Path:
Periodical volume 18. Juni 1881, Nr. 38

Full text: Der Bär Issue 7.1881

492 
ebenfalls mit allerhand Blumen ausgeflochten und über dem Thor 
waren in güldenen Buchstaben lateinische Verse zu lesen, die der 
Englische Envoyi! Mr. Stepncy verfertigt und welche in der Ueber- 
setzung also lauteten: 
„„Dies Haus, von Dir erbaut, doch das soll mir gehören, 
Will Dein Geburtsfcst heut, als seines Stifters, ehren; 
Sei giitig und last zu, das; wir Dir dankbar seyn, 
Dies bittet Dein Gemahl, die Liebe stimmt mit ein."" 
„Seine Kurfürstliche Durchlaucht haben sich bei diesem Feste 
nebst der ganzen Gesellschaft so vergnügt und freudig erwiesen, 
das; man so zu sagen über Tisch und Bänke gesprungen und Seine 
Kurfürstliche Durchlaucht, Ihrer eignen gnädigsten Aussage nach, 
sich nicht besinnen, sich jemals so freudig erwiesen zu haben." 
Der Kurfürst mochte sich wohl des gehabten Genusses dankbar 
erinnern, als er im Jahre 1700 wiederum 10,000 Thaler zur 
weiteren Einrichtung des Schlosses und Parks von Lützenburg 
extraordinär anwies. 
Schon der Obcrbaudircktor Nehring hatte die Villa für zu 
klein erachtet und so wurde denn der bekannte Eosander von Goethe, 
der »ach Schlüters Fall in besonderer Gunst stand, beauftragt, 'den 
Plan für eine Erweiterung des Lustschlosses zu entwerfen. Dieser 
verwischte durch seine Entwürfe die ursprünglichen Schlüter'schen 
Intentionen vollständig; wie wenig aber dieselben auch den Geist 
seines großen Vorgängers athmeten, waren sie doch an sich be 
deutend genug, um dem Schlosse ein imposantes und im ganzen 
anmuthendes Aussehen zu geben. Noch im Todesjahre der Königin 
Sophie Charlotte i. I. 1705 wurde an der Ausführung derselben ge 
arbeitet. Zunächst wurde dem Schlüterbau die Kuppel aufgesetzt, 
die — an sich freilich namentlich von der Ferne gesehen, nicht 
unwirksam — wenig zu dem leichten Villenstil des ursprünglichen 
Lusthauses stimmte; sodann wurde auf jeder Seite ein neuer Theil 
mit je 5 Fenstern angesetzt, denen die zwei langen Seitenflügel 
angefügt wurden, welche den Hof umschließen. Endlich erbaute 
Eosandcr noch in den Jahren 1709 —1712 das 700 Fuß lange 
Orangeriegebäude, in dessen Mitte sich der auf Säulen ruhende 
Salon befindet. Nach dem Plane, der uns vorliegt, sollte diesem 
Theile ein gleicher auf der rechten Seite nach der Spree zu korre- 
spondircn; ein mächtiger oblonger bedeckter Säulengang mit Rund 
portalen, einen Hof einschließend, sollte nach der linken, ein Quer 
gebäude nach der Spree zu auf der rechten den Abschluß machen. 
Die erste Anlage des Schloßgartens war nach den Plänen Le 
Nötres von Simeon Godeau gemacht worden. Eosander griff 
aber auch hier umgestaltend ein, und man darf gestehen, daß, wenn 
seine Pläne durchgeführt worden wären, ein eigenartiger und an- 
muthiger Eindruck, trotz der Anlehnung an den steifen französischen 
Geschmack und speziell an die Wafferanlagen von Versailles, nicht 
ausgeblieben sein würde. Er zog nämlich die nähere und weitere 
Umgebung, den Platz vor dem Schlöffe und das Gebiet jenseits 
der Spree, mit in seine Berechnung und schuf so ein hübsches land 
schaftliches Bild. Dies gelang ihm um so eher, als die Spree 
damals, eine wohl den meisten unbekannte Thatsache, fast un 
mittelbar hinter dem heutigen Karpfenteich ihren Hauptlauf hatte, 
also in dein Waffcrlauf, der, heut noch mit dem Namen „die alte 
Spree" bezeichnet, die Belvedere-Insel nach der einen Seite hin 
abschließt. Statt des dem Orangeriehausc korrespondirenden Flügels 
ließ Friedrich II. auf der rechten Seite im I. 1740 durch den 
Freihcrrn von Knobelsdorf den nach ihm benannten Friedrichsbau 
aufführen, welcher mit seiner langen Fa?ade den Geist der neuen 
Aera erkennen läßt. Friedrich Wilhelm II. erweiterte den Garten, 
indem er das sogenannte Aha, das Gebiet des alten Spreelaufs, 
zuzog. (Das öfter vorkommende Wort, durch die Volksmythologie 
in „Haha" umgewandelt, ist wohl von aqua, Wasser, abzuleiten, 
wie Ache, Ahe, Aae, als Endung auftretend in Stralau u. a., 
tvo es in ow überging.) Auf diesem Terrain erbaute er das 
Belvedere; außerdem fügte er dem Orangeriehaus das Theater 
hinzu. Friedrich Wilhelm III. endlich baute das kleine Haus in 
bürgerlichem Geschmack an der Spreeseite, wo er mit seiner Luise 
glückliche Tage verlebte,' der er wenige Jahre darauf an. dem ge 
liebten Ort das Mausoleum erbauen sollte. 
