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Periodical volume 9. Juli 1881, Nr. 41

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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„Nichts?" versetzte der Präsident, „das thut mir leid. 
Und Sie, Herr Heinhold, wollen Sie sich wirklich zum Mit 
schuldigen Ihres Sohnes machen und deffen leidenschaftliche 
Verblendung theilen?" 
„Ich theile nichts mit ihm," entgegnete der alte Herr 
stolz, „aber ich verstehe Sie ganz und gar nicht." 
„Und ich," rief der Präsident, „laste mich nicht mit 
Redensarten abspeisen! Sie wollen nichts von der Sache 
wissen, und doch treffe ich Sic hier nach Mitternacht voll 
ständig angekleidet in Ihrer Gcschäftsstube, mit Ihrem Sohne 
und Ihrem Buchhalter, der tief in das Gewebe verwickelt ist 
und dem wir die eigentliche Entdeckung verdanken. 
„Lampe!" rief Heiuhold, „wie wäre das möglich?" 
„Er hat Sie nicht verrathen, nein," fuhr der Präsident 
fort; „aber hören Sie mich an und fragen Sie sich dann 
selbst, ob Sie Menschen solcher Art noch ferner schützen und 
verbergen wollen. Dieser sogenannte Chevalier de Brision 
ist ein Spion des Polizei-Ministers Foucho in Paris, ab- 
gesandt, um unter der Maske eines vertriebenen Anhängers 
des Königthums hier umherzulauschen, sich in vornehme Gesell 
schaften zu drängen, und was er vernommen, seinen: Meister 
zu berichten. Dies ist ihn: auch eine Zeit lang gelungen, 
denn er wurde durch Geld und persönliche Eigenschaften bei 
seinen: niederträchtigen Geschäfte eben so wohl unterstützt, wie 
durch seine Begleiterin, die unter dem Namen seiner Tochter, 
durch Schönheit und Schlauheit ausgezeichnet, noch leichter, 
als er selbst, in hohe,: Kreisen Eingang fand. Diese Tochter, 
mein junger Herr, welche auch Sie in ihre Nähe zu locken 
wußte, ist aber nichts, als eine höchst gefährliche Jntriguantin, 
welche ihre Kunst auf den Brettern der Theater erlernte. Es 
ist eine Schauspielerin, im Dienste der hohe,: Polizei von 
Paris seit Jahren gebraucht und endlich ausersehcn, ihren 
würdigen Pseudo-Vater hieher zu begleiten, um vereint mit 
ihn: zu agiren. Papiere, die in unsere Hände gefallen sind 
und welche ich flüchtig durchgesehen habe, lassen keinen Zweifel 
übrig, daß Alles so ist, wie ich es Ihnen mittheile." 
Die dunkelste Röthe der Scham und des Schmerzes 
färbte das Gesicht des jungen Heinhold. Er ballte die Hände 
krampfhaft fest zusammen und senkte seine Augen. 
„Sie sehen, wie es steht," fuhr der Präsident fort, „auch 
hilft Leugnen hier nichts n:ehr. Um Ihrer selbst willen 
müffen Sie die Wahrheit sprechen. Sie waren in Gesellschaft 
der Daine und ihres Begleiters bis zum Augenblicke, wo wir 
jene Wobnung besetzten; mit Beiden zusammen haben Sie die 
Flucht durch eine Hinterthür in den Hof des Nebenhauses 
und von dort weiter auf die Straße be:verkstelligt. Man hat ! 
bemerkt, daß vor einer Viertelstunde drei Personen in dies 
HauS eingingen, die eine von diesen waren Sie selbst, die 
anderen das verbrecherische Paar. Wo haben Sie diese 
Menschen versteckt? Ich frage zum letzten Male; noch können i 
Sie schwerer Schuld und Strafe durch ein offenes Bekenntniß 
entgehen." 
„Ich habe nichts zu bekennen," entgegnete Gustav mit 
Bestimmtheit. 
„Dann müffen wir uns selbst helfen," sagte der Beamte 
entrüstet. „Eine strenge Haussuchung, die Verhaftung sämmt 
licher Bewohner, die schärfste Untersuchung verschulden Sie. 
