Path:
Periodical volume 6. August 1881, Nr. 45

Full text: Der Bär Issue 7.1881

570 
Conrad zögerte mit der Antwort. Gekauft habe ich das 
Buch nicht, sagte er dann, ein — ein Freund hat es mir 
geliehen. 
Konntest deine Zeit auch wohl besser verwenden, fuhr der 
Alte etwas milder fort. He, Liesbeth, hör' doch an, Komödien 
hat er in der Tasche. Willst dir eine vorspielen lassen? 
Mit Komödien habe ich nichts zu thun, versetzte sie. 
Aber du wirst doch gern mit mir ab und zu in die 
Komödie gehen, wenn ich dich bitte? sagte Conrad sanftmüthig. 
Warum nicht, wenn ich nichts Besseres zu thun habe, 
war ihre Antwort. Darauf ließ sie ihre Nadel fallen, sah 
ihn an und fragte: du gehst wohl öfter hin? Hast auch wohl 
schon den Wilhelm Tell gesehen? 
Diese Frage kam so überraschend und wurde so bestimmt 
gethan, daß Conrad sich wie ein überführter Verbrecher der 
Wahrheit nicht erwehren konnte. Allerdings, sagte er, ich 
habe den Wilhelm Tell gesehen. 
Neulich erst, nicht wahr? 
Ja, erst vorgestern Abend. 
So wissen nur doch, antwortete Jungfer Liesbeth, wer die 
Freunde sind, die dich Abends in Beschlag nehmen. 
Jh, du Elementer! rief Christian Funk, du läufst in 
die Komödie, verbringst da Geld und Zeit? Ein leichtsinniger 
Bube bist du. Einer, dem man die Ladenkassc nicht anver 
trauen soll. 
Aber Vater, sagte Conrad crröthend, ich werde doch so 
viel Willen und so viel Geld mir erlauben dürfen, um auch 
einmal in die Komödie zu gehen. 
Was, sagte der Alte, indem er sich auftichtete und den 
dicken Zopf in den Nacken warf, du willst noch räsonniren? 
Hast den Kopf voll Raupen, die müssen herausgebracht werden. 
Das kommt davon, wenn mau daherstolzirt wie ein Truthahn 
und nicht weiß, wo man die Nase lasten soll. Aber daran 
ist deine Mutter schuld, die hat dich verzogen. 
Wollte Gott, daß sie bei uns wäre! rief Conrad lebhaft, 
indem er das Buch zuschlug und einsteckte. 
Sein Vater hörte nicht darauf. Der fuhr's in den 
Kopf, einen neumodischen Sohn zu haben, sprach er weiter, 
der's Haar sich rund schneiden ließ, eine französische Narren 
jacke mit langen Schößen auf den Leib zog und sogar Fran 
zösisch lernte. 
Gott segne meine Mutter dafür in ihrem Grabe! fiel 
Conrad ein, denn wenn sie nicht gewesen wäre, hätte ich un- 
wistcnd bleiben mögen, tvie ein Bauer. 
Hoho! rief der Alte, so wärst nicht der Narr geworden, 
der du bist, sondern ein vernünftiger Mensch. 
Ich bin vernünftig und erwachsen, Vater, sagte der Sohn 
heftig und gereizt, indem er vom Nebentische ein anderes 
Licht nahm und es anzündete. 
So, bist du? versetzte Funk gelasten. Bist nächstens 
vier und zwanzig. 
In dem Augenblick hob die Uhr aus und schlug neun. 
Gute Nacht, Vater! Gute Nacht, Liesbeth! sagte Conrad, 
und wollte hinaus. 
Gute Nacht! antwortete der alte Mann. Aber halt, 
noch Eins! Ich will dir was mit auf den Weg geben. Du 
wirst von hellt ab nicht aus dem Hause gehen, ohne cs mir 
zil sagcil, wirst deine Abende hier bei uris sitzen, wie cs sich 
schickt; wenn du was lesen willst, so sind da die Bibel, die 
Postille und der Kalender. Alle die Narrenspostcn hören 
auf, oder — wir hören auf, als gute Freunde zusammen zu 
bleiben. 
