sie Anfangs heftig zuckte, 
dann aber brach sie wieder in ihr leichtsinniges Lachen aus. 
So ist es denn wirklich heraus, sagte sie. Ja, ich bin eine 
Schauspielerin und dergleichen, aber nur eine Anfängerin, 
obwohl vielleicht mit einigem Talent. 
Und Sie haben mir Ihre Theilnahme zugewandt, fiel 
er ein. 
Das habe ich wirklich. Aber, ach! was soll daraus 
werden, Herr Conrad? 
Alles was Sie wollen, meine angebetete Freundin. 
Stille, Herr Conrad, stille! Bedenken Sie doch, was 
würde der grimmige Papa dazu sagen! Wie würde er den 
Zopf werfen! 
Ich frage nicht darnach. 
Und Mademoiselle Liesbeth mit den blaßblauen 'Ma 
donnenaugen? Bedenken Sie deren Verzweiflung! 
Es überkam ihn ein Schauer bei dem Namen; es war 
als ob Liesbeth mit ihren strengen festen Blicken ihn anschaute. 
Eine Komödiantin! es ist köstlich! rief die schelmische 
Dame, wie würde die hochachtbare Jungfer mich trac- 
tiren! Bei allen meinen Privilegien müffen wir dennoch uns
        
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