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Volume 11. Juni 1881, Nr. 37

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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den Schweiß und Puder von der Stirn; der 'junge Herr 
sah durch die Fenster zu den Wolken auf und drückte von 
Zeit zu Zeit seine innere Ungeduld und Unruhe durch krampf 
hafte Bewegungen der Hände und Füße aus. Mademoiselle 
Marie allein wandte ihr freundliches, bewegliches Gesicht nach 
allen Seiten, und endlich hatte sie die Gefälligkeit, ihren Vetter 
511 bitten, ihr ein Glas Wein einzuschenken. 
So laut Alane ihre Bitte auch vorbrachte, Gustav schien 
es nicht zu hören. Lampe ergriff mit größter Artigkeit statt 
seiner die Flasche, und Mademoiselle Marie nickte ihm dafür 
lächelnd Dank. — „Ich glaube wirklich, werther Herr Lampe," 
sagte sie, „daß Sie in vielen Dingen meinem zerstreuten Vetter 
zuvorkommen, der, wie es scheint, noch immer nicht bei uns 
verweilt." 
„Ich beklage mich nicht über diese Zurechtweisung, liebe 
Alane," entgegnete Gustav, „denn in der That, mein Ge 
dächtniß ist nicht in der besten Ordnung." 
„Alan merkt es Ihnen an, mein liebenswürdiger Vetter," 
versetzte sie. „Und tvo ist dies Gedächtniß, wenn man fra 
gen darf?" 
„Es ist in diesem Augenblicke noch immer von einer 
ziemlich seltsamen Geschichte in Anspruch genommen." 
„Eine Gespenstergeschichte?" fragte Mademoiselle Marie- 
„Wenigstens etwas ihr Aehnlichcs," antwortete er. 
„Ich hoffe zu Gott, man hat Ihnen keinen Eid der Ge 
heimhaltung auferlegt," sagte die junge Dame. 
„Das hat man nicht, auch läuft das Ganze ohne Zweifel 
aus Täuschung oder Spaß hinaus." 
„Lassen sie uns den Spaß hören, Vetter Gustav." 
Der junge Mann sah fragend und scharf zu seinem Vater 
hinüber, der diesem Gespräche keinerlei Theilnahme zu schenken 
schien. — „Gestern Abend," begann er dann, „kehrte ich ein 
wenig spät nach Hause aus dem Kreise einiger Freunde zurück. 
ES war finster und kalt; ich ging, fest in meinen Mantel ge 
wickelt, langsam die Straße herauf, manchen Betrachtungen 
hingegeben, als plötzlich eine Gestalt an mir vorüberstrich, die 
in flüsterndem, aber festem Tone sagte: Nünm Dich in Acht, 
Du bist in Gefahr! Ich blickte auf, der Warner war schnell 
fortgegangen. Ich sah in der Dunkelheit nur die Umrisse 
eines menschlichen Wesens vor mir, das den Kragen seines 
Mantels über sein Gesicht geschlagen hatte und einen breitge- 
krempten Hut trug, beinahe wie Herr Lampe." 
„Ich kann betheuern, daß ich niemals nächtlich auf der 
Straße bin," fiel dieser erschrocken ein, „aber diese Aehnlich- 
keit ist merkwürdig." 
„Sie können denken, daß ich neugierig war, obwohl ich 
halb und halb zweifelhaft blieb, ob ich recht gehört hätte. 
Ich verdoppelte meine Schritte, allein mein unbekannter Freund 
wollte sich nicht einholen lasten. Er bog von meinem Wege 
ab in eine Seitengaffe; als ich ihm folgte, wendete er sich 
rechts und links, und da ich sah, er wünschte meine Annähe 
rung nicht, hielt ich es nicht der Mühe werth, ihm weiter zu 
folgen. Ich blieb stehen, kehrte dann gemächlich auf dem 
nächsten Wege um, und befand mich nahe an unserm Hause, 
als es mir schien, die Thür desselben werde geöffnet, und 
irgend Jemand, der davor stand, trete hinein." 
„Mir scheint es," sagte Mademoiselle Marie lachend, 
„daß mein vortrefflicher Vetter sich in sehr fröhlicher Gesell 
schaft befunden haben muß." 
