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Volume 23. Juli 1881, Nr. 43

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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bürg, der Fahrt nach Kiel und der holsteinischen Hauptstadt selbst, j 
Die Marinen sind meist von Gustav Schönleber gezeichnet, der 
sich namentlich eine große Virtuosität in der Schilderung des 
Lichterspiels auf den Wasserflächen angeeignet hat, die Genre 
bilder und Architektur meist von I. Gehrts. Aus der 10. Lie 
ferung sei besonders die Schönleber'sche Zeichnung „Fischerdorf 
Ellerbeck," „Inneres eines Hallighauses" und „Im Fürstenstuhl 
der Schloßkirche zu Gottorf" hervorgehoben. Aus der 11. sind 
„Kiel" und „am Wasserthor in Wismar;" aus der 12. „Plön," 
„Eutin" und „Lübeck" und endlich aus der 13. Lieferung „das 
Wattenmeer im Sturm," „Mölln" und „auf dem heiligen Damm" 
hervorragende Illustrationen. Das schöne Werk, welches in hohem 
Grade das Interesse des Publikums verdient, wird in 22 Liefe 
rungen vollendet sein. 
Leopold v. Ranke und sein neuestes Gcschichtswerk*). 
Für Ranke giebt es keinen wissenschaftlichen Feierabend. Der 
85 jährige Greis hat die Welt mit den Anfängen eines Werkes 
überrascht, das die Jahre und die Kräfte rüstigster Männlichkeit 
vorauszusetzen scheint. Aber an Ueberraschungen sind wir bei dem 
ersten der deutschen Historiker seit lange gewöhnt. Nur ist diese 
letzte insofern die größte, als der Geschichtsschreiber, von der Höhe 
seiner Lebensjahre noch abgesehen, hier aus dem Umkreis seiner 
bisherigen Arbeiten weit heraustritt. Im Lichte der Oeffentlichkeit 
war die Domäne Rankes als Geschichtsschreiber die Neuzeit, 
die moderne Staatenwelt, der Geschichtsforscher und Geschichts 
lehrer beherrschte zugleich das ganze Mittelalter, für welches die 
Ranke'sche Schule eine neue Aera in Kritik und Darstellung be 
deutet. Wenn nun der Meister in diesem neuesten Werke den 
Boden der alten Geschichte in Orient und Occident betritt, so 
muß man sich freilich gegenwärtig halten, daß dies Geschichtsfeld 
nur das Glied der großen universalgeschichtlichen Kette sein soll, 
die Ranke durch die Jahrhunderte hinab bis zur Gegenwart ver 
folgen will. Nur in diesem Lichte und in diesem Zusammenhang 
ist er an das Alterthum herangetreten. Wie A. v. Humboldt am 
Abend seines Lebens in seinem Kosmos die resultatenreiche Summe 
seiner naturwissenschaftlichen Forschungen niederlegen wollte, so ist 
es Ranke offenbar nicht bloß ein wiffenschaftliches, sondern zugleich 
ein ethisches Bedürfniß, in diesem Werke seines Alters, d. i. seines 
Lebens, eine Ueberschau über die Totalität des geschichtlichen 
Lebens wie ein Vermächtniß an die Nation, an die Wissenschaft 
darzubieten. Mit dieser Idee ist Ranke nur in den Spuren seiner 
eigensten Natur geblieben, denn seine Forschung war bei aller 
Gediegenheit der Detailkritik immer und überall auf das Große, 
Allgemeine gerichtet. Es ist das ebenso eine Gabe des Meisters 
von Haus aus, wie es die Mitgift einer Zeit, seiner Jugendzeit, 
war, wo das wiffenschastliche Leben noch nicht von der „Theilung 
der Arbeit" so einseitig beherrscht War wie heute. Es waltete in 
jener, mit der heutigen verglichen, kritisch fast unmündigen Zeit, 
auch auf historischem Gebiet ein freier, großer Idealismus, nach 
dem wir heute mit einer Art Sehnsucht zurückblicken mögen. Bei 
solcher Richtung schon war es undenkbar, daß Ranke sich jemals 
auf ein partikulares Gebiet der Geschichte beschränkt hätte, und 
gerade das klassische Alterthum war dem Zögling der alten Schul- 
pforta, dem Schüler Gottfried Hermanns, dem anfänglichen Schul 
mann immer nahe geblieben. Auch hatte er in Berlin noch, z. B. 
im Revolutionsjahre 1848, das dem stillen Forscher die stürmische 
Gegenwart verleidete, über römische Geschichte gelesen. Ist es 
doch auch bekannt, wie tief und vorbildlich gerade Niebuhr auf 
*) Weltgeschichte von Leopold v. Ranke. Erster Theil in zwei 
Abtheilungen. 2. Ausl. Leipzig, Duncker und Humblot, 1881. (375 
u. 300 S. 8"). M. 18. 
