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Periodical volume 11. Juni 1881, Nr. 37

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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wegen chronischen Geldmangels 90 Jahre lang (bis 1838) als 
Stumpf in die Lust ragte. 
Minder schlimm als diese mangelhaften Anlagen neuer 
Kirchen war das Verbauen der vorhandenen, wie es den Gottes 
häusern auf dem Gensdarmenmarkte geschah, welcher Platz ja eben 
davon seinen Namen trägt, daß hier i. I. 1736 die Pserdeställe 
des Regimentes Gensdarmes in zwei steistehenden Vierecken um 
die Kirchen herum errichtet wurden?) Dieser „Vandalismus" läßt 
sich nämlich damit entschuldigen, daß man vielleicht in einem An 
fluge künstlerischer Scham die Absicht hatte, durch solche Bauten 
die schon besprochenen traurigen Kirchengebäude dem öffentlichen 
Anblick soviel als möglich zu entziehen. Der Mittelmarkt, d. h. 
der Platz zwischen den beiden Kirchen, war von der Friedrich-Wer- 
maucr, zu welchem eine Menge großer Backsteine und viele Zregel- 
streicher von Lüttich verschrieben wurden. Letztere fanden auch bei 
Lichtenberg eine zum Brennen brauchbare Erde, gaben sich rüstig 
an die Arbeit, und so entstand der weitläufige Bau, der übrigens 
nicht mehr als 40,000 Thaler kostete, in der Frist von nur zwei 
Jahren. Der in unseren Tagen (1869/70) geschehene Abbruch dieser 
Mauer, dessen jahrelange Dauer zu soviel „Berliner Witzen" An 
laß gab, scheint mehr Schwierigkeiten gefunden zu haben, als der 
Aufbau. 
Die Stadt hatte seit Errichtung der Mauer nach Süden 
wieder einen, auch sortisicatorisch immerhin nicht ganz verächtlichen 
Abschluß, und da das Bedürfniß einer engeren Verbindung der 
Friedrichsstadt mit dem Werder sehr dringend geworden war, so 
Ein Zommrrtag in Treptow. Originalzeichnung von H. Lüders. (S. S. 465.) 
derschen Gemeinde als Kirchhof angekauft, vom Könige aber wieder 
eingezogen worden, und 1739 wurde der Plan vorgelegt, an jener 
Stelle, also an der des jetzigen Schauspielhauses, eine steinerne 
Windmühle zu .bauen; indeß widerstand Friedrich Wilhelm dieser 
gloriosen Idee, obgleich sie wegen der Nützlichkeit der Mühle sehr 
viel Verlockendes für ihn haben mußte. 
Im Jahre 1734 war nun fast die ganze Friedrichsstadt dem 
Willen des Königs gemäß bebaut: die Häuser standen da; aber 
einen ihrer vornehmsten Zwecke, den: Einquartierung aufzuneh 
men"* **) ), konnten sie so lange nicht erfüllen, als der neue Stadt 
theil keine andere Umgrenzung hatte, wie jene von den Deserteuren 
gar leicht zu überschreitende niedere Erdlandwehr. Daher begann 
der König in den Jahren 1734—36 den Bau der südlichen Stadt- 
*) Die Ställe blieben bis 1773, die Hauptwache des Regiments 
Gensdarmes bis 1782 hier bestehen. 
**) Vgl. W. S.: Aus der Garnison Berlin (Bär III. S. 74). 
j entschloß man sich nun, die Köllnischen Festungswerke zu schleifen. 
Es geschah dies nach einem wohlüberlegten Plane; denn es kam 
nicht auf das rohe Niederreißen, sondern auf das Oeffnen der 
. Werke, auf die Herstellung einer zweckmäßigen Verbindung der 
äußeren mit der inneren Stadt an. Man ließ dabei die Straße 
durch das alte Leipzigerthor, wohin die Festung den Verkehr ge 
zwängt hatte, ganz eingehen*) und stellte statt dessen den alten 
Weg über den Spittelmarkt wieder her; unterhalb des Leipziger 
thors aber richtete man noch einen neuen Zugang zum Werder 
ein. So entstanden die Spittel- und die Jägcrbrückc; beide 
von Holz, die ganze Grabenbreite von 200 Fuß überspannend 
*) An Stelle des alten Leipzigerthores erhob sich später das gräflich 
Herzberg'sche Palais, die jetzige Friedrich - Werder'sche Gewerbeschule, der 
ersten ihrer Art im preußischen Staate, deren Begründer und langjähriger 
Director der auch um die brandenburgische Geschichtsforschung so hoch- 
j verdiente Dr. v. Klöden war.
        
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