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Periodical volume 23. October 1880, Nr. 4

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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kommen und dort bei einem Brande vernichtet ist. Die Kirche 
hatte zu dieser Zeit noch keine Emporen, doch waren Pfeiler und 
Wände bereits weiß getüncht. Merkwürdig ist, daß das Bild 
von älteren Beschreibern der Kirche (Küster und Nicolai) gar 
nicht erwähnt wird und das ein Neuerer vom Jahre 1817 die 
Darstellung nicht als die der Kirche zu bezeichnen wagt. Auch 
bei der neuesten Nestauration der Kirche bedurfte es erst einer 
gründlichen Reinigung von dem darauf haftenden Staube und 
Schmutz, um die Darstellung und den hohen Werth des Bildes 
deutlich zu erkennen. Dasselbe ist inzwischen von dem Maler 
L. Bianconi vortrefflich restaurirt und durch Rückwardt (Berlin, 
Dessaucrstraße) photographirt worden, bei welchem Abzüge auch 
käuflich zu haben sind. 
Im Gegensatz zu den beiden genannten sei endlich noch das 
Erbbegräbnis; erwähnt, welches der im Jahre 1723 gestorbene 
Finanz-Minister v. Kraut schon bei seinen Lebzeiten sich und seinen 
Angehörigen in der nördlichen Abtheilung der Thurmvorhalle er 
richten ließ. Dasselbe zeigt eine prachtvolle, schon in das 
Roccoco übergehende Architektur und reichen Skulpturenschmuck in 
Marmor, Alabaster, Stuck und in Bleiguß (wobei der Name des 
Bildhauer Joh. Georg Glume, eines Schülers von Schlüter, an 
gegeben ist). Eine ovale Flachkuppel mit reichem Deckengemälde 
in Tempcrafarbe überdeckt den Raum. Das Bild war leider 
durch eingedrungene Nässe so weit zerstört, daß die Farbe abblät 
terte und das Bild fast ganz erneuert werden mußte. Dies ist 
von dem Maler W. Peters in genauestem Anschluß an die alte 
Malerei, doch unter geschickter Beseitigung mancher darin ent 
haltenen Fehler, mit bestem Erfolge ausgeführt worden. 
Die Restauration der vielfach beschädigten Bildhauer-Arbeiten 
— wie der übrigen in der Kirche enthaltenen — ist vom Professor 
Luerssen und einem Bruder desselben bewirkt worden. — An der 
Restauration der Gemälde waren außer dem oben genannten Bi- 
ankoni noch der inzwischen verstorbene Restaurator Stilbbe und 
der Hofmaler Bülow thätig. Die zum Theil reich geschnitzten 
Bilderrahmen sind vom Tischlermeister Theuerkauf und Bild 
hauer Luerssen, sämmtliche Anstreicher- und Vergolder-Arbeit in 
der Kirche und an den Denkmälern ist vom Maler Th. Ha äse 
gefertigt. 
Die Maurer- und Zimmer-Arbeiten im Innern der Kirche 
waren den Meistern Seegers und Stoedtner übertragen. 
Die kosten der Restauration des Aeußeren nebst Umge 
bung haben sich auf 161 690 Mark gestellt, veranschlagt waren 
170 000 Mark. Die Kosten der Restauration des Innern haben 
175 000 Mark betragen. 
Ich habe die Notizen über die neueste Restauration der 
Nicolaikirche dem Berichte entnommen, welche der Baumeister 
selber, Herr Stadtbaurath Blankenstein, kürzlich veröffent 
licht hat. Ihm vor allen und seinen tüchtigen Mitarbeitern ge 
bührt der vollste Dank Berlins für die anerkcnnenswerthe Wieder 
herstellung dieser ältesten Berliner Pfarrkirche, welche nun für 
weitere Jahrhunderte wohl ausgerüstet, in 43 Jahren ihren 
700 jährigen Geburtstag feiern wird. 
D. 
M i s 11 i 1 c n. 
Zapfenstreich und Zauke Grete. Hierüber waren jüngsthin 
in unseren politischen Blättern die buntesten Sachen geschrieben 
worden, und die Sieb. d. Bl. wurde daraufhin mit Fragen bestürmt, 
zu antworten, wie es sich so recht damit verhielte. 
Ich hatte die sogenannte „faule Grete" immer für eine Dame 
aus Bronze gehalten, als mit einer steif gestärkten Sicherheit, der 
ich aber doch diese Stärkeart sofort ansah, im Tageblatt behauptet 
wurde, die „faule Grete" des Kurfürsten Friedrichs I. könne gar 
kein Bronzegeschütz gewesen sein, denn zu damaliger Zeit hätte es 
noch gar keine Bronzegeschütze gegeben, die faule Grete könne da 
her auch nicht in Braunschweig eingeschmolzen worden sein. 