Es thut n:ir leid, Hen Heinhold, Sie so behandeln zu 
müffen. Bedenken Sie die Folgen, wenn Sie alle als Mit- : 
schuldige solcher Landesverrätherei und Majestätsbeleidigung 
behandelt werden." 
Bei Nennung dieser furchtbaren Verbrechen ließ Lampe 
ein klägliches Aechzen hören. Er faltete die Hände und sagte 
zitternd: „In Ketten und Banden sitzen, das Comtoir ge 
schlossen, es ist gräßlich! Hochverehrter Herr Heinhold, das 
überlebt Keiner von uns!" 
„Mit welchem Rechte," fragte der alte Herr, ohne auf 
dies Gewimmer zu achten, erzürnt und würdig, „ja — ich 
sage es nochmals: mit welchem Rechte, Herr Präsident, beliebt 
es Ihnen, meine Ehre und meine unbescholtene Redlichkeit 
anzutasten? Ich erkläre ihnen wiederholt, daß ich nichts von 
Allem weiß und kenne, was Sie sagen, und protestire gegen 
jede gewaltthätige Handlung, die mein Eigenthum oder meine 
Person verletzt. Noch giebt es Gesetze und Gerichte, die eben 
so wohl, wie die laute Stimme meiner Mitbürger, mich vor 
Ihren Anschuldigungen schützen werden." 
„Das wird sich finden," entgegnete der Beamte kalt. 
„Jetzt gilt hier mein Wille als Gesetz; die Verantwortung 
nehme ich auf mich." 
„Noch einen Augenblick," sagte Graf Reichenau, der bis 
jetzt geschwiegen hatte. Er trat vor seinen bisherigen Neben 
buhler, den er mit mehr Freundlichkeit betrachtete, als je 
vorher. „Sehen Sie nicht so böse auf mich," sagte er; „bei 
meiner Ehre, ich hege nicht den geringsten Zorn mehr gegen 
Sie, und Sie haben keine Ursache, mich zu hassen. Mir 
allein danken Sie es, daß diese Betrüger entlarvt wurden, 
ich habe ihnen die Maske abgerissen, und noch zur rechten 
Zeit können Sie mit heiler Haut entkommen. Geben Sie 
jetzt das saubere Fräulein heraus und lasten Sie uns Freunde 
sein. Bein: Himmel! wir wollen gemeinsame Sache machen, 
denn nun sind wir quitt; sie hat uns beide arg angeführt." 
Er streckte die Hand aus, aber der junge Heinhold trat 
einen Schritt zurück. „Ich bin weder ein Büttel noch ein 
Helfershelfer der Polizei," sagte er verächtlich. 
„Herein, da draußen!" rief der Präsident, „diese Scene 
muß ein Ende nehmen. Sie sind sämmtlich verhaftet, Ihre 
Genossen werde ich finden ohne Ihre Mithülfe. Herr 
Lampe!" 
Er richtete sein Auge auf den kleinen, zitternden Mann, 
der beim Anblicke der eintretenden Polizeidiener in unaus 
sprechliche Angst gerietst. „Ich wende mich an Sie, fuhr der 
Beamte fort, Sie müffen die Wahrheit wissen. Ich ftage 
Sie auf Ehre und Gewissen: wo sind die beiden Verbrecher?" 
„Da, da!" schrie Lampe, indem er auf das Cabinet 
deutete. 
„Haben wir sie endlich!" rief der Graf entzückt. „Heraus 
aus der Höhle, alter Fuchs!" 
„In Ihrem eigenen Arbeitszimmer also?" sagte der 
Präsident zu gleicher Zeit vorwurfsvoll zu dem alten Herrn. 
„Er ist toll geworden!" entgegnete dieser zornig und 
entsetzt, „eine andere Erklärung giebt es nicht." 
Der Graf hatte die Thür aufgestoßen. Alle eilten ihm 
nach. — „Kommen Sie hervor, mein schönes Fräulein, ver 
sagen Sie uns nicht länger Ihre holde Gegenwart!" rief er 
hinein, aber es blieb still, wie es war. „Zum Teufel mit 
Eurer Ziererei!" fuhr er heftig fort, indem er suchend mit 
dem Lichte umherfuhr, und seinen Worten folgte ein wilder 
Soldatenfluch, denn er eittdeckte keine Spur von denen, die
        
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