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Volume 11. Juni 1881, Nr. 37

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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Prinzen und Baronen speisen, statt mit den Herren Heinhold 
seil. und jun., nebst dero holdseligen Unverwandtst: sammt 
Honoratiores achtbarer Börse; denn, aller Spaß bei Seite, 
es dürste nicht leicht ein niederländisches Tuch oder Casimir 
gefunden werden, das diesem gleicht, welches gegenwärtig 
deinen Leib ziert." 
Er strich behaglich über die feinen Gewebe und fuhr 
dann mit eineni leisen Seufzer fort: „Dieser Leib hat aller 
dings seit einiger Zeit in jämmerlicher Weise Schaden gelitten, 
durch böse Buben, die, Gott sei Dank! mich nun seit zwei 
Tagen nicht mehr turbiren, aber es doch mit ihren Rän 
ken dahin gebracht haben, daß Mademoiselle Marie mir gestern 
Abend sagen konnte: Gütiger Himmel, Herr Lampe! was 
fehlt Ihnen? Sie vergehen sichtlich, wie der Mond. Abex 
sie fügte sogleich hinzu: Blaß und mager werden ist inter 
essant. Es ist schön von Ihnen, werther Herr Lampe, daß 
Sie die Mode mitmachen; ich thue es auch. Dabei deutete 
das schelmische Kind auf ihr eigenes, schlankes Figürchen, und 
es kam mir wahrhaftig vor, als sei dies noch reizender und 
appetitlicher geworden." 
Herr Lampe hatte während dieses Selbstgespräches den 
Rockelor umgehangen, den kleinen dreispitzigen Castorhut sorg 
fältig ausgesetzt, das spanische Rohr ergriffen und einige zu 
sammengebundene Papiere in die Tasche gesteckt. Im Augen 
blicke schlug die Marienthurmuhr Eins, und mit jähem Erschrecken 
eilte er der Thür zu. „Sapperment!" sagte er, „da schlägt 
es, ich werde fünf Minuten zu spät kommen und von Herrn