Wir drucken die obige Kritik des Herrn Profeffor Herbst mit dessen 
ausdrücklicher Bewilligung aus dem bei P. A. Perthes Gotha von 
ihm herausgegebenen „Literaturblatt" ab. 
den jungen Ranke gewirkt hat. Dieses in der Stille gereiste und 
nie erstorbene Jntereffe an der griechisch-römischen Welt tritt nun 
hier an die Oeffentlichkeit. Nur über diesen Theil seiner Arbeit 
versuchen wir hier einige orientirendc und charakterisircnde Worte, 
ohne auf seine Darstellung der orientalischen Vorgeschichte einzu 
gehen. — Auch bei der Behandlung der hellenischen Geschichte geht 
Ranke von dem Grundsätze aus, sich nicht auf die isolirte Volks 
geschichte als Zweck und Ziel zu beschränken, sondern er hält auch 
hier den Blick auf das Ganze der Weltgeschichte gerichtet. Daher 
betont er in der griechischen Urzeit die Zusammenhänge des 
Hellenismus mit dem Orient, darum spürt er in der historischen 
Zeit die oft verborgenen Fäden des Zusammenhangs zwischen 
Orient und Occident nach Möglichkeit auf; darum genügt ihm 
nirgends die Erklärung einer Thatsache der griechischen Geschichte 
aus bloß nationalen Voraussetzungen. Ein geübter Weit- und 
Weitblick, der das historische Sehen an der ungleich kompli- 
cirteren neuen Geschichte gelernt hat, zeichnet auch hier, wie in 
allen seinen Schriften, den großen Historiker aus. Aber die natür 
liche Folge dieser universellen Betrachtungsart ist auch hier der 
Verzicht auf die Vertiefung in das Detail und in das spezial- 
geschichtliche Gebiet. Ranke verfährt eklektisch, indem er in seinen 
feinen Skizzen einzelne Punkte konkreter behandelt, ganze Partiecn 
aber links liegen läßt, oder sie nur streift wie aus der historischen 
Vogelperspektive. Es ist im Grunde dieselbe Methode, die er auch 
in seinen Darstellungen der neuen Geschichte liebt und übt, wo 
es ihm auch keineswegs auf erschöpfende Behandlung ankommt. 
Aber fteilich — dort erklärt und ersetzt sich der Verzicht auf breite 
Vollständigkeit durch das Ausschließen neuer Quellen, völlig neuen 
Materials, das er in der alten Geschichte nicht zu liefern hat. 
So finden wir hier zwar überall Anregungen, scharfe oder über 
raschende Durchblicke, charakteristische Streiflichter, aber doch keine 
den Kenner und Forscher auf diesen Gebieten überall befriedigende 
Resultate. Besonders fesseln auch die Skizzen aus der inneren 
Geschichte des griechischen Geistes. Ist es doch an sich interessant 
genug, einen Mann wie Ranke sich über Pindar, die Trias der 
attischen Tragödie, über Herodot und Thukydides, über die philo 
sophische Trias Sokrates. Platon und Aristoteles aussprechen 
zu hören. Neues erfährt der Forscher zwar auch hier nicht, und 
das Gebotene hat mehr einen subjektiven als objektiven Werth, 
aber als Glied des Ganzen, in Zusammenhang des weltgeschicht 
lichen Ueberblickes, gewinnt es an Bedeutung. Die Art seiner 
Forschung entspricht nur der Art seiner Darstellung. Auch 
hier verfährt er auswählend, dringt an einzelnen Stellen tiefer 
und schärfer ein, ohne doch die Zuversicht zu wecken, daß er 
gleichmäßig alle erreichbaren Quellen kritisch untersucht habe. 
Dies Verfahren ist nicht ganz ohne Willkür. Manchmal verweist 
er auf noch rückständige kritische Prüfungen, die aber noch nach 
folgen sollen. So verheißt er eine Arbeit über die Glaubwürdig 
keit des Diodor, den er — etwas veraltet — immer einfach citirt, 
ohne auf die muthmaßlichen Gewährsmänner und deren kritische 
Abschätzung zurückzugehen. Die hellenische Kunst ist — und das 
ist ein empfindlicher Mangel — kaum berücksichtigt. - So ließe sich 
noch von manchen Schatten reden, die nur beweisen, daß der 
Meister nicht überall in gleicher Weise Meister sein kann. Aber 
wir betonen noch einmal: wir legen das merkwürdige Buch 
staunend nieder, wie wir es mit Spannung aufgeschlagen haben, 
staunend, daß ein Greis, der bald wie Nestor drei Mcnschenalter 
gesehen, den ftohen, hoffenden Muth haben konnte, noch an ein 
Weick von solchen Dimensionen, und mit solcher Geistesfrische die 
Hand zu legen. 
Die „Encyklopädie der Neueren Geschichte" von W. Herbst 
bezweckt, wie wir bereits wiederholt mitgetheilt haben, weiteren 
Bildungskreisen unseres Volkes ein zuverlässiges Hülfsmittel 
zu rascher und sicherer Orientirung über alle Theile
	        
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