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Volume 16. Juli 1881, Nr. 42

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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gesucht und ihr Kenntniß gegeben, welches Vermögen der I 
Graf Reichenau ihr vermacht und daß er dessen Testaments 
vollstrecker sei, da hatte Alice diese Hinterlassenschaft eines ihr 
verhaßten Mannes weit von sich gewiesen, und mit derselben 
Energie, wie das damals von Herrn Heinhold 8en. ihr An 
gebotene. 
Aber was die Alice vom Jahre 1806 durchführte, das 
vermochte nach langen, langen Bitten das vom Schicksal ge 
troffene Weib, das konnte die Mutter, wenn sie an ihre zarten 
Kinder, und wenn sie an ihre eigene unglückliche Jugend 
dachte, nicht von der Hand weisen. Sie ließ sich bestimmen, 
zunächst den Brief zu lesen, welchen Graf Reichenau ihr ver 
macht hatte. 
In demselben bat der Graf seine ehemalige Liebe um 
Verzeihung für alles Leid, was er in seiner heftigen Eifer 
sucht ihr gethan. Er würde so lange er lebe, sie suchen 
und hoffe auf ihre Verzeihung. Er wolle den Dienst quit- 
tiren und in ihrer Nähe leben, bis sie ihm verziehen. Wenn 
er aber, bevor er das ausführe, sterben sollte, dann möchte 
sic sein Vcrmächtniß nicht zurückweisen, sondern dasselbe zn 
Gunsten dessen verwenden, was ihrem Herzen am nächsten. 
Der Gedanke, daß Alice mit seinem Vermögen Menschen er 
freuen könne, die ihre ganze Liebe besäßen, würden den Brief 
schreiber hoffen lassen, daß er, wenn er nicht mehr am Leben, 
die Verzeihung des Weibes erhalten könne, welchem seine 
ganze Liebe gehört und immer gehören werde, und gegen 
die er aus rasender Eifersucht schlecht gehandelt habe. 
Alice nahm das Vcrmächtniß des Grafen Reichenau zu 
Gunsten ihrer Kinder an. Sie löste ihre Verbindlichkeiten, 
welche sie an London fesselte, und begab sich mit ihren Kin 
dern unter dem Schutze von Gustav Heinhold nach Dresden. 
Hier kaufte sie mit dem Gelde ihrer Kinder eine kleine Besitzung 
und fand Ruhe nach den Stürmen ihres vielbewegten Lebens. 
Rach einigen Jahren sollte sich auch der Herzenswunsch 
des alten, nun vom Geschäft zurückgezogenen Herrn Hein 
hold sen. erfüllen. Die Enkelin jener Claudia, die Enkel 
tochter des alten Berliner Kaufmanns, das Ebenbild ihrer 
Mutter, der schönen Alice Petion, Miß Claudia Podemore 
kam in das düstere Kaufmannshalls, aus dem ihre Groß- 
mlltter bei Nacht und Nebel geflohen, in dein ihre Mutter 
verhaftet tvorden war. 
Die Enkelin faild hier nur Liebe. 
Frail Marie führte sie iu das düstere Comtoir des Herrn 
Heinhold und stellte sie Herrn Lampe vor, der der Tochter 
der schönen Alice dieselben Complimente, dieselben Süßigkeiten 
— mit allein Respekt, versteht sich, — sagte, wie er ehemals 
in jenen wirren Tagen der Mutter zugeflüstert hatte, die er 
auf jenem verflixten Maskenball zuerst gesehen und deren 
Wagen ihn seinen damaligen Verfolgern entführt hatte. 
Jean Renaud Podeiiiore, der Sohn von Alice, traf ein Jahr 
später bei bett Verwandten in Berlin ein; und ilicht nur zum- 
Besilch. Er erlernte uiitcr Herrn Lanipe die Handlung, wurde 
ein tüchtiger Kaufmann und trat — so hatte es Herr Hein- 
hold 8oi,. von seinem Sohne erbeten, — an einem Junitage 
anno 47 in die achtbare Firma als Compagnon ein, lange 
nach dem Tode des Herrn Heinhold sei,, und weiiige Jahre 
nach dein Tode seines strengen Lehrprinzipals, des Herrn 
Gott hilf Samuel Lampe. 
Nur Alice ist nie wieder nach Berlin gekommen. 
Es bleibt nichts mehr zu erwählen übrig. 
