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Periodical volume 18. Juni 1881, Nr. 38

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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erschrocken, „ich weiß sehr wenig, lieber Gott! und wenn ich 
bedenke — ich fyabz nicht die Ehre, von Ihnen gekannt zu 
sein — ich weiß selbst nicht, wo ich bin." — Er sah sich 
mit scheuen, bittenden Blicken nach seinem Führer um; seine 
Gedanken verwirrten sich vollkommen. 
„Nun, was sollen wir mit diesem einfältigen Menschen?" 
fragte der Herr zornig. „Beruht, was man erfahren haben 
>vill, auf ihm, so ist das Ganze nichts als bare Thorheit." 
„So schnell wollen wir ihn nicht aufgeben," sagte eine 
klare Stimme, die den unglücklichen Buchhalter in lieblicher 
Weise an Mademoiselle Marien erinnerte. Ein Hoffnungs 
funken entzündete sich in ihm, und was er bisher nicht be 
merkt hatte, entdeckte er jetzt. Zwei Damen saßen im Hinter 
gründe des Zimmers auf einer Ottomane; die eine im vor 
gerückten Alter, mit stolzem Anstande, die andere jung, lieblich 
und schön und so freundlich lächelnd, daß Herr Lampe einen 
Strom von Beruhigung bei ihrem Anblicke empfand. 
„Kommen Sie her zu mir," sagte die Dame. „Hegen 
Sic keine Furcht. Sie müssen ohne Zweifel sich beunruhigt 
lind verlegen fühlen, da Sie nicht wissen, wo und in welcher 
Gesellschaft Sie sind." 
„In der That, Madame," versetzte Lampe ermuthigt, 
„ich bi» von sehr vielen Feinden und Leiden bedrängt worden." 
„Aber Sie sind jetzt unter guten Freunden, die Sie 
schützen werden." 
„Glauben Sie wirklich, daß ich darauf rechnen kann?" 
fragte er dringend. 
„Seien Sie unbesorgt," sagte die Dame, lächelnd um 
herblickend. „Sie heißen Lampe?" 
„Gotthilf Samuel Lampe," so heiße ich. 
„Und sind der Buchhalter eines Kaufmannes?" 
„I. P. Heinhold, Mathieu selige Erben," entgegnete 
Herr Lampe mit der gewohnten Ehrfurcht vor der hochacht 
baren Firma —, „ja, das war ich bis jetzt, allein von heute 
ab bin ich Compagnon dieses allgemein geehrten Hauses." 
Die Dame verneigte sich ein wenig und sagte freund- 
lich: „Ich gratulire, Herr Lampe." 
„Meinen untcrthänigsten Dank," versetzte dieser mit tiefem 
Diener. „Ihr holdseliger Glückwunsch, Madame, ist der 
erste, den ich empfange, was mir immer unvergeßlich sein 
wird." 
Die Da>ne schien ungemein von diesem Gespräche be 
lustigt. Sie lachte lallt, und ihre Fröhlichkeit theilte sich selbst 
dein ernsthaften Hcnil init, der sichtlich viel inilder gestimmt 
tvar, als vorher. „Das ist allerliebst!" rief die Dame, „ich 
rechne darauf, Herr Lampe, daß Sie Wort halten. — Aber 
setzen Sie sich, hier ist ein Tabouret; Sie scheinen angegriffen, 
und vielleicht trinken Sie eine Taffe Thee?" 
„O, bitte sehr!" entgegnete er, „Ihre Güte entzückt mich, 
Madame; aber, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, ich bin 
wirklich erschöpft und innerlich aufgelöst, einem gänzlichen 
Bankerott rlahc." 
Die Dame hatte eine Tasse genommen und goß aus 
der Theekanne voll Vermeil ben duftigen Trank ein, den sie 
dailn selbst ihrem Schützlinge reichte. „Stärken Sie sich zu 
vörderst, fuhr sie fort, und dann erzähleil Sie uns Ihre ent 
setzlichen Abenteuer im Hause des Chevalier de Briflon, von 
denen ich etwas gehört habe, was meine ganze Theilnahme 
rege macht." 
