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Periodical volume 18. Juni 1881, Nr. 38

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Thätigkeit der Flügeladjutanten ist überhaupt auch im Frieden 
ziemlich dieselbe. Uebrigens besitzt Graf Lehndorff für Berlin in 
so fern ein specielles Interesse, als er dort Grundeigenthümer ist. 
In Folge Allerhöchster Erlaubniß wurde er nämlich durch Kauf 
Besitzer des ehemaligen Königlichen Holzhofes und Depots am 
Unterbaum; eines umfangreichen Terrains, das seinem Besitzer 
bedeutende Vortheile verspricht. Schon hat die Stadtbahn sich 
mit ihm abfinden müssen; den nach Osten zu gelegenen Theil 
wird die Charit« ankaufen müssen, will sie sich nicht ganz verbauen 
lassen und es bleibt dann noch immer ein für die Zukunft viel 
versprechendes Terrain übrig. Vielleicht folgt der Graf dem Bei 
spiel einzelner Standesgenoffen und schmückt Berlin mit einem 
Pallast; cs steht der Hauptstadt Wohl an, daß der höchste Adel 
des Landes sein Domicil in ihr findet, wenn er einmal seine Güter 
verlassen muß. Einen Hausstand wenigstens hat Graf Lehndorff 
vor Kurzem gegründet durch seine Vermählung mit einer Dame, 
die gleich ihm dem Adel der Provinz Preußen angehört, die 
Gräfin Margarethe von Kanitz. I,. II. 
Ius kr Vergangenheit und Gegenwart Charisttentmrgs. 
Von Gymnasialdirektor vr. ftntiuams SAutfj. 
(Hierzu die Illustrationen Seite 493 und 497). 
Gewiß darf in einer Chronik Berlins Charlottenburg nicht 
unberührt bleiben. Sind doch die Beziehungen beider Städte zu 
allen Zeiten so innige gewesen, daß man die letztere kaum für 
eine selbstständige Stadt anzusehen pflegte, sondern höchstens für 
eine Vorstadt der großen Residenz! Und doch bewahrte sich die 
selbe ihre Eigenart bis in die neuesten Zeiten, wo sie, zu einer 
Einwohnerzahl von über 30,000 herangewachsen, in der That auf 
dem Punkte steht, mit der großen Hauptstadt vollständig zusam 
menzuschmelzen. Vielleicht liegt aber gerade in jenem Umstand 
der Grund, weshalb die Schätzung der anmuthigen Nachbarresidenz 
in den Augen des Berliners eine so sehr verschiedene ist. Der 
eine rühmt Charlottenburg und denkt dabei an das Schloß, den 
Park, das Mausoleum, die Flora und an einige mit Gärten um 
gebene fteundliche Villen. Der andere hingegen rümpft spöttisch die 
Nase und nennt die Nachbarin mit komischer Namenvcrzerrung Schlor- 
rendorf. Freilich kennt der eingefleischte Berliner von ihr meist 
nur das weltberühmte Charlottenburger Pferd, oder weiß, wenn 
er Literaturkenner ist, aus seinem Heine, daß das schönste Berlinisch 
in Charlottenburg gesprochen wird. Wie aber immer auch die 
Schätzung sein mag, — es sind interessante Momente genug, die 
aus der Vergangenheit dieser Stadt hervorgehoben werden können. 
Einige derselben hat der Verfasser versucht, im „Daheim" (Jahrg. 
1879 Nr. 42) einem größeren Leserkreise zugänglich zu machen. 
Es sei ihm vergönnt, hier einige andere vorzuführen. 
