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Periodical volume 11. Juni 1881, Nr. 37

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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daß z. B. der Geheimrath Pieper sogar in den Adelstand erhoben 
worden war, nur „weil er ein schön magnistque Haus gebaut", 
und so erklärte er denn, aus der Friedrichsstadt ein Haus bauen 
und sich in Berlin niederlassen zu wollen, so daß das Geld, 
welches die Komödie einbrächte, der Residenz verbliebe. Das war 
nach des Königs Sinn, und es geschah wie gesagt. Eckenberg 
baute nach Gerlach's Riß „das Haus des starken Mannes"; der 
König gab ihm das Privilegium, und wenn der Athlet nicht ein 
Lump gewesen wäre, der im Trünke unterging, so hätte er die 
herrlichsten Geschäfte machen müssen; denn des Königs Gunst be 
saß er ein für allemal, und so elend seine Vorstellungen auch 
Wurden: es erging der Befehl, daß sogar alle Beamtenkollegien 
unweigerlich auf die Komödie zu abonniren und einige ihrer Mit 
glieder als Deputation zu jeder Vorstellung zu schicken hätten. 
Unter allen Straßenverlängerungen der Friedrichsstadt war 
am bedeutendsten die der Leipzigerstraße, welche übrigens in 
ihrem neuen Theile, also von der Mauerstraße an, zunächst „Pots 
damerstraße" genannt wurde. — Nr. 1 erbaute 'ein Hoflieferant 
Blume, Nr. 2 der Geheimrath Sellenthin; Nr. 3, das jetzige Herren 
haus, hat der Lieutenant von Groeben gegründet; Nr. 4, die 
spätere Porzellansabrik, das jetzige provisorische Reichstagsgebäude, 
erbaute ein Major von Aschersleben. — Nr. 5, das Kriegsmi- 
ninisterium, ist das Haus, welches 1737 der Staatsminister 
von Happe errichtete, als er jene Dotation an Baumaterial von 
40,000 Thalern Werth erhalten, von der wir bereits gesprochen 
haben. Die erste Zeichnung zu diesem durch seine Ausdehnung 
imponirenden, leider aber allzu flach prostlirten Gebäude machte 
der Jnsantericlieutenant Stolze, der vielleicht gedacht hat, daß es 
für eine Palastsront kein besseres Vorbild gebe, als eine wohlaus- 
gerichtete Bataillonssront. Stolze ließ auch den Grund und das 
Kellergeschoß ausmauern. Dann entwarf Dietrichs einen neuen 
Plan und führte nach diesem das Gebäude zu Ende. Leider mußte 
er sich an die gegebenen Fundamente halten und auf jedes Vor- 
und Zurückspringen einzelner Theile oder Flügel, auf jede leben 
dige Licht- oder Schattenwirkung, die den langen Bau einzig und 
allein zu beleben vermocht hätten, Verzicht leisten. Auch die An 
lage des schönen Parks ist Dietrichs Werk. Der Palast kam später 
in den Besitz des Grafen Reuß, wurde nach den Befleiungskriegen 
seiner jetzigen Bestimmung geweiht und in den vierziger Jahren 
umgebaut und um ein Stockwerk erhöht. — Das Haus Nr. 7 an 
der Ecke der Wilhelmstraße, welches jetzt ebenfalls zum Kriegsmi- 
nistcrium gehört, war ursprünglich vom Magistrate zu einem Leine 
wand- und Scharrenhause eingerichtet, nach welchem die Gegend 
auch „Friedrichstädtischer Scharrenbezirk" genannt wurde. 
Sehr spät sind die Eckhäuser an der Mauerstraße gebaut 
worden, namentlich das Haus Nr. 19, das spätere geistliche Mi 
nisterium, in welchem zur Zeit die Abtheilung für Jnvalidenwesen 
des Kriegsministeriums arbeitet. Dies noch ganz im alten Charakter 
erhaltene Gebäude bestand ursprünglich aus vier kleinen Häusern, 
die der Rentmeister Baer zusammenbaute. Von ihm erwarb es 
das Direktorium der Städtckasse, und noch bis in die dreißiger 
Jahre unseres Jahrhunderts ivar es unter dem Namen des 
„Städtekassenhauses" bekannt. 
Der Leipziger Platz hieß „das Achteck". Die Häuser der 
südlichen Seite desselben sind aus Aeckern und Wiesen erbaut wor 
den, welche zu einigen in der Gegend der jetzigen Bcrnburgcrstraßc 
gelegenen Meiereien gehörten. Der Grund und Boden der Nord- 
seite des Platzes gehörte dagegen zum Thiergarten. Das ehe 
malige Thor war sehr einfach. Es bestand aus zwei thurmartigen 
Pfeilern, welche mit Trophäen geziert waren. 
Wir müssen uns nun in den alten, nicht erweiterten Straßen 
der Friedrichsstadt umsehen, um auch hier die Veränderungen 
und Neustistungen der Negierungszeit Friedrich Wilhclm's I. 
zu erkennen und zu würdigen. 
