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Volume 18. Juni 1881, Nr. 38

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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der angrenzenden Wiese, durch welche der ominöse schwarze Graben 
fließt, hatte Sophie Charlotte einen Karpfenteich unterhalten, der 
nach der Einrichtung des im Schloßpark selbst befindlichen (i. I. 
1715) einging und sich nur im.Namen der „Karpfenteichwiese" er 
hielt. Dieses Terrain hatte mannigfache Schicksale und gehörte 
eine Zeitlang auch dem bekannten Kannncrdiener Rietz. Der 
Küchengartcn aber lag, was wohl den Wenigsten bekannt sein 
dürfte, dem Schlosse gegenüber und zog sich hinter der jetzigen 
Orangenstraße hin bis zur Kirche einerseits und bis zur Berliner- 
Straße andrerseits. Dies Terrain wurde damals zum großen 
Theil an den Bankier Levi verkauft und ist heut im Besitz der 
von Wartenbergschen Familie. Schlimme Zeiten hatte Charlotten 
burg zu durchleben, bis es das Königspaar wiedersah. Hatte es 
doch das Heerlager der Franzosen in unmittelbarster Nähe am 
Spandaucr Berge gesehen; waren doch durch französische Artille 
risten viele Häuser geplündert worden, insbesondere das Armen- 
und Krankenhaus, wo man Wäsche, Mäntel und Leichentücher 
weggenommen und die alten kranken Weiber geängstigt und ge 
mißhandelt hatte, und waren doch endlich die Gewölbe auf dem 
Kirchhof aufgebrochen und die Särge aufgerissen worden. Und 
dazu mußte noch auf Befehl des Herzogs von Belluno in der 
Stadtkiche das Tedeum unter Begleitung der Königlichen Kapelle 
angestimmt werden. 
Desto begeisterter war aber auch der Empfang, als im 
Jahre 1810 noch kurz vor dem Ende Luisens König und Königin 
wieder in die geliebte Stadt einzogen. Es fehlten ebenso 
wenig die weißgekleideten Jungfrauen, welche Körbchen und ein 
Gedicht, auf seidenem Bande gedruckt, überreichten, wie die Fest 
rede des Pastor Loci und am Abend die Illumination. Wie 
theuer die Erinnerungen waren, die sich für den König an Char- 
lottcnburg knüpften, das zeigte er durch den Bau des Mausoleums, 
in dem er selbst mit seiner Luise ruhen wollte. Und dieses herr 
liche Denkmal innigster Gattenliebe, welches aus den dunklen 
Tannen schwcrmüthig hervorblickt, ist eine Weihcstätte geworden, 
zu der jährlich eine ungemeine Zahl von Pilgern wallfahrtet. Sie 
ist es denn auch, welche Charlottcnburg noch heute mit dem Herr 
scherhaus der Hohenzollern aufs engste verknüpft, wie denn Kaiser 
Wilhelm am goldnen Hochzeitstage zu der glückwünschenden De 
putation es ausgesprochen hat in den Worten: „Sie haben mein 
theuerstes Vermächtnis zu bewahren, das Grab meiner 
Eltern." 
Friedrich Wilhelm IV., dessen Lieblingsaufenthalt gleichfalls 
Charlottenburg war, ließ sich einen Theil des Schlosses ganz nach 
seinem Geschmacke einrichten. In löblicher Pietät hat man den 
selben unverändert gelaffen, so daß er die edlen Neigungen dieses 
finnigen Monarchen, die sich auch in seiner Lieblingslektüre zeigten, 
verewigt. Oftmals machte er bei eintretendem Dunkel die Runde 
durch den Schloßgarten und ergötzte sich mit heiterem Humor, wenn 
Wachen, welche ihn in Unkcnntniß seines Aeußercn angehalten 
hatten, belehrt wurden, daß sie den König festzunehmen im Begriff 
gewesen waren. Noch manches Jahr bewohnte seine Wittwe 
Elisabeth, die treue Pflegerin in seiner Krankheit, das Schloß, 
dem Andenken an den verstorbenen Gemahl und stillem Wohlthun 
lebend. Seit ihrem Tode stehen die einst so belebten Räume leer. 
Aber wenn auch die Aussicht, welche sich eröffnete, den Enkel des 
Kaisers nach seiner Vermählung aufzunehmen, gescheitert ist, Char 
lottenburg bleibt dennoch mit dem Herrscherhaus aufs innigste ver 
bunden. Weilt doch die Kaiserin Augusta mit Vorliebe hier in 
ihrer Schöpfung, der Kaiserin-Augusta-Stiftung, wo sie in der 
Erziehung und Ausbildung junger Mädchen einen Wirkungskreis 
sich geschaffen hat, wie ihn schöner und edler eine königliche Frau 
kaum zu finden vermag. 
Außer diesem Verhältniß zum Herrscherhause sind es aber be 
sonders die Beziehungen zur Haupt- und Residenzstadt Berlin, 
welche Charlottenburg ein allgemeineres Jntcreffe zuwenden lassen. 
