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Volume 11. Juni 1881, Nr. 37

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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einfachen Hauskleide vor ihin saß. — „Was mich herführt?" 
wiederholte er. „Sie dürfen versichert sein, meine theure 
Mademoiselle, daß nur der Wille des verehrten Prinzipals, 
der mich mit einer Einladung zum heutigen Feste beglückte, 
mir den Muth gegeben hat, also an diesem Orte zu er 
scheinen." 
„Eine Einladung, ein Fest!" rief die junge Dame, „wahr 
haftig, Herr Lampe, ich weiß nicht eine Silbe davon; aber 
halt, warten Sie — ja, so, jetzt verstehe ich, o, vortrefflich! 
Allerdings ein Fest; und mein Herr Vormund sagte Ihnen, 
es würde von so besonderer Art sein, daß Sie in Ihren: 
vollsten Glanze erscheinen müßten?" 
„Ich sollte meinen, daß einige Andeutungen mich berech 
tigen konnten, einige Sorgfalt auf meine arme Person zu 
verwenden, um der Einladung des verehrten Herrn Heinhold 
Ehre zu machen." 
Er ließ einen langen, wohlgefälligen Blick über sich hin 
gleiten, und Mademoiselle Marie schien diesen zu verfolgen, 
denn sie erwiderte nichts; aber um ihre Lippen schwebte ein 
sonderbares Zucken, und ihre Augen füllten sich mit Hohn, 
Stolz, Mitleid, und endlich mit einer unbesiegbaren über 
müthigen Laune, die ein abermaliges heftiges Lachen hervorrief. 
„Ich kann nicht glauben," sagte Lampe verwirrt, „daß 
ich mich geirrt haben sollte!" 
„Gewiß nicht!" rief Mademoiselle Marie, „ich versichere 
Sie, es ist so, und wenn mich nicht Alles täuscht, werden 
Sie als ein beglückter Mann den heutigen Tag segnen." 
„Ich kann sagen," cntgegnete der Buchhalter mit würde 
vollem Ernst, „daß ich noch nie ohne einen innigen Dank für 
den Geber aller Gaben aus diesem Hause gegangen bin." 
„Wen meinen Sie?" fiel das Fräulein ein. „Meinen 
Sie damit den Herrn aller Welten oder den verehrten Prin 
zipal? Aber ich glaube, Beide fallen so sehr in Ihren Ueber 
zeugungen zusammen, daß ihr Cultus unmöglich getrennt 
werden kann." 
„Bitte sehr, Mademoiselle Marie," sagte er lächelnd, „ich 
denke, ein guter Christ zu sein." 
„Ein vortrefflicher Christ, ganz ohne Zweifel," sagte die 
junge Dame, „aber wie steht cs mit dem Glauben?" 
„Was den Glauben betrifft," betheuerte er, „so muß ich 
gestehen, von Herrn Heinhold häufig schon den Vorwurf ge 
hört zu haben, daß ich allzu leichtgläubig sei." 
„Gut, Herr Lampe?" rief Mademoiselle Marie, indem 
sie ihre kleine Hand auf den Aermel des blauen Fracks legte, 
„ich will glauben, daß Sie die Wahrheit sagen." 
„Ich lüge nie," sagte er feierlich. 
„Sie sollen es mir durch den heutigen Tag beweisen," 
fuhr das Fräulein fort. „Ich befehle Ihnen, Alles zu glau 
ben, was sich hellte hier zutragen könnte; und selbst, wenn 
man Sie der Leichtgläubigkeit beschuldigte, sollen Sie, wie 
ein Fels mitten im stürmischen Meere, stehen, ohne Weichen 
imb Wanken." 
„Ich verstehe nicht recht, tvas Sie meinen, theuerste 
Mademoiselle Marie," sagte er. 
„Ich verstehe cs selbst nicht!" rief die Dame heftig 
lachend; „aber versprechen Sie es mir." 
„Alles, was Sie wünschen und befehlen können," cnt 
gegnete er, indem er die Hand aufs Herz legte und eben so 
laut lachte, wie seine scherzhafte Nachbarin. 