„Ich werde gern alles thun, was Ihnen Vergnügen be 
reiten kann," versetze Lampe verbindlich. 
„Aber ausführlich und durchaus wahrhaft." 
„Ich lüge nie!" rief der Buchhalter, und seine feierliche 
Miene war so überzeugend, daß die Dame sich zu dem ern 
sten Herrn wandte und mit Nachdruck sagte: „Ich übernehme 
die Bürgschaft, daß nichts von dem, was wir hören werden, 
erfundeil ist." 
„So reden Sie denn ohne Umschweife," sagte der Herr. 
„Seien Sie so gefällig, Herr Lainpe," setzte die Dame 
verbindlich hinzu, „und nehmen Sie an, wir wissen, daß Sie 
einen Brief an den Chevalier abzugeben hatten." 
„Sehr wohl," entgegnete der kleine Mann, „ich sehe. 
Sie kennen dies Geschäft, das von mir ganz gegen meinen 
Willen acccptirt werden mußte." — Mit diesen Worten be 
gann er seine Erzählung, und als er im Zuge war, konnte 
Niemand behaupten, seine Darstellung sei verworren, maugel- 
haft und unschweifig. Mit kaufmännischer Genauigkeit und 
Ordnung wickelte er den Faden ab, ohne irgend stecken zu 
bleiben; eben so genau und bestimmt beantwortete er einige 
Kreuzfragen des ernsthaften Herrn, und seiner ganzen Mit- 
theilung war so überzeugend die innere Wahrheit anzumerken, 
daß er kaum das letzte Wort gesagt, als seine Beschützerin 
lebhaft ausrief: „Niemand wird zweifeln können, daß hier 
der Zufall eine Entdeckung veranlaßte, die ein grelles Licht 
auf die abscheulichen Machinationen wirft, mit denen uns 
Menschen umringen, welche unsere ganze Verachtung verdienen. 
Ist es so weit gediehen, daß die großen Verbrecher und Jn- 
triguanten ihre Creaturen ungestraft bis in unsere Nähe brin 
gen, um uns zu beobachten, auszuhorchen, und Lüge und Ver 
leumdung geschäftig beizufügen, so muß ein immerwährendes 
Mißtrauen unsere Ruhe vergiften; hier aber ist die Gelegen 
heit, zu zeigen, wie dergleichen Kundschafter ihren Lohn em 
pfangen. Wir sind in infamster Weise getäuscht und betrogen 
worden." 
„Zuvörderst," sagte der ernste Herr, „kommt cs darauf 
an, in Besitz der Papiere zu gelangen." 
„Und diese elenden Spione zu verhaften," fügte die Dame 
mit blitzenden Augen hinzu. 
„Es wäre dabei Manches zu bedenken", fiel einer der 
Anwesenden ein, der einen großen Stern auf der Brust trug. 
„Das Aussehen, die Art der Täuschung, die Form, unter 
welcher dieser Chevalier und seine sogenannte Tochter in hohen 
Kreisen Zutritt fanden, endlich der gegenwärtige Augen 
blick." — Er neigte sich zu dem Herrn nieder und flüsterte 
ihm einige Worte zu, welche dieser mit einer zustimmenden 
Bewegung des Kopfes beantwortete. 
„Nein, Sie haben Unrecht, Haugwitz!" rief die Dame 
erregt, „es darf feine Nachsicht walten. Stellt die Betrüger 
an den Pranger, gebt sie der Verachtung der Welt Preis, 
handelt schonungslos gegen diese nichtsachtenden Menschen; 
so gewinnt man die öffentliche Meinung durch ein gerechtes 
Selbstvertrauen. O! der ewigen Rücksichten und dieser Frie 
densliebe, die uns endlich ins Verderben reißen muß!" 
„Führen Sie den Mann hinaus," sagte der Herr in 
tadelndein Tone, indem er auf Herrn Lampe deutete. „Wir 
! wollen sehen, was sich thun läßt." 
Ein ängstliches, beklommenes Gefühl hatte den Buchhalter 
j ergriffen. Er verstand von diesem Gespräche nichts, aber es
        
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