Schon die Geschichte der Quellen, aus denen geschöpft werden 
kann, dürfte Interesse bieten, da auch sie etwas von dem originellen 
Charakter zeigt, welcher der Lokalgeschichte Charlottenburgs nun 
einmal eigenthümlich ist. Die Akten der städtischen Registratur 
bieten so gut wie nichts; bewahrt dieselbe doch sogar nicht ein 
mal mehr die Stadt-Urkunde (diese ging schon um die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts verloren). Es scheint, die alten Rathsherren 
haben sich aus dem „Federfuchsen" nicht viel gemacht und die ehr 
würdigsten Aktenstücke der Makulatur und anderen wenig respekt 
vollen Zwecken geopfert. Den Pfarrakten ist es aber noch schlimmer 
ergangen. Ein Pfarrer Erdmann, der im Jahre 1773 starb, hatte 
verordnet, daß ihm seine sämmtlichen Skripturen mit in den Sarg 
gelegt würden. Es waren damit einige wenige Kanzelreden ge 
meint, die derselbe abwechselnd der Reihe nach zu halten pflegte; 
die Leichenträger packten aber die sämmtlichen Pfarrakten zusammen 
und legten sie statt der Hobelspähne in den Sarg. Doch was an 
authentischen Quellen mangelt, das ersetzt reichlich durch Natur 
wüchsigkeit und Originalität eine Chronik aus dem Anfang dieses 
Jahrhunderts. Es ist dies die Pfarrchronik des Ober-Prediger Dresse!, 
eines Geistlichen, der von 1778 bis nach den Freiheitskriegen in 
der jungen Residenzstadt Pfarrer war und noch die ältesten Leute 
gesprochen hatte, welche Zeugen der Anfänge Charlottenburgs ge 
wesen waren. Die originelle Persönlichkeit desselben ist mit seinem 
derben Humor und keckem Freimuth so recht ein Typus einer älteren 
jetzt fast ausgestorbenen Generation. Er hält auf seine Sporteln, 
verschmäht es nicht, am Hofe zu Hildburghausen einen kleinen Spiel 
gewinn einzustreichen; er erwirbt sich durch Bauspekulation ein 
kleines Vermögen; er ist zu Haus kein allzu zärtlicher Ehemann, 
als Tischgenoß außer dem Hause aber von unerschöpflicher Laune 
und kerniger Derbheit. Dabei ist er aber ein treuer Geistlicher, 
welcher der Stadt ein Armen- und Krankenhaus baut. Auf seine 
Mitbürger, die ihm dies wenig Dank wissen, ist er sehr schlecht zu 
sprechen und wünscht sich die Macht, einem jeden der Rathshcrren 
hundert Hiebe aufzählen lassen zu dürfen, „und wenn sie die Zunge 
bei dieser Operation zum Halse heraussteckten". Die Notiz von 
der Stiftung einer Bürger-Fahne mit der Devise: „Der vereinte 
Bürgersinn" begleitet er mit der beißenden Bemerkung, daß der 
vereinte Bürgersinn nirgends weniger heimisch sei als in Char 
lottenburg. So gestaltet sich diese Chronik aus einer Lokalgeschichte 
zu einem Kulturbild von allgemeinem Interesse und höherer 
Bedeutung. 
Im Jahre 1695 entfaltete sich an der Stelle, wo heut das 
Schloß steht, damals aber nur eine Theerhütte stand, reges Leben. 
Unter Leitung des Oberbaudirektors Nehring — so berichtet eine 
alte Teltower Chronik — begann eine Kompagnie Dragoner und eine 
von der Infanterie mit 100 Arbeitsleuten den Eichwald und das 
Gesträuch der Umgebung abzuräumen, im Jahre 1696 wurde noch 
eine Kompagnie Soldaten hinzugezogen. Es galt das Versprechen 
des Kurfürsten Friedrich III. zu lösen, welches er seiner hochgefcierten 
Gemahlin Sophie Charlotte gegeben hatte, als Gegendienst für 
die Abtretung von Caput bei Potsdam, derselben ein Lustschloß zu 
erbauen. In den ersten drei Jahreir wurden nacheinander die 
Summen von 6000 Thlrn., 9000 Thlrn. und 8000 Thlrn. auf 
Schloß und Anlagen verwendet. Der Fund von Urnen, den man 
bei Forträumung des Gesträuchs machte, zeigte, daß man sich aus 
einer alten Begräbnißstätte befand; vielleicht waren es die Ueber- 
reste der Helden von der alten Wendenveste Casow, die unweit 
der Spree, gleichfalls auf heutigem Charlottenburger Terrain, ge 
standen hatte. Ursprünglich war nur ein kleines Haus projektirt 
worden, dessen Plan von Schlüter entworfen war. Man erkennt 
dasselbe deutlich, wenn man sich von dem Mittelbau des Schlosses 
Kuppel und Flügel wegdenkt. Es bleibt dann eine Villa in italie 
nischem Renaiffanccstil übrig mit 3 großen und 8 schmaleren 
Fenstem, über denen sich noch ein Halbgeschoß befindet. Dies war 
die Lietzenburg Sophie Charlottens, von ihr auch scherzweise 
Lustenburg genannt, welche im Jahre 1698 (nicht 1696, wie man 
gewöhnlich annimmt) vollendet, aber erst am 11. Juli 1699 feier 
lich eingeweiht wurde. Ueber diese Einweihung macht ein wenig 
bekannter Hofchronist folgende Mittheilungen: 
„Auf den Abend des 1. Juli (alten Stils) des Jahres 1699 
hatten Ihre Kurfürstliche Durchlaucht die Kurfürstin Charlotte 
Seine Kurfürstliche Durchlaucht sowie auch den ganzen Hof und 
alle ftemden Minister nach Lützenburg geladen, den 43. Geburts 
tag Ihres Durchlauchtigsten Gemahls daselbst zu feiern und mit 
diesem Fest dieses Ihr Lützenburg einzuweihen. Der Saal war 
mit geflochtenem Blumenwerk und mit dazwischen gesetzten Sinn 
bildern ausgeziert und die Tafel darin also gesetzet, daß man 
ohne aufzustehen das Hernachmals angesteckte Feuerwerk nebst der 
Illumination sehen konnte. Die Einfahrt zu dem Hause war
        
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