In diesem Augenblicke trat Herr Heinhold aus der Neben 
thür herein, und vor feiner ernsten, Ehrfurcht gebietenden 
Nähe verstlnnnlte die Lustigkeit. Der alte Herr hatte etwas 
in seinem Wesen, das seinem vertrauten Buchhalter sogleich 
auffiel, und seit jenem merkwürdigen Abende im Arbeits-Ca- 
biirete sich anhalteird gezeigt hatte. Die eisige Ruhe, welche 
seine Erscheiirung gewöhnlich unrgab, tvar in eine Art Versteine 
rung übergegangen, wie Lampe sich allsdrückte, in ein stieres 
In - sich - versunken - sein, das ganze Stunden andauerte und 
wie Gedankenlosigkeit aussah, bis er der gewöhnlichen klaren 
Regsamkeit von Neuem Platz machte. 
Lampe hatte den verehrteil Priirzipal am gestrigeil Tage 
studirt, wo er ihm gegenüber zwei Stunden lang bildsäulcn- 
artig am Pulte gestandeu llud ihn angestarrt hatte, was 
einen so unheimlichen Schauder in ihm erweckte, daß er zu 
letzt die Feder fallen ließ und einen ungeheuren Tintenklecks 
auf ein eben vollendetes Conto-Finto rnachte. Allein Herr 
Heinhold hatte nichts davon bemerkt, und jetzt war es eben 
dieser todte, nachtwaudelude Blick, mit dem er feinen unter 
würfigen Buchhalter beschaute, als er hereintrat. 
„Ist Er da, Mosje Lampe?" sagte er; „es ist mir lieb. 
Ihn zu sehen. — Marie, ah, da bist Du, mein Kind;" — 
Herr Heinhold strich mit der Hand über seine Augen und 
wendete sich zu seiner hübschen Mündel, wie Einer, der plötz 
lich aus einem Trauine erwachte. — „Wo ist mein Sohir," 
fuhr er fort; „wo ist Gustav?" 
„Ich habe ihn nicht gesehen, lieber Papa," antwortete sic. 
„So laß uns zu Tische gehen," sagte der alte Herr, 
„es ist Zeit." — Er öffnete das große Zimmer, und Herr 
Lampe sah mit Verwunderung, daß der Tisch nur mit den 
nöthigen Geräthen für drei Personen versehen war, — ein 
Beweis, daß Niemand hier erwartet wurde. Mademoiselle 
Marie zog die Klingel, und nach einigen geflüsterten Worten 
brachte die Dienerin ein viertes Gedeck, während Lampe in 
höchster Verlegenheit und Scham seine kostbare Tracht musterte, 
die seltsam gegen diese Alltäglichkeit der Verhältnisse abstach. 
Mt jedem Augenblicke fürchtete er eine Frage des Prinzipals 
über dies ungewöhnliche Acußere; aber Herr Hcinhold hatte 
keine Augen dafür. In größter Stille klapperten die Löffel, 
die Teller wurden gewechselt, die Speisen kamen und ver 
schwanden, und selbst in einigen Pausen, wo Mademoiselle 
Marie ein paar gleichgültige Fragen that, die Herr Lampe 
mit halblauter Stimme beantwortete, blickte der Prinzipal 
vor sich hin, ohne die Unterhaltung zu verbessern. Plötzlich 
aber wandte er den Kopf nach der Thür, als diese sich auf- 
that und sein Sohn eilig eintrat. Er inaß ihn mit einem 
niißbilligcndeil Blicke, ben Gustav wohl verstand. 
„Ich bitte um Verzeihung," sagte er, „wenn ich auf 
inich warten ließ." 
„Wir haben nicht gewartet," entgegnete der Vater. 
Der Sohn setzte sich, und plötzlich sah er mit fragendem 
Erstaunen den Buchhalter an, dem eine brennende Hitze über 
Kopf und Nacken lief. In seiner Angst machte er eine Ver 
beugung und verzerrte sein Gesicht zu einem Grinsen, welches 
von einem so finsteren lind drohenden Blicke des Herrir Hein- 
hold jiui. erwidert wurde, daß es auf der Stelle erstarb. 
Nun trat die alte Stille ein, welche nach und nach unleidlich 
für Alle zu werden schien. — Lampe wischte sich heimlich 
1 mit dem theuren Rockärmel zu seinem eigenen tiefsten Schrecken
	        
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