So haben alle Könige Preußens bis zum Anfange dieses 
Jahrhunderts an dem Schlöffe mitgebäut mit Ausnahme des spar 
samen Friedrich Wilhelm I., der sein Andenken mit dem Parke 
Charlottenburgs dadurch in Verbindung erhielt, daß er es war, 
welcher einst (i. I. 1715) in den berühmten Karpfenteich eigen-, 
händig die Karpfen setzte, deren bemooste Häupter eine ältere 
Berliner Generation auf das Zeichen der Klingel erscheinen zu * 
sehen sich oft gefreut hat. 
Innig sind denn auch die Beziehungen Charlottenburgs zu 
dem Königshause, von dem ersten Bürgermeister der Stadt, Frie- 
j drich I., an bis zu dem sinnend vom Balkon des Belvedere nieder 
schauenden Friedrich Wilhelm IV. und bis auf unsere Tage. Einige 
Bilder aus der Vergangenheit der Stadt mögen diese Beziehungen 
etwas näher illustriren. v *’ 
Der Geburtstag Charlottenburgs ist eigentlich der 5. April 
des Jahres 1706. Denn damals, wenige Tage nach dem Leichen- 
bcgängniß Sophie Charlotte's, gab König Friedrich I. der Lietzenburg 
den Namen seiner verstorbenen Gemahlin und bestimmte durch 
Kabinetsordre, daß dieser Ort zum Andenken an dieselbe mit der 
Stadtgerechtigkeit begnadigt sei, ein Privilegium, welches aber erst 
1721, als die Stadt nach Einverleibung ^>es Dorfes Lützow einige 
Ausdehnung erhalten hatte, zur Wahrheit wurde. Indessen schon 
vor dieser Erhebung zur Stadt. scheinen städtische Ansiedelungen 
hier Und zwar auf dem dem Schlöffe zunächst gelegenen Terrain 
bestanden zu haben. Es werden dies hauptsächlich Häuser von 
Hofbedienten gewesen sein, wie denn im Jahre 1705, nach einer uns 
vorliegenden Urkunde, Sophie Charlottens Kammertürke, Frederic 
Ali, ein Haus in der Schloßstraße (jetzt Nr, 4) besaß, welches 
durch Kabinetsordre vom 3. December 1705 das Privilegium als 
Freihaus erhielt. Das Vorhandensein solcher Ansiedelungen scheint 
auch daraus hervorzugehen, daß der Kgl. Hofbuchdrucker Andreas 
Luppius sich darauf beruft, er sei von Kgl. Majestät zum Bürger 
meister von „Lüzeburg" (nicht Charlottenburg) ernannt. worden. 
Auch später scheint derselbe eine ähnliche Funktion fortgeführt und 
die Angelegenheiten der neuen Stadt geleitet zu haben. Erster 
Bürgermeister derselben (Consul), von dem in alter Zeit die Ge 
richtsbarkeit geübt wurde, war aber in Wahrheit Friedrich selbst, 
der, wie wir dies a. a. O. mitgetheilt haben, mit den Markgrafen 
Philipp Albrecht und Ludwig sowie dem Feldmarschall Grafen 
von Wartensleben als Rathsherren (senawrech den ersten Magistrat 
bildete, dem als Gerichtsdiener Oberst von Stenz, als Protokoll 
führer Hofrath Schmie! zur Seite stand. Wir dürsten wohl nicht 
fehlgreifen, wenn wir annehmen, daß die Idee, einen solchen Ma 
gistrat zu bilden, einer übermüthigen Laune des Königs entsprang, 
wie denn die Art, in der ein Kläger durch den hohen zu Gerichte 
sitzenden Bürgermeister angewiesen wurde, die auf die rechte Backe 
empfangene Ohrfeige damit zu sühnen, daß er dem Verklagten 
einen Backenstreich auf dieselbe Seite gäbe, auf eine. humoristische 
Handhabung des Amtes schließen läßt. Jedenfalls werden die er 
lauchten Personen ihre Thätigkeit wohl nur bei besonderen Ge 
legenheiten und vielleicht nur nach der richterlichen Seite hin aus 
geübt haben, während sie die Arbeit der Verwaltung anderen über 
ließen, woraus sich auch die Stellung des A. Luppius erklären 
würde. Wie lange dieser hohe Magistrat bestand, ist nicht bekannt; 
im Jahre 1708 unterzeichnete derselbe noch die Vokation des ersten 
Pastors der Stadt, Crusius. 
Das Andenken seiner so früh verstorbenen Gemahlin ehrte 
der König noch später durch Gründung der Stadt- (jetzigen Louisen-) 
Kirche. Im Jahre 1712 legte er selbst an seinem 55. Geburts-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.