Die Enkel und Urenkel jenes harten, strengen Matthieu 
lebten in Eintracht mit einander. Dem finsteren Geschick der 
ersten Jahre jenes alten Kaufmannshauses waren freudigere 
gefolgt. Eins aber blieb bei dem jungen Hause, das schüt 
telte es nicht ab, das war die rechte echte Kaufmannsehre, 
die Herr Matthieu mitgebracht, die Herr Heinhold sen. ge 
pflegt und zu deren Erhalten Herr Lampe selig sein gut 
Theil beigetragen hatte. Diese tüchtige Gesinnung lebt heute 
noch in den weiter gewordenen Räumen, in den neuen Be 
sitzungen des alten Berliner Kaufmannshauses, — dessen 
Geschichte wir da eben erzählt haben. — 
Die ersten Berliner Büchcrdrucke und die Geschichte 
der Berliner Zeitungen bis }\x Infang des Achtzehnten 
Jahrhunderts. 
II. Von ©ffo IDtnjct. 
Herr Redakteur. In einer der letzten Nummern des „Bär" 
veröffentlichen Sie einen interessanten Aufsatz über die ersten 
Berliner Bücherdrucke und die Geschichte der Berliner 
Zeitungen und Zeitschriften. Aus meinem speziellen Inter 
esse für diesen Gegenstand, so wie aus dem Umstande, daß Sie selbst 
den Artikel als eine „der Verbesserung bedürftige Skizze" bezeichnen — 
offenbar in der Absicht, behufs allgemeinerer Erörterung des Themas*) 
eine möglichst vielseitige Kritik herauszufordern, — entnehme ich für 
mich die Berechtigung, für heute wenigstens auf einzelne Punkte 
*) Anm. des Redakteurs: Das war meine Absicht. Und ich 
nehme hier Gelegenheit, den verschiedenen Herren, welche mir Zuschriften 
gesandt, meinen Dank auszüsprechen. 
Zu den Qucllwerken einer „Berliner Buchdruckergeschichte" 
gehört auch die verdienstvolle Schrift Gottlieb Friedländers, die 
dieser im Jahre 1834 bei Gustav Eichler, Berlin, erscheinen ließ. Der 
genaue Titel derselben lautet: „Beiträge zur Buchdruckergeschichte Berlins, 
eine bibliographische Notiz als Gelegcnheitsschrift." Der Verfasser war 
25 Jahre lang Königl. Bibliothekar und 23 Jahre Geh. Staatsarchivar, 
somit wohl berufen, eine Berliner Zeitungsgeschichte zu schreiben. 
Herr Schulvorsteher Budczies schreibt mir dann noch: 
Das Buch, das W. von der Meer in seinem Katalog als einen 
Berliner Druck bezeichnet: Bibelschc ende andere Historien ge- 
schreven — — in den jare 1386 (nicht 1486, wie in Ihrer Skizze 
steht) ende ghedmkt tot Berlin 1484 (nicht 1486) ist kein Erzeugnis; 
einer Berliner Druckerei; die Bezeichnung tot Berlin 4‘° ist eine irrthümliche, 
wie denn auch „Bibelsche ende andere Historien“ nur eine Inhalts 
angabe, nicht aber der wirkliche Titel des von Otto von Passau ver 
faßten Werkes ist. Es wurde das Buch vielmehr zu Harlem 1484 
Fol. gedruckt und führt den Titel: Boek des gülden throons oste der 
24 Ouden. Ein Exemplar dieses Werkes befindet sich in der Wolfen- 
bütteler Bibliothek. 
Jrrthümlicherweise wird von Ihnen angeführt, daß Joachim Westfal 
den Sachsenspiegel 1484 gedruckt habe. Sowohl in der erstgenannten 
Arbeit Friedländers, wie auch in Götze, ältere Geschichte der Buchdrucker 
kunst in Magdeburg (Magdeburg 1872) und in desselben Autors Urkund 
liche Geschichte der Stadt Stendal, (Stendal 1873) finden Sie ausgeführt, 
daß nicht 1484, sondern 1488 der Sachsenspiegel gedruckt wurde. Im 
erstgenannten Jahre besaß Joachim Westfal in Gemeinschaft mit Jacob 
Ravenstein eine Druckerei zu Magdeburg, aus welcher in der Zeit vom 
15. November 1483 bis zum 21. December 1484, soweit bekannt, 
7 Drucke hervorgingen. Ende 1486 oder Anfang 1487 zog Joachim 
Westfal nach seiner Vaterstadt Stendal, wo er eine neue Druckerei 
gründete, die bis 1489 bestand und aus der nur 3 Drucke bekannt sind, 
der Sachsenspiegel vom Jahre 1488, ein undatirter Donat, der möglicher 
weise älter als der Sachsenspiegel ist, und eine Sammlung lateinischer 
Briefe, von der nur wenige Fragmente vorhanden find. —
	        
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