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Periodical volume 2. Juli 1881, Nr. 40

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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auch ihm geschlagen, zu heilen gestrebt, so arbeitete ihr Sohn, der 
Markgraf Philipp, ganz in ihrem Sinne fort. 
Nach seinem lebensgroßen Brustbilde im Schwedter Schlosse in 
Tracht und Zügen dem Großen Kurfürsten nicht unähnlich, erwies er 
sich auch im Leben als ein gebildeter Mann und tüchtiger Soldat. 
Nicht nur, das er selbst für „geschriebene" Zeitungen die 
Kosten nicht scheute. Schloß und Park stattlich ausbaute, den durch 
das Edict von Nantes vertriebenen französischen Kolonisten in 
seinem Ländchen eine zweite Hcimath schuf — wo deren Nachkommen 
noch jetzt des Tabakbaues emsig pflegen — kümmerte er sich 
auch bis ins Kleinste um seine Unterthanen, setzte „Kirchenwcckcr 
ein, welche die beim Gottesdienste sanft eutschlummerten Zuhörer 
mit Anstand zu bedeuten" und „Hundeausjäger, welche die sich 
mit einschmeichelnden Vierfüßler mit weniger Anstand hinauszu 
peitschen" hatten; setzte trotz der eigenen Prachtliebe dem übertrie 
benen Auftvande seiner Unterthanen in Kleidung und Gastereien 
durch strenge Erlasse eine hemmende Grenze, — kurz war ein guter 
Vater seiner Untergebenen, der auch mit seiner Gemahlin, der 
Schwester des alten Dessaucrs, gar glücklich lebte, nnd nur allzu 
früh starb, nachdem er eben noch den noch jetzt so schönen Park 
und das Lustschlößchen kckonpl-üsir für sich angelegt. 
Ein weitaus ander Bild entrollte unter seinem Sohne und 
Erben, dem kaum 11 jährigen Friedrich Wilhelm. Vom könig 
lichen Vormunde und Namensvetter Friedrich Wilhelm I. ganz in 
dessen starren Sinne erzogen, ward der junge Markgraf nicht nur 
zu seinem Lieblinge, sondern bald auch zu seinem Ebenbild im 
Innern lind Aeußern. 
Kräftig, thätig und sparsam, aber auch hart lind aufbrausend 
und den Wissenschaften abhold, trugen seine Vergnügungen fast alle 
das Gepräge seines derben Sinnes. 
Des Königs Plan, dem jungen Markgrafen durch eine 
Heirath mit Anna, der Wittwe des letzten Herzogs von Curland 
und Nichte Peters des Großen, das erledigte Herzogthum zu ge 
winnen, war gescheitert, und so beschloß er, ihn zu seinem eigenen 
Schwiegersohn zu machen. Seine älteste Tochter Wilhelmine, die 
Lieblingsschwester des Alten Fritz, hielt er wegen ihrer Parteinahme 
für den widersetzlichen Bruder und wegen ihrer Neigung für den eng 
lischen Kronprinzen eben in strenger Haft; ihr hatte er den Mark 
grafen bestimmt. Dennoch ließ er ihr die Wahl zwischen ihm, dem 
Herzog von Sachscn-Weißcnfcls und dem Erbprinzen von Baireuth. 
In ihren eigenhändigen Memoiren schildert die Prinzeß die un 
glaublich schweren Zeiten, die sie vor ihrer Verheirathung und auch 
nach derselben im elterlichen Schlosse zu durchleben hatte. Von 
Vater und Mutter, in entgegengesetztester Richtung bedrängt — 
die Mutter hielt als hanovrisch-englische Prinzeß an ihren eng 
lischen Hcirathsplänen fest, — entschied Wilhelmine sich endlich für 
den Erbprinzen von Baireuth, nur — weil sie von diesem am 
wenigsten wußte. 
Seiner jüngeren Tochter Sophie ließ der König gar keine 
Wahl; der Markgraf ward ihr bestimmt und 1734 hielt die kaum 
15 jährige Prinzeß, als seine Gattin, ihren Einzug in das Schloß 
zu Schtvedt a./O. 
Ihre resignirten, fast kalten Züge schauen aus ihren mehr 
fachen lebensgroßen Bildern alldort uns an, fast als wollten sie 
ftagcn, weshalb man nur so willkürlich über sie verfügt? Und fest 
tvie ihre Züge ist auch ihre Handschrift, wenn auch aus jedem ihrer 
Briefe, die mir Vorgelegen, eine demüthige Fügsamkeit unter den 
Willen ihres Gatten sich ausspricht. 
Leicht war ihre Stellung nicht; wie fast alle ihre Geschwister 
hat sie in der aufgezwungenen Ehe das erhoffte Glück nur zum 
bescheidensten Theilchcn gefunden. 