„Hier ins Haus hinein?" rief Herr Lampe zu gleicher 
Zeit. „Es ist unmöglich!" 
„Ich sage nicht, daß ich cs mit Gewißheit behaupte," fuhr 
Gustav fort, „aber ich sprang über den Damm und fand 
allerdings die Thür fest verschlossen. Indem ich öffnete, ent 
stand ein Geräusch ans der Straße. Mehrere Männer näherten 
sich mir in raschem Laufe. Ein Gefühl wirklicher Gefahr 
überkam mich, ich weiß nicht warum, aber ich trat rasch in 
den Flur und warf die Thür ins Schloß, als sie ein paar 
Schritte noch von mir waren." 
„Ein höchst weiser Entschluß, Herr Lampe," sagte Ma 
demoiselle Marie zu ihrem Nachbar. 
„Wohl dem, der Nachtschwärmern stets zeitig aus dem 
Wege geht!" seufzte dieser. 
„Ich hörte, wie sie draußen still standen und halb laut 
sprachen. Er ist uns entwischt, sagte der Eine, wie konnte 
er auch von jener Seite kommen? — Sollen wir klopfen? 
ftagte eine andere Stimme. — Nein, erwiderte ein Dritter, 
morgen ist auch ein Tag, und vielleicht ist es bester, wenn . . . 
Hier entfernten sic sich, und ich hörte nur undeutliche Laute." 
„Ein förmlicher Ueberfall also!" rief die junge Dame. 
„Das ist eine schreckliche Geschichte. Man hat Sie entführen 
wollen, Vetter Gustav." 
Herr Lampe schüttelte bedenklich den Kopf und murmelte 
etwas vor sich hin, das wie Abenteuer, Officiere und heillose 
Gewaltthaten klang. 
„Es kann sein," sagte der junge Mann, „daß ich den 
Faden für das, was man beabsichtigte, wie auch die, ivelche 
mich verfolgten, ziemlich gut kenne; aber wer war der unbe 
kannte, warnende Freund? Und hören Sie weiter- Als ich 
nichts mehr vernahm, suchte ich die Treppe, um nach meinem 
Zimmer zu gelangen. Die Lampe war erloschen, eben als 
ich die Thür geöffnet hatte; ein rothglimmender Punkt ohne 
Licht war allein übrig geblieben, der seinen letzten Funken 
knisternd versprühte. Plötzlich kam es mir vor, als befände 
sich Jemand vor mir auf der Treppe, ich hörte ein leises 
Rauschen, wie von einem schweren, schleppenden Gewände; 
die Stufen knisterten, der Sand knarrte darauf. Ich stand 
still und hörte nichts- Aber der Ton kehrte zurück, sobald 
ich weiter ging, und als ich nun oben stand und den großen 
Gang hinuntersah, an dessen Ende das Fenster in den Hof 
geht, hätte ich schwören mögen, daß irgend ein dunkler Körper 
an den alten Wandschränken hingehe, die dort noch aus der 
Zeit meines Großvaters in den Nischen der Mauer stehen." 
Herr Lampe hatte Messer und Gabel niedergelegt, ein 
Schauer der Geisterwclt kam am hellen Mittage über ihn; 
der alte Herr machte eine unruhige, unwillige Bewegung. — 
„Leise ftagte ich, wer da sei," fuhr Gustav fort, „und als 
ich keine Antwort erhielt, lief ich mit ausgebreiteten Armen 
den Gang hinunter, daß mir Memand entgehen konnte; allein 
ich fand nichts, als leere Lust." 
„Und eben schlug die Geisterstunde," sagte Mademoiselle 
Marie feierlich. 
„In der That, ja," antwortete Gustav. „Die Uhr der 
Nicolaikirche hob aus und schmetterte zwölf dumpfe Schläge 
herab, die alle Gespenster aufwecken mußten." 
„Allgütiger Gott!" sagte Herr Lampe, seine Perrücke 
umspannend, „es ist entsetzlich, ich verliere den Kopf!" — 
Im Augenblick aber ließ er die Hände sinken und starrte be-
	        
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