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Periodical volume 2. Juli 1881, Nr. 40

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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habt, er nunmehr resolvirt habe, das schon längst projectirte 
Justizcollegium in Schwedt zu etabliren, damit solches in seinem 
Namen die Justiz daselbst administrire." Die Proteste des Mark 
grafen gegen „diesen unerhörten Fall, daß er, als erster Prinz von 
Geblüt, ohne Jurisdiction, also gleichsam unter beständiger Vor 
mundschaft sein solle und ihm somit alle Autorität und Respect 
bei seinen Unterthanen genommen sei," verhallten ungehört. 
Das Justiz-Collegium kam, blieb und ward aus des Mark 
grafen Tasche besoldet. Die Markgrafschaft Schwedt aber hatte 
fortan die gleiche Rechtspflege mit Allen im preußischen Reiche. 
Ein einziges knappes Jahrhundert nur sollte die Schwedter 
Markgraffchaft eigene Herrscher haben, und das Jahrhundert nahte 
seinem Ende. Der dritte und letzte Markgraf, Friedrich Wilhelms 
jüngerer Bruder, Heinrich, folgte ihm. Feiner gebildet, wie 
jener, in seiner Jugend als der „schöne Prinz," bekannt, durch 
allerlei Privateinkünste gut situirt, verstand Prinz Heinrich sein 
Leben zu genießen. Unter seiner Regierung erwarb Schwedt sich 
den Namen „Klein-Berlins, des lustigen Städtchens an der Oder". 
Dein schönen Geschlechte und den Freuden der Tafel bis an sein 
Ende treu ergeben, lockte das gesellige Leben an dem so freundlich 
gelegenen kleinen Hofe Fremde von nah und fern herbei, durfte 
er doch in Bezug auf Eleganz und Wohlhabenheit manchem 
größeren im heiligen römischen Reiche den Vorrang streitig machen. 
Auch die Künstler und Handwerker unter den Einwohnern fanden 
ihre Rechnung dabei. 
Das neu erbaute Opernhaus trug die Inschrift „dem Ver 
gnügen und der Sitte," und jedem anständig Gekleideten stand 
unentgeltlich der Eintritt ftei, ja, die markgräflichen Beamten und 
Offiziere hatten sogar die „Verpflichtung," dasselbe wöchentlich 
zweimal zu besuchen, während Torjany, der Besitzer des ersten 
Hotels, täglich rapportiren mußte, welche Fremden bei ihm einge 
kehrt, damit der Markgraf sie zur Tafel und zum Theater ein 
laden könne. So lange seine zunehmende Schwerhörigkeit es dem 
alten Herrn gestattete, besuchte er selber das Theater täglich, und 
die Bildergallerie des Schwedter Schlosses zeigt noch jetzt in einem 
der oberen Zimmer eine lange Reihe niedlicher Gesichter, die 
sicher einst jener Bühne angehört und des besonderen Wohlge 
fallens des Markgrafen sich erfteut haben. 
Gleich wie sein Bruder in der Markgrafenstraße zu Berlin, 
besaß Markgraf Heinrich unter den Linden daselbst einen stattlichen 
Palast; dennoch aber weilte auch er fast ausschließlich in seiner 
Herrschaft, die er durch allerlei Bauten und Parkanlagen zu ver- ! 
schönern strebte. 
So durfte mit Recht in den neuen Thurmknopf des Rath 
hauses — ein furchtbarer Sturm hatte mitten am Jahrnmrkts- ; 
tage den alten unter die belebte Jahrmarktsmenge hinabgeschleudert, 
— der Schluß der hineingelegten Urkunde lauten: „Gott erhalte 
die Stadt bei dem jetzigen Wohlstände: Anno Domini 1774." 
Freilich artete die Leutseligkeit des Markgrafen in seinen 
letzten Lebensjahren in eine unziemliche Neugier für die Privat- 
verhältniffe seiner Unterthanen aus, und gab wie seine persönliche 
Eitelkeit zu drolligen Scenen Anlaß. 
Der 76 jährige alte Herr legte sich ärgerlich zu Bette, weil 
er bei einem seiner Hoffestc von der Fürstin Czartoryska und ihrem 
„Röcke! von Hofdame" wie er sagte, einen Korb empfangen, als 
er sie zur Menuette aufgefordert, während sie doch zuvor mit 
mehreren Offizieren getanzt; und der Anspach-Baireuther Kanzlei, 
die ihn in einer Neujahrsgratulation nur „Ew. Liebden" anstatt 
„Königliche Hoheit" titulirt, ließ er den Rath vermelden, „in Zu- 
tunst die ihm gebührenden Kurialien nicht auszulassen." 
Wie sein verstorbener Bruder, stand auch Markgraf Heinrich 
bei seinem königlichen Vetter nicht allzusehr in Gunst. Seine all 
zuschnelle Zunge und sein Mangel an soldatischem Sinn, vor Allem 
seine Verheirathung mit Leopoldine, der Tochter des alten Fürsten zu j 
Anhalt-Dessau, seiner leiblichen Cousine, für die er die königliche 
Erlaubniß nicht rechtzeitig eingeholt, mochten die Schuld daran 
tragen. 