Schon bald nach seiner Vermählung klagte ihr Gemahl, daß 
ihre Mitgift von 100,000 Thlr. kaum genüge, einen Stall dafür 
zu bauen. Richtig erbaute er a ich seinen Kürassieren ein kost 
spieliges Reithaus mit kunstvollem Hängedach, obgleich er später 
wiederholt beklagte, daß er der Schwager Friedrichs des Großen 
geworden und — wider Willen — Soldat sein müsse. In seiner 
ersten Negierungszeit fand er wenigstens am Werben riesiger Sol 
daten und am Ausputz seiner Leibcompagnie ein vorüberge 
hendes Gefallen. Wenn wir den uns überkommenen Beschrei 
bungen trauen dürfen, müssen die riesigen Kürassiere in den dunkel 
gewichsten Kürassen, in den weißen, mit hellblauen Aufschlägen ge 
zierten Rücken, den langen steifen Rciterstiefeln, den rothscidenen 
Halstüchern, den orangefarbnen Schärpen, Schulter- und Degen 
bändern mit karmoisinrothen Quasten, sich auch seltsam genug aus 
genommen haben. Der riesige Pallasch hing in versilberter Scheide 
ihnen zur Seite, und die hellblauen, weiß beschnürten Patronen 
taschen enthielten die Munition für die langen Carabiner. Schwer 
fällig und seist waren auch die gewaltigen Rosse, das Zaumzeug 
mit versilberten Buckeln verziert und die Satteldecken reich gestickt, 
während von Stirnriemen und Mähnen lange orangesarbne 
Schleifen herabflatterten. Bei längeren Märschen von ihren Reitern 
am Zügel geführt, schienen Rosse tvie Leute zu ernsterer Anstrengung 
gleich wenig geeignet; und wohl durste der Alte Fritz schon nach 
der Schlacht bei Molwitz von den Markgräflichen Kürassieren sagen: 
„die Kavallerie ist nicht werth, daß sie der Teufel holt, kein 
Offizier geht mit ihr um." Und doch ging er mit ihr um, d. h. 
den Stock in der Hand, den Offizier und Unteroffizier wohl nicht 
nur zum Schein in der Hand zu tragen pflegten. 
Und seltsam, einer der tüchtigsten preußischen Generäle, Seidl i tz, 
hatte seine Jugend als Page am Schwedter Hofe verbracht und 
als Cornet zuerst in jenem Regimente gestanden; sogar der Mark 
graf hatte eine dauernde persönliche Zuneigung für den verwaisten 
Junker, mit dem er die tollkühnsten Streiche trieb, um dann auch 
ihn wieder einmal seine Tyrannei fühlen zu lasien. 
Seidlitz, der das wildeste Roß der eben aus den lithauischen 
Wäldern cingetroffenen Remonte zu bändigen und den stärksten 
Vierundzwanzig-Ender des Wildparks sich einzufangen und auf ihm 
ohne Sattel und Zaum über die Haide zu jagen liebte, bis er 
oder das Thier niederstürzte, war ganz ein Gefährte nach des 
Markgrafen Sinne. Seltsame Wetten entspannen sich zwischen dem 
Gebieter und dem Pagen: wer von ihnen am ungefährdetsten durch 
kecken Sprung sich aus dem Wagen zu retten wisie, wenn dessen 
Pferde absichtlich scheu gemacht und zum Durchgehen gebracht 
worden waren; oder wer es wage, zwischen den schnell umschwin 
genden Flügeln einer Windmühle hindurch zu reiten? Der Markgraf 
war es denn auch, der seinen königlichen Vetter bewog, mit dem 
er sonst gar nicht gut stand, den Junker, der ohne Schuld, gleich 
im Anfange seiner kriegerischen Laufbahn, in Ungarische Kriegs 
gefangenschaft gerathen, gegen einen östreichischen Rittmeister aus 
zulösen und den simplen Cornet gleich zum Rittmeister zu ernennen. 
Wie ruhmvoll auch des Markgraf Vettern, die Prinzen Carl 
und Friedrich Wilhelm von Brandenburg - Schwedt in den schlesi 
schen Kriegen sich auszeichneten, der Markgraf selber und sein Bruder 
Heinrich hielten ängstlich vom Kriegstreiben sich fern. 
Drollig genug ereilte ihn dennoch sein Geschick. 
Die Rusien und Schweden hatten der Markgrafschaft wieder 
holt ihre Besuche gemacht; eines schönen Tages drangen die Ko- 
sacken einmal ganz unerwartet in Stadt und Schloß ein und 
führten, in der Hoffnung auf ein gutes Lösegeld, den Markgrafen, 
der kurz zuvor erst von seinem Berliner Schlöffe, wo er sich sicherer 
glaubte, heimgekehrt war, nebst seinem Schwiegersöhne, dem tapfe 
ren Carl Eugen von Württemberg, der im Schwedter Schlöffe 
seine in einer der letzten Schlachten empfangene Wunde heilte, mit 
sich fort, fteilich nur bis zum nahm Städtchen Königsberg, dessen 
Magistrat sich für den Markgrafen, resp. seinen Schuldbrief ver 
bürgen mußte, der indeß nie eingelöst ward. 
Zu seinen Unterthanen stand der Markgraf in einem ganz
        
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