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Periodical volume 2. Juli 1881, Nr. 40

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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das Geleit zu geben pflegten und deshalb die Werkstätten verließen. 
Dann aber bestanden in früherer Zeit noch weit mehr Handwerker- 
Genossenschaften und -Vereine als heute, denen es oft nicht ge 
stattet wurde, am Sonntage ihre Versammlungen und Besprechun 
gen stattfinden zu lassen, weshalb dieselben häufig am Montage 
erfolgten. Aber all diese Punkte begründen nur das Feiern am 
Montage, jedoch nicht seine Bezeichnung als „blauer". Diese 
rührt jedenfalls ganz wo anders her. „Blau" ist hier nicht 
der Begriff einer sinnlichen Farbe, sondern sozusagen 
eine moralische Eigenschaft. So heißt der Sonntag nach 
Ostern in vielen Gegenden der „weiße" Sonntag, wobei weiß so 
viel wie freudenreich bedeutet. Ganz ebenso ist es mit dem „grünen" 
Donnerstag, welcher seinen Namen nicht lediglich daher führt, weil 
man in einigen Landstrichen an ihm das erste grüne Kraut zu 
essen pflegt, sondern weil grün hier heil, genesen, neu auflebend be 
deutet. In Grimm's Wörterbuch (II, 1253) finden sich für diese 
Erklärungen zahlreiche Beispiele. In demselben Werke (II, 83) 
wird nun die Bezeichnung „blau" in Verbindung mit dem Mon 
tage dahin erklärt, daß jenes Wort zuweilen den Sinn von leer, 
inhaltslos oder unnütz habe. Als Beispiele werden die Aussprüche 
Geileres von Kaiserberg: „Das ist blaw kalt Ding" und Ulrich 
Zwingli's: „Lassend si aber frisch Ding kochen, ist dasselb so 
blaw, daß man Wohl sieht, daß sic kein Lieb zu den Armen nit 
habend" angeführt. Im ersteren Falle hat „blaw" die ungefähre 
Bedeutung von „vergeblich", in dem anderen heißt cs etwa „ober 
flächlich" oder „flau". Diese Erklärung des Ausdrucks „blauer 
Montag" scheint das Meiste für sich zu haben; man vergleiche da 
mit die allgemein bekannte Bedeutung der Redensart: „ins Blaue 
hineinreden" und die der Bezeichnung „Blaustrumpf". 
Seit wann es einen „Blauen Montag" giebt, wird sich Wohl 
schtver feststellen lassen; augenscheinlich findet er sich nicht vor dem 
16. Jahrhundert. Die Verordnungen gegen ihn und die mit ihm 
verbundenen Störungen sind sehr zahlreich. Ausführlicheres hier 
über gedenke ich demnächst zu veröffentlichen. Sundelin. 
Professor Ädoks Wenzel. (Siehe Seite 503.) Wir benutzen 
auch für die Charakteristik dieses hervorragenden Malers das flott 
geschriebene Lebensbild, das Or. M. Jordan in dem ersten Bande 
seines „Stammbuchs der Nationalgallerie" lieferte. Er schreibt da: 
„Ehe der preußische Staat seine deutsche Ausgabe in die Hand nahm, 
rief cs im Vaterland« allenthalben nach Männern der That, die 
nicht zu finden schienen; und doch stand ringsum die Schaar der 
Paladine, die am Tage des Schicksals hervortreten sollten, wie 
die verschleierten Alpenhäuptcr unterm Sonnenblick. Aehnliche 
Ueberraschung hat auch die Kunst erlebt: nach Gegenständen würdig 
des hohen Stils, nach Künstlern originell und kraftvoll, seuizte 
und suchte man, indeß Adolf Menzel mitten in Berlin war und 
oft genug mit der ordinären Tagessorge handgemein wurde. Und 
>ver könnte sich heute das Kunstleben der deutschen Hauptstadt 
denken, wer die verheißungsvollsten Seiten deffelben verstehen ohne 
den Einfluß dieses Mannes, der seines Weltrufes schon sicher war, 
als er in der Heimath entdeckt wurde. 
Das Schicksal, das seinen Weg auch im Dunkeln findet, und 
der trotzige Eigensinn haben zusammengewirkt, Menzcl's künst 
lerische Art zu formen. Er ist Schlesier von Geburt*), als Knabe 
von 15 Jahren nach Berlin übergesiedelt, in Verhältnissen aufge 
wachsen, deren Kargheit die Widerstandskraft zu stählen pflegt, 
wenn wirklich Kraft vorhanden. Kunst als Erwerbsquelle betrieben, 
verdirbt gemeinhin, aber Menzel machte sich auch in dieser Form 
den Weg frei; er gewann dem Steindruck durch originelle Hand 
habung neue Wirkungen ab und erkannte bald die unvergleichlich 
') Geboren in Breslau am 8. December 1815, kam er 1830 nach 
Berlin. 
volksthümliche Sprache des Holzschnittes. Hatte er so die Mittel 
gefunden, um verstanden zu werden, so kam es darauf an, was er 
zu sagen wußte. 