Etwas Wahres mag wohl auch an dem Gerede sein, das 
ihn persönlicher Feigheit beschuldigen will; die älteren Bewohner 
Schwedts wenigstens behaupten noch jetzt, die kleine ftanzösischc 
Kirche auf der Schloßfreiyeit daselbst sei nur in Folge eines Gelübdes 
erbaut, das der Markgraf in der Schlacht bei Mollwitz, unter einer 
Brücke versteckt, für die Erhaltung seines Lebens gethan, weshalb er 
denn auch alljährlich am 10. August gefastet. 
Schon König Friedrich Wilhelm hatte dem alten Dessauer 
wegen der Heirath Prinz Heinrichs geschrieben: „Ich muß Ew. 
Liebden ganz tranebsmsnt bekennen, daß Ich mit des Prinzen 
seiner bisherigen Conduite, in xuneto des Regimentes, und seiner- 
ganzen Aufführung gar nicht zufrieden bin. Als Offizier kann er 
nicht heirathen sonder Meine Permission, vermöge Reglement. 
Als mein Vetter ist er solches ebenso wenig befugt. Es hat also 
dieser Prinz Heinrich gegen sein vevoir gehandelt, daß er Mich, 
als seinen Kriegsherrn und Chef von der Familie, vorbei gegangen 
ist und sich wegen seiner vorhabenden Mariage eher bei Ew. 
Liebden, als bei Mir gemeldet hat. Dieweil Ew. Liebden aber 
diese alliance des Prinzen mit dero Prinzessin Tochter gern sehen. 
Ich auch Ew. Liebden mit plaisir die Hochachtung und Liebe, so 
Ich für dieselben hege, erweisen will, so gebe Ich hierdurch zu 
dieser Verbindung Meinen Consens. Wofern aber der Prinz 
Heinrich nicht eine bessere Conduite annehmen und sich anders als 
bisher gegen Mich, seinen Kriegsherrn und Chef von der Familie, 
aufführen wird, so werde Ich ihm das Regiment nehmen rc. rc. 
Durch des Schwiegervaters Fürsprache und einige riesige 
Flügelmänner gelang es für kurze Zeit dem Markgrafen Heinrich, 
wirklich den König gnädiger zu stimmen. 
Auch der jungen Markgrästn erblühte nur — während der 
ersten Jahre ihrer Ehe — ein kurzes Glück; daß sie die letzten 
30 Jahre in Entbehrung und Verbannung in Colberg verleben 
mußte, ist wohl bekannter. Es war überhaupt eine bewegte Zeit. 
Auch des Markgrafen Schwester, die schöne übermüthige Henriette 
Marie, die jugendliche Wittwe des Erbprinzen von Würtemberg, 
lebte ebenfalls 30 Jahre in Köpenick in Verbannung; und die 
übermüthig tolle Gemahlin Prinz Anselms von Thurn und Taxis die 
Schwester Carl Eugens von Württemberg, versuchte gar durch 
Schuß und Gift Bruder und Gemahl zu tödtcn. 
Der Markgräfin Leopoldine ist kein direktes Verschulden ihres 
Geschicks nachzuweisen; dennoch ist im Schwedter Schlöffe kein Bild 
von ihr aufbewahrt. Im Herzoglichen Schlosse zu Dessau aber 
zeigen deren zwei sie uns als ftöhliches Kind mit Blumen in den 
Händen und wieder als schwergeprüfte Frau, die schönen gichtge 
quälten Hände im warmen Muff verborgen. Aber auch hier spricht 
aus dem großen braunen Augen trotz alles Kummers noch freund 
liches Wohlwollen. 
Prinz Heinrichs Mutter, die alte Markgräfin Philipp, mochte 
geglaubt haben, den Sohn durch die Verbindung mit einer klugen 
charakterfesten Frau zum Bessern zu beeinflussen; und in der That 
hatte die kluge und fröhliche Lcopoldine zuerst auch eine Art 
Oberherrschaft über ihn gewonnen. Von seiner Umgebung aber 
darauf aufmerksam gemacht, schüttelte Prinz Heinrich in schroffster 
Weise zubald nur die Zügel ab. Zwischenträger und Eifersüchte 
leien schürten ein Feuer, das schnell zum verheerenden Brande auf 
lodern sollte. 
Ein Hoffräulein von Maskow sollte des Markgrafen, ein 
Prinz von Holstein, als Obristlieutenant in Schwedt dienend, der 
Markgräfin Gunst sich erfteuen. Beide wurden des Schlosses ver 
wiesen. Zu spät, das Feuer War nicht mehr zu löschen! 
Der Markgraf klagte dem Könige: „Er würde nicht Werth 
sein, daß ihn die Erde trüge, wenn er noch länger unter dem
        
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