Vielleicht wäre es so das Beste, sagte Conrad, indem er 
nach der Thür ging. 
Hast dein Theil zu wählen! rief sein Vater ihm ilach. 
Mit hochrothcin Gesicht stieg der junge Mann die Treppe 
in: Seitengebälide hinalif, und als er in sein kleines, sauberes 
Zimmer gelangte, ging er mit fliegendem Athem auf und ab 
und drückte endlich beide Hände heftig vor seine Stirn. Die 
bedräilgte Lage, in welcher er sich befand, war ihm nie so 
widerlich imb unerträglich vorgekommen. Was er lange em 
pfunden, daß zwischen: ihm uild seinem Vater eine Kluft liege, 
die sich nicht ausfüllen laste, reizte ihn heut zu trotzigen Ent 
schlüssen, sich nicht zu demüthigen, sondern sein Recht zum 
Widerstande zu behaupten. Er konnte feines Vaters Denkweise 
nicht ertragen und fühlte eine Verachtung dagegen, die ihn in 
seinem Ungehorsam bestärkte. Die eigennützigen Grüilde des 
alten Btannes, welche dessen Handlungen bestimmten, waren 
feiner edleren Natur ein Gräuel. Es war ihm nicht allein 
mancherlei bessere Lehre geworden, — denn auch bei der besten 
kann die Gesinnung eine gemeine bleiben, — sondern er besaß 
auch Anlagen des Geistes und des Herzens, die ihn über den 
Gefühlskreis seiner Verwandten erhoben, mit deren Begriffen 
von Rechten und Pflichten er sich unmöglich verständigen konnte. 
Viele Bücher und Schriften verbreiteten damals neue 
Lehren, neue Gedanken, eine neue Poesie. Eine neue Sprache 
war zum Vorschein gekommen, und in dem sorgfältig ver 
schlossenen Schranke verwahrte Conrad eine ganze Reihe lite 
rarischer Schätze, an denen er sich heimlich erfreute. Er besaß 
auch einige Freunde von der Schule her, die ihn weiter an 
regten und seinen Mißmuth darüber wach hielten, daß sein 
Vater ihm den Lebensweg abgeschnitten, der seinen Neigungen 
zumeist entsprochen hätte. War die Aussöhnung auch zuin 
Theil dadurch erfolgt, daß der Alte ihm erlaubte, sich modisch 
zu kleiden uud seine freie Zeit nach Gefallen zu benutzen, so 
hatte in letzter Zeit das Verhältniß sich wieder erschwert, als 
Funk seinen bestimmten Willen kund gab, daß Jungfer Lies 
beth seine Schwiegertochter werden sollte. Es war dies freilich 
schon als Conrads Mutter noch lebte eine begünstigte Fami- 
liensache gewesen, und niemals hatte Conrad selbst dagegen 
etwas eingewendet. Liesbeth war ein von allen Menschen 
belobtes, fleißiges und ehrbares Mädchen, ein wahrer Schatz 
und ein wahres Musterbild, wie seine Eltern versicherten, und 
als die Mutter starb, stand sie trotz ihrer Jugend dem Hause 
und dem Geschäfte mit solcher Umsicht und solcher Treue vor, 
daß ihr Ruhm noch weit höher stieg. 
Conrad erkannte alle diese schönen Eigenschaften um so 
mehr an, da Liesbeth ihn: auch sein Theil davon zuwandte, 
denn sie sorgte fiir ihn, wie für Alle. Seine Wäsche war so 
sauber gewaschen, daß kein Tadler ein Fleckchen finden konnte, 
ihre Nadel immer in Bewegung, ihre Augen überall, ihr 
Ordnungssinn immer wach und ihre Hände immer thätig; 
allein wie wohlthuend dies auch sein mochte, es datierte nicht 
lange, so wurde es ihm mehr und mehr lästig. Liesbeth 
beaufsichtigte ihn und verband sich dazu mit seinem Vater, 
und statt sich ihm inniger anzuschließen uud beizustehen in 
mancherlei kleinem Streit, sagte sie ihm in ihrer trockenen 
Weise, was man die Wahrheit sagen nennt. Wäre dies nicht
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.