Eine Stadt zwischen zwei Städten, wie Berlin und Spandau, zu 
gründen, das war ftirwahr ein kühner Gedanke des ersten Hohen- 
zollern-Königs und fast scheint es, als habe er im Geiste vorhcrgcsehen, 
daß die neue Stadt eine Kolonialstadt der Hauptresidenz werden 
und sich endlich mit derselben verschmelzen würde. Allerdings 
trennte damals Wald und Haide von vielen Seiten das Terrain 
beider Städte von einander. Die Waldung des Thiergartens ging 
näher an Charlottenburg heran und nach Wilmersdorf zu war 
der Boden noch mit dichtem Eichen- und Nadelholz bestanden; 
mußte doch auf dem Terrain der Stadt gleichfalls, zum Theil 
wenigstens, erst die Waldung ausgerodet werden. Aber fteilich 
auf der östlichen Seite reichte der Acker der Lützower weit hinein 
! in das heutige Berlin. Dieser zog sich am Landwehr-Kanal, dem 
I ehemaligen Schafgraben seligen Andenkens, entlang bis zur Pots 
damerstraße und wurde zum großen Theil von den Lützowern ab 
getreten gegen die problematische Ehre sich statt „Bauern" „Acker 
bürger" nennen zu dürfen. Andrerseits war auf den Spreewiesen, 
wo sumpfiger Boden, mit Strauchwerk bewachsen, sich befand, der 
Besitzstand beider Städte nicht so genau festgestellt. Hier fanden 
denn auch die ersten Berührungen der beiderseitigen Einwohner 
statt, und zwar waren diese keineswegs freundlicher Art. Denn 
die Berliner pfändeten die Charlottenburger, weil sie auf dem 
streitigen Terrain ihr Vieh hüteten. Vielleicht liegen schon in 
dieser frühesten Zeit die Keime zu dem Antagonismus, in dem 
wir bis in eine sehr nahe Vergangenheit hinein den sich fühlenden 
Bürger Sprceathens zu dem kleinen ärmlichen Nachbar trotz der 
Vorliebe für seine Stadt stehen sehen. Freilich war es ein rauhes, 
derbes Geschlecht, jenes der ältesten Charlottenburger, das seine 
Kampflust in täglichen und nächtlichen Raufereien auszulasscn liebte, 
und wenn ein Leibniz in einem Widmungsgedicht die junge Stadt 
kühn mit Rom verglich, so hatten beide Städte bis dahin in der 
That einige Aehnlichkeit mit einander, insofern bei der Gründung 
beider ein Asyl eröffnet wurde, zu dem allerhand Gesindel zu 
strömte. Indessen konnte auch der Berliner damaliger Tage nicht 
gerade seiner Zartheit im Umgänge wegen gerühmt werden, und 
so wird wohl das Sprüchwort vom groben Keil auf grobem Klotz 
hier seine Anwendung gefunden haben. Aber wie verachtenswerth 
auch immer Charlottenburg in den Augen des echten Berliners er 
scheinen mochte uud wie ärmlich es auch in der That war, mit 
einem Reichthum konnte es doch der Hauptstadt dienen. Es war 
nämlich steinreich. Als nun die Dorotheen- und die Friedrichs 
stadt gebaut wurde, da lieferte Charlottenburg von seinen Schätzen, 
die cs dem Acker entnahm, freilich häustg ohne die durch Fort 
nähme der Steine entstandenen Lücken auszufüllen. Die Steine 
wurden nach Berlin gefahren durch jene elenden Mähren, die, 
eigens zu diesem Zweck aufgekauft, den Schinder oft nach Char 
lottenburg führten und den Ruf des Charlottenburger Pferdes im 
Sprüchwort haben verewigen helfen. Der leichte Verdienst ließ 
die Bürger den Ackerbau vernachlässigen und bei dem hiermit ver 
knüpften lustigen und leichtfertigen Leben jene Derbheit, von der 
wir oben gesprochen, weiter ausbilden und den kecken grotesken 
Humor entwickeln, der in einzelnen naturwüchsigen Repräsentanten 
noch von der älteren jetzt lebcnbcn Generation angestaunt wurde. 
Aber bald sollte Charlottenburg noch eine andre höhere Be 
deutung für Berlin gewinnen. Schon in der Zeit der ersten 
Könige wurde es viel von Berlinern besucht, die das Schloß be 
sahen, im Garten lustwandelten und an dem Treiben des Hofes 
neugierig Antheil nahmen. So wurde es nach und nach zu einem 
Lustort der Berliner gestempelt. Die Bürger verdienten hierbei, 
da manches in den Schenken verzehrt wurde. Nach dem Re 
gierungsantritt Friedrich des Großen ließ dieser Besuch immer 
mehr nach. Dmn, da der Hof nicht mehr hier residirte, so gab 
es nichts zu schauen. Ueberdies entstand um das Jahr 1750 ein
	        
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