In der Jägerstraße, Ecke der Markgrafenstraße, ließ der 
König 1737 ein sogenanntes „Domestikenhaus" erbauen und schenkte 
es nachher dem Geheimrath v. Eckert. Dann kam es an den 
Staatsminister v. Boden, später an den Kaufmann Hesse, und end 
lich wurde es Hauptcomptoir der Königlichen Seehandlung, die 
noch jetzt ihren Sitz darin hat. 
Unter den außerhalb des Landes geworbenen Soldaten hatte 
sich die Zahl der Katholiken namhaft vermehrt, so daß dieselben 
in der Hauskapelle des österreichischen Gesandten, wohin sie bisher 
zur Messe gingen, nicht mehr Raum fanden. Der König kaufte 
daher 1722 von dem Hahn'schen Hause in der Leipzigerstraße, in 
welchem damals der Kaiserliche Resident wohnte, daß Hinterhaus, 
das auf die Krausenstraße hinausging, und gab es den katholischen 
Einwohnern Berlins zum Bethause. Es ist jetzt das Haus Krausen- 
straße 47. Ebenfalls in der Krausenstraße, und zwar Nr. 30, fast 
an der Ecke der Jerusalemerstraße, begründete 1736 Stanislaus 
Rücker eine lutherische Armenschule, „der arme Lazarus" genannt. 
In derselben Straße stiftete der König 1726 ein Irrenhaus: die 
spätere Friedrichsstädtische Halle. Anlaß dieser Stiftung war der 
Umstand, daß der bisherige Besitzer jenes Hauses wahnwitzig und 
ohne Erben gestorben war. 1747 wurde dies Irrenhaus durch ein 
anstoßendes Gebäude der Schützenstraße vergrößert. 
In der Krausenstraße begegnen wir auch einem Kirchenbau 
Friedrich Wilhclm's. 1735 nämlich wurde an dem Berührungs 
punkte der Mauer- mit der Krausen-Straße der Grundstein zur 
Böhmischen Kirche gelegt und diese in Zeit von zwei Jahren 
nach Dietrichs Zeichnung von Naumann dem Vater gebaut. Der 
selbe Gedanke einer barocken Kuppelkirche, welcher gleichzeitig zu 
Dresden in Bähr's großartiger Frauenkirche so gediegen verwirklicht 
wurde und ein Gebäude hervorbrachte, welches die Silhouette von 
Elb-Florenz weithin erkennbar und unvergeßlich macht, wurde hier 
in ungemein schwächlicher Art zur Ausführung gebracht. Die Kirche 
verdient eigentlich nur den Namen einer Kapelle; und da der König 
außer den Materialien nicht mehr als 2000 Thaler zum Bau be 
willigt hatte, so ließ sich natürlich nicht viel leisten.*) Im Munde 
des Volkes hieß sie lange Zeit im Gegensatze zu der Jerusalemer 
kirche die Bethlehemskirche, und dieser Name, der niemals officiell 
geworden, stimmt mit seiner Erinnerung an den heiligen Stall 
ganz vortrefflich zu der ärmlichen Gestalt des bescheidenen Kirchleins. 
In ähnlichen Formen wie dieser Bau, aber doch in etwas 
stattlicheren Dimensionen liegt als Gegenstück ebenfalls in der 
Mauerstraße die Dreifaltigkeitskirche.**) Sie wurde 1736 
bis 39 auf des Königs Kosten nach Naumann's Zeichnung erbaut. 
Auf die Auflage beim Könige, ob sie Wilhelms- oder Friedrichs 
kirche heißen sollte, lehnte er dies Andenken ab und nannte sie 
„zur Dreifaltigkeit". 
So waren also wieder zwei neue Kirchen entstanden, die dem 
Bedürfnisse genügten, ohne irgend welchen Anspruch aus künstlerische 
Bedeutsamkeit zu erheben. Daß unter solchen Umständen Repara 
turen und Umgestaltungen ohne Liebe und Sorgfalt betrieben 
wurden, läßt sich leicht begreifen. Dennoch war die i. I. 1728 
nach Gerlach's Rissen neugebaute Jerusalemerkirche noch immer 
erträglich; der 1730 fertig gewordene Thurm zeigte sich jedoch so 
schlecht gegen das Wetter verwahrt und der Aufsatz erwies sich als 
von so mangelhaftem Holze gezimmert, daß der Thurm schon 1747, 
soweit er nicht massiv war, wieder abgetragen werden mußte, und 
*) Die Höhe der Kirche bis zum Knopf beträgt 116 Fuß. Das In 
nere ist vollständig unentwickelt. 
**) Das Gemäuer ist 62 Fuß hoch, die Kuppel 54, die Laterne mit 
dem Knopf, auf welcher der zur Sonne fliegende Adler angebracht ist, 
64 Fuß, so daß das Gebäude im Ganzen 180 Fuß Höhe hat. Nach dem 
ziemlich klein erscheinenden Adler wird der Bau vom Berliner Volkswitz 
wohl auch „Kuckuckskirche" genannt.
        
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