Sein künstlerisches Auftreten war von Anfang an ein Protest 
gegen die namentlich durch die Düffeldorfer Romantik eingerissene 
Naturwidrigkeit gewesen; vor seinem scharfen kritischen Blick schmolz 
das unechte Metall des affektirten Stils zusammen und mit der 
aus leidenschaftlichem Widerspruche und dem Bewußtsein des selbst 
gemachten Mannes hervorragenden Energie erklärte er der Phrase 
den Krieg, indem er sich entschloß, frisch von der Leber weg zu 
reden. Ohne Vermittlung ging er der Erscheinungswelt zu Leibe; 
kein Schema der Schule, kein Zwang der Ueberlieferung beengte 
ihn. So kam er zu der objektiven Auffassung, zu dem Muthe des 
Realismus, der lediglich mit eigenen Augen sieht. Die Härten 
und Ecken, die das Wesen des Norddeutschen, insonderheit des 
Preußen an sich hat, die rauhe Wahrhaftigkeit, die den Grazien 
auf die zarten Füße tritt, verleugnet Menzel nicht nur nicht, son 
dern er setzt zuweilen scheinbar sein Vergnügen drein; dafür hat 
er aber auch den Dogmatismus des Preußen, des einzigen, zu 
dem er sich bekennt — jene kraftvolle Vaterlandsliebe und begeisterte 
Hingebung für die Helden seines Volkes. Friedrich den Großen 
zu schildern und die Zeit, welcher er den Stempel aufgedrückt, das 
war der Ehrgeiz seines Jugendstrcbcns und wie er es ausführte, 
war es eine patriotische That, nicht blos im Sinne des Monu 
mentes, das er dem Genius Preußens gesetzt, sondern auch der 
Aneiferung, die er der heimischen Geschichtsmalerei gegeben. Jener 
Erfolg zeigte sich, als mit dem Aufschwünge des preußischen Adlers 
in unserer Jüngstvergangcnheit Kugler's Volksbuch von Friedrich 
dem Großen mit Menzels Illustrationen in immer neuen Auflagen 
gedruckt werden mußte; die andere Wirkung kann nicht ausbleiben, 
wenn sie sich auch langsamer vollzieht. In Menzels Fridriciade 
haben wir ein klassisches Werk der modemen Kunst." 
So weit Jordan. 
In den Jahren 1849 und 1850 entstand das geistsprühende 
Bild „die Tafelrunde Friedrichs des Großen", welches die Reihe 
jener dem großen König gewidmeten Meisterwerke eröffnete; dem 
Bilde folgten die andern „das Flötenconcert in Sanssouci" 
„Friedrich der Große auf Reisen," „Bei der Huldigung in Breslau," 
„Friedrich und die Seinen bei Hochkirch" und „die Begegnung 
Friedrichs mit Joseph II. in Neiße". 
Im Jahre 1851 gab er „die Soldaten Friedrichs des Großen" 
heraus, eine Sammlung von kolorirten Uniformstudien, welchen 
„die Arinee Friedrichs des Großen" — nur in dreißig Exemplaren 
gedruckt, folgte. In demselben Jahre debutirte er mit einem hu 
moristischen Bilde „das Publikum eines Conccrtsaals vor Beginn 
der Musik". 
Während der ersten Jahre des sechsten Jahrzehnts entstand 
das bekannte Gemälde „die Krönung König Wilhelms I. in Königs 
berg". Es folgte eine Reihe kleiner Genrebilder aus dem Pariser 
Straßenleben je., die in höchst geistvoller Manier wiedergegeben 
waren. So der „Sonntag in den Tuilerien" und „ein Wochen 
tag in Paris", semer der „Esterhazhkeller in Wien", die „Tanz 
pause auf einem Hofball" und endlich „die Linden am Nachmittage 
des 31. Juli 1870 (Abfahrt des Königs zur Armee)". 
Wenige Zeit darauf entstand eins der Menzel'schen Meister 
werke „das Eisenwalzwerk", und bald darauf 1871 erschienen die 
Illustrationen zu „Kleists zerbrochenem Krug" von denen wir einige 
demnächst vorführen werden. 
1878 erschien das „Ballsouper" (im Besitze des Herrn 
A. Thiem). Ein Hosball im königlichen Schlöffe zu Berlin hatte 
dem Maler die Motive für sein Bild geliehen und er hat den 
Moment gewählt, der alle Regeln des Ceremoniells über den 
Haufen wirft — die Ballpause und den Sturm auf die Buffets. 
Während die Maler der klassischen Zeit — schreibt Rosenberg
        
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