Ich habe mich im Interesse unserer Leser an den besten Kenner 
auf diesem Felde gewandt, an den Herrn Major Jähns, der 
obgleich augenblicklich mit einem Werke über „die Geschichte des 
älteren Kriegswesens" sehr beschäftigt, die nachfolgende fteundliche 
Auskunft gab, welche die Geschichte über die sogenannte „faule 
Grete" um ein bedeutendes klarer stellt. Die freundliche Auskunft 
lautet: 
„Was Ihre Frage nach dem Ursprung des Wortes Zapfenstreich 
betrifft, so glaube ich, daß die von Ihnen bemängelte Erklärung 
doch richtig ist. Ob es sich wirklich um einen Kreidestrich über 
den Zapfen oder um einen Streich gegen den Zapfen handelt, 
steht dahin. Spezifisch preußisch ist die Bezeichnung keineswcges; 
die niederländische Armee kennt die „taptoe“, die schwedische den 
„tappto“, die dänische „en tappenstreg“ mit derselben Bedeutung. 
Das englische „tassoo“ — Zapfenstreich scheint aus dem hollän 
dischen übernommen, weil diese Zusammenziehung etwas forma 
listisch Unverstandenes hat; wäre der Sinn noch begriffen worden, 
so hätte man Wohl die Form „taptap“ gebildet, da „tap“ sowohl 
Zapfen als Streich heißt. — Ucbrigcns scheint es, als ob man 
im Deutschen ftühc schon das Wort „Streich" in eine Jdeenverbin- 
dung mit der Trommel gebracht hätte, da für diejenigen Truppen, 
welche keine Trommeln führen (Kavallerie, Jäger re.) der Ausdruck 
„Retraite" üblich wurde. 
Ihre Frage, ob die sogenannte „faule Grete" aus Bronze 
bestanden haben könne, ist mit einem entschiedenen Ja zu beant 
worten. Uebrigens ist das von Friedrich I. vor den Quitzow'schen 
Schlössern gebrauchte Geschütz nicht mit der i. I. 1411 zu Braun- 
schwcig gegossenen „faulen Mette" zu verwechseln; jenes Geschütz 
hatte vielmehr der Landgraf von Thüringen unserm Kurfürsten 
geliehen. Der Name „faule Grete" ist ganz apokryph; der erste, 
der ihn braucht, ist Buchholz; aber er sagt nicht, woher er ihn hat. 
Weder Wusterwitz noch Lokelius brauchten ihn. Vielleicht verwechselte 
schon Buchholz jene thüringer Büchse mit der braunschweiger 
„faulen Mette", die ihren Namen allerdings verdiente, da sie in 
den 317 Jahren ihrer Existenz nur 9 Schuß abgab, von diesen 9 
nur 4 gegen den Feind, und diese 4 thaten nicht den geringsten 
Schaden." Max Jähns. 
Eugen Dichter (Siehe Portrait Seite 41). Unser Blatt 
bringt das Portrait des Abgeordneten, der den 4. Berliner Wahl 
kreis im Abgeordnetenhause vertritt, das Bild eines unserer be 
kanntesten politischen Kritiker. Es wird sich erst später zeigen, ob 
derjenige Beamte der Düsseldorfer Regierung seinen Beruf verfehlt 
oder ob derselbe hochweise gehandelt hat, der 1864 die Wahl 
Richters zum Bürgermeister von Neuwied nicht bestätigte. Ob es 
von Vortheil für unser politisches Leben war, daß Eugen Richter 
in die Opposition gedrängt wurde und in den nun 12 jährigen 
Kämpfen unseres politischen Lebens sein immenses Wissen, seinen Fleiß, 
sein finanzwissenschastliches Talent in unftuchtbarer Kritik verzehrte; 
dabei fteilich auch darlegte, welcher vortreffliche preußische Finanz 
minister er sein könnte, wenn sein intimster Freund, Fürst Bis- 
marck, nicht mehr an der Spitze der Regierung. Oder ob es unserem 
Staate von größerem Vortheil gewesen wäre, wenn dieser gegen 
wärtige Halt und Hort der Fortschrittspartei nicht in das poli 
tische Leben eingetreten wäre, sondern zur Freude seiner Bekannten 
als Neuwieder Bürgermeister seinen Kohl gebaut hätte. 
Es wird sich das erst später zeigen, wenn wir — wie vorauszu 
sehen — englische Regierungsweise erhalten haben werden, und wenn 
Eugen Richter einmal in einer hohen Verwaltungsstellung die positive 
Seite seines Talentes praktisch verwerthen wird. Daß er selber daran
        
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