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Periodical volume 9. Juli 1881, Nr. 41

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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an: „Bei mir ist erschienen: Wilhelm Tech Schauspiel von Veit 
Weber, geziert mit Tells Portrait in Holzschnitt von dem Herrn 
Gubitz." 
Und die Redaktion des Freimüthigen, die Schiller ganz ver 
leugnete, lieferte über dies Schauspiel eine ausführliche glänzende 
Recension. 
Warum Schiller hierher kam, ist bekannt. Man wünschte ihn 
für Berlin zu gewinnen. Der Geheime Kabinetsrath Beyme hatte 
sich der Sache warm angenommen. Ihre Majestäten der König 
und die Königin empfingen den Dichter auf das Huldvollste. Am 
Tage nach der Audienz wurden ihm die glänzendsten Anerbietungen 
gemacht. Welcher Art diese waren, wie die Unterhandlungen ge 
führt wurden und sich allendlich zerschlugen, ist aus den eigenen 
Briefen und den Biographien des Dichters ausreichend bekannt. 
Er selbst spricht darüber in seinen Briefen mit herzlicher Rührung, 
preist die huldvolle Aufnahme an unsern: Königshofe und schreibt 
bei dieser Gelegenheit an Körner: 
„Mein Sohn Karl hat mit dem Kronprinzen Freundschaft 
gestiftet." 
Prinz Louis Ferdinand, der den Dichter hoch schätzte, unter 
hielt sich lange mit ihn: und zog ihn zur Tafel. Fichte, Walt 
mann und Hufeland kamen ihm mit offenen Armen entgegen. 
In das Haus des letzteren, Fricdrichstraße 130, ist Schiller von 
dem Gasthvfe ausgezogen, um den ärztlichen Rath des berühmten 
Arztes zu hören und von diesem beobachtet zu werden. Ich weiß 
außerdem von einem Augenzeugen, daß Schiller in einer Soirse 
erschien, welche die Frau Staatsminister von Voß ihm zu Ehren 
veranstaltete. Er wurde mit großer Zuvorkommenheit aufgenommen, 
war aber sehr schüchtern und wenig gesprächig. 
Auch von einem Frühstück bei der berühmten Schauspielerin 
Friederike Bethmann, erzählte dieser Augenzeuge. Zu der Choco- 
lade wurde dort Berliner Witz servirt. Die Jungstau von Orleans, 
worin bekanntlich der große Krönungszug vorkommt, war gegeben. 
Das alte Berliner Theater war sehr zugig. Schiller bemerkte das, 
und ein Anwesender sagte: „Jawohl, Zug oben und Zug unten! 
Wer hält das aus?" Der Dichter nicht, denn er entfernte sich baldigst. 
Gleich am Tage nach der Ankunft Schillers wurden „die 
Räuber" gegeben. Man muß annehmen, daß dies ein zufälliges 
Ereigniß war. Ob der Dichter der Vorstellung beiwohnte, ist 
nicht ersichtlich. Ich finde über dieselbe nur folgende Notiz: 
„Es war der Wunsch des Herrn Huräy, der nachdem Franz 
Moor spielen wollte, daß man die Räuber gab, dies Stück, welches 
das Publikum mit Recht nicht liebt. Wird der Franz treu durch 
geführt, so wird er gräßlich, wird er künstlerisch modificirt, so 
tvird er stumpf." 
Dieser gewiß höchst originellen Charakteristik folgt eine für 
unsern Verein interessante Mittheilung. Sie lautet: „Herr Lemm 
spielte zum ersten Male den Kosinsky. Man sah, daß der junge 
Mann sich anstrengte und im Ganzen glücklich, nur sprach er vieles 
undeutlich." Herr Lemm ist nämlich Mitstifter unseres Vereins 
und führte hier den Namen Roscius. 
Die Räuber, welche das Publikum mit Recht nicht liebt, sind 
übrigens, trotzdem daß sie viele Jahre, gleich dem Tell, von der 
Bühne ausgeschloffen waren, 121 Mal gegeben worden. 
Der Aufführung der Braut von Messina am 4. Mai wohnte 
der Dichter bei. Jetzt endlich erinnert sich die Preffe ihrer Pflicht. 
In der fortlaufenden Theaterchronik der Spenerschen Zeitung heißt es: 
„Die heutige Vorstellung eröffnete das Dankgefühl des Pu 
blikums durch laute und herzliche Begrüßung des jetzt hier an 
wesenden genialischen Dichters, dessen schon oft bewundertes Werk 
man wieder zu genießen Hoffnung hatte. Vermuthlich war es 
unwillkührliche Folge seiner Gegenwart, daß in der Darstellung 
einiger Rollen Anfangs ein gewisser Zwang, eine Spannung be- 
merklich war, die der freien Anwendung anerkannter Talente ge 
rade dadurch hinderlich wurde, daß der Wunsch herrschend war, 
heute etwas ganz Vorzügliches zu leisten." 
Der Berichterstatter der Vossischen Zeitung theilt über den 
selben Abend mit: 
„Bei dem Eintritt des Dichters ward er mit allgemeinem 
Beifall von der Versammlung empfangen. Freudiger Zuruf hieß 
ihn herzlich willkommen und wiederholte sich so lange und so laut, 
bis die Musik begann, die der Vorstellung vorhergeht. So ehren 
voll hat das Publikum seine rege Empfindung für das große 
Genie ausgesprochen, dem es der höheren Freuden so manche ver 
dankte. Schillers Ankunft hat überhaupt ein lebhaftes allgemeines 
Interesse erregt/welches auf Achtung und Dankbarkeit gegründet ist." 
Aufgeführt ist dies Trauerspiel seit dem 14. Juni 1803 bis 
heute (1859) 82 Mal. 
Die Jungfrau von Orleans, die am 23. November 1801 
- hier zum ersten Male gegeben wurde und seit jenem Tage 
: 266 Mal wiederholt ist, ward bei Anwesenheit des Dichters am 
6. Mai aufgeführt. Die Theilnahme des Publikums war im 
Steigen. Der Empfang, den es dem Dichter bereitete, ein sehr 
würdiger. Bei Schillers Eintritt in die Loge empfing ihn rauschender 
Zuruf und die ganze Versammlung erhob sich von ihren Sitzen. 
Bei seinem Austritt aus dem Theater war der Gensdarmenmarkt 
mit Menschen angefüllt. Der Dichter schritt durch die Menge, die 
ihn mit allen Zeichen der Ehrfurcht und Liebe grüßte. 
An demselben Abend hatte eine damals wohlbekannte Schau 
spielerin, Madame Meyer, die Johanna gespielt. Die Spenersche 
Zeitung, die bei der Ankunft des Dichters kein Wort der Begrüßung 
fand, brachte folgende Verse: 
O helft, Ihr himmlischen Camönen 
Dem schwächsten von Apollo's Söhnen, 
Der einer Metzeln Loblied singt. 
O Meyern, lauter Dank gebühret 
Aufs neue Dir, Du hast gerühret, 
Aufs neue jedes Herz erweicht. 
Der Schluß dieser Dichtung heißt: 
O, Meyern, stets wirst Du bewundert, 
Und von Jahrhundert zu Jahrhundert, 
Der Brennen Haupfftadt unvergeßlich sein. 
In wie weit sich diese Prophezeihung erfüllte, darüber waltet 
wohl jetzt kein Zweifel mehr ob. 
Auch die Berliner Poeten haben sich bei der Anwesenheit 
Schillers nicht besonders angestrengt. Ein Herr Monti bringt 
folgenden in ein zartes mystisches Dunkel gehüllten Vers: 
An Herrn von Schiller. 
Dreifach glücklich kamst Du, großer Geist 
Zu der Brennenstadt berühmten Tboren, 
Dich umfing ein junger Lenz mit Floren, 
Dich der Edlen Dank, der weise preist. 
Was ein zweiter Orpheus uns geboren, 
Du an Holz und Thier selbst nicht verloren. 
Und der Neid ist — eben abgereist. 
Auch ein kurzes Gespräch, geführt von den Herrn A. bis E. 
erschien unter der Ueberschrift: 
■ Räthsel. 
A. Deutschlands Dichter, so wie ich vernommen. 
Ist seit gestern Abend in Berlin. 
B. Sie verzechn. 
A. . . . Gern verstehn. 
B. Deutschlands Psycholog ist angekommen. 
C. Mit Erlaubniß, Deutschlands Tragiker 
Kam von Leipzig gestern Abend an. 
v. S' ist doch seltsam und mir sagte wer 
Gestern sei Deutschlands Historiker 
In der Sonne abgetreten.
        
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