Path:
Volume 30. Juli 1881, Nr. 44

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

559 
Thaler baar auf den Tisch und grinste dazu mit innerer 
Genugthuung. 
Nehmt und theilt es christlich, sagte er, dieser letzte 
Markttag ist ein gesegneter geworden, also betet am nächsten 
Sonntag für die Herren Gensdarmen, daß sie Gott noch recht 
lange erhalte. 
Die Leute lachten und wünschten, es spränge ihnen alle 
Tage Einer in ihre Töpfe, und ein Weib, das einen Peitschen 
hieb über die Backe bekommen, schrie jubelnd, daß sie dafür 
wohl zwei auf jede Backe jedesmal nehmen würde. Christian 
Funk schüttelte sich lustig und rief: Prügel schaden Keinem 
etwas, dienen zur Gesundheit. Es ist schlimm genug, daß 
nicht mehr so viel geprügelt wird, als früher, davon kommt's 
verdorbene Blut und all' der neumodische Leichtsinn. 
Er sah seinen Sohn mit verschmitzten Blicken an, welche 
deutlich ausdrückten, was er dachte, allein Conrad Funk blickte 
nachdenkend zum Fenster hinaus, auf die Scherben, welche auf 
einen Haufen gekehrt wurden. Es ist doch eine Schande, 
sagte er, daß die Menschen sich das gefallen lassen, und noch 
schändlicher, daß sie zufrieden damit sind, wenn sie ein Stück 
Geld dafür bekommen und betrügen können. 
O, du Narr du! lachte der Alte- Du hättest es Ihnen 
wohl nicht gegeben? 
Ich hätte ihnen am liebsten gar nichts gegeben. Wenigstens 
nicht mehr, als ihnen gebührte. 
Und hast ihm doch bcigestanden, dem wilden Junker! 
rief Funk. 
Beigestandcn, ja. Als ich ihn sah, fiel es mir ein, daß 
ich als Knabe oft mit ihm gespielt habe. Er freilich hat's 
vergessen, ich nicht. Dann war's lustig zu sehen, wie er sein 
bäumendes Pferd bändigte und geschickt regierte. Endlich fand 
ich es nobel, daß er seine Börse ausschüttete, und wie ich die 
tobenden, fluchenden Menschen sah, drängte cs mich ihm zu 
helfen, daß ihm kein Leid geschehe. Aber er hat sic geschlagen, 
das war Gewalt und Unrecht. 
Bah! sagte Christian Funk, das liegt in der Art, die ist 
einmal so. Sein Vater hat es noch anders gemacht. In 
der ganzen Compagnie war Keiner, der nicht gefuchtelt wurde, 
doch dafür war er auch wieder mit dein Gelde bei der Hand 
und schmierte die blauen Flecke. So muß es sein, und darum 
soll er morgen auch nicht achtzig Thaler bezahlen, sondern 
wenigstens hundert, oder noch mehr. 
Vater! rief der junge Mann erröthend, du wirst doch 
nicht — 
Ich hab's gar nicht nöthig, ihm eine größere Rechnung 
zu machen, unterbrach ihn der alte Mann. Denkst du, der 
Freiherr von Hochhausen läßt sich umsonst bedienen? der würde 
sich schämen, wenn ich kein Geld nehmen wollte- 
Conrad schwieg, denn er sah wohl ein, daß sein Vater 
ihn auslachen würde, wenn er ihn bitten wollte, jeden Geld 
lohn zurückzuweisen. 
Es sind stolze Leute, die vornehmen Leute! fuhr Christian 
Funk fort- Das Geld ist für uns da, die Ehre für sie, als 
ob sie immer Geld zu viel hätten. — Er lachte in seiner 
Weise und warf den Zopf auf die andere Seite- Es drückt 
sie aber meist bei alledem nicht allzusehr, fuhr er fort, und 
so koinmen sie in Schulden und dann denken sie an uns. 
Hoho! denken auch an den alten Feldwebel, an den sie manches 
Jahr nicht mehr gedacht haben. 
Er sah aberinals seinen Sohn mit pfiffigen Blicken an, 
der noch immer unbeweglich blieb. Sie schwärmen wieder 
einmal wie die Bienen hier zusammen, von allen Ecken, fuhr 
er fort, und die russischen Herren dazu. Das geht nun schon 
seit ein paar Jahren so in Saus und Braus. Die Säbel 
gewetzt, bald gegen den Engländer, bald gegen den Schweden 
und gegen den Franzos, jetzt aber heißt's wieder wie damals, 
1792, müssen der Wirthschaft in Paris ein Ende machen! 
und sie thun, als ob sie schon drinnen wären. 
Glaubst du, daß ein Krieg kommt, Vater, fragte Conrad. 
Der Alte schwieg einen Augenblick, darauf sagte er: 
Du brauchst dem Kalbfell nicht nachzulaufen, bist hier geboren, 
wo die Bürgersöhne frei sind. Wenn sie sich die Köpfe ein 
schlagen wollen, mögen sie es thun. Strümpfe werden immer 
gebraucht, und auf alle Fälle hin habe ich gesorgt, habe so 
viel Garn und Vorräthe angekauft, daß wir's aushalten 
können, wenn es theuer wird. Zunächst hat's nichts zu sagen. 
Es geht ja den ganzen Winter über so lustig her, wie noch 
nie. Geld ist zu verdienen, es kann Keiner klagen, die Feste 
nehmen kein Ende. Heute haben sie wieder einen großen 
Maskenball in der Oper, obwohl die Zeit zur Hanswursterei 
vorüber ist. 
Während dieses Gesprächs hatte Liesbeth hinter dem 
Gitter gestanden und sich dort zu thun gemacht- Einmal 
hatte sie sich auch dem Schreibepulte genähert und dicht an 
demselben ein weißes gefaltetes Blatt aufgehoben, das an der 
Erde lag- Mit ihren spitzen Fingern hatte sie es leise ge 
öffnet, hineingeschaut, gelesen was darin stand und es dann 
wieder fallen lassen, indem sie geräuschlos auf ihren Platz 
zurückkehrte. 
In dem Augenblick nun, wo Christian Funk den Masken 
ball erwähnte, fuhr sein Sohn mit der rechten Hand in die 
Brusttasche seines Rockes, als suche er dort etwas, und schien 
zu erschrecken, da er nicht fand, was er vermißte. 
Hast du was verloren? fragte der Alte- 
Es ist nichts. Ein Bestellzettel, Alles schon abgemacht, 
antwortete Conrad, indem er eilig um den Ladentisch ging 
und das Papier dort erblickte, es aufhob und einsteckte. 
Sein Gesicht hatte sich dabei erheitert, und indem er 
sich anschickte, Liesbeth bei ihrer Ärbeit zu helfen, sagte er 
in froher Laune: Die Einzige, die bei allen diesen lustigen 
Vorfällen ernsthaft geblieben, bist du, meine liebe Liesbeth; 
aber nun will ich dafür sorgen, daß du mich freundlich an 
schauen sollst. 
Ich will's abwarten, antwortete die Jungfer. Zu helfen 
brauchst du mir nicht, sorge nur für dich selbst. 
Recht, Mädchen, lachte der Alte- Sorge du für ihn. 
Willst du? 
Das will ich, sagte sie. 
Dann sorge zunächst, daß er nicht verhungert, und ich 
desgleichen, fuhr Funk fort. Zopf und Magen hängen mir 
schief. Ein Uhr vorbei, und die Suppe noch nicht auf dem 
Tisch! Seit Jahr und Tag ist mir das nicht passirt. 
Liesbeth ging schweigend hinaus, und eine Viertelstunde 
darauf dampfte der Suppennapf im Hinterzinnner. Der Kauf 
mann und Feldwebel hielt sein Mahl, bei dem es heute 
munterer herging, als es zuweilen der Fall war. Funk schien 
von dem Besuche seines ehemaligen Majors wirklich erfreut 
zu fein und erzählte eine Menge lustiger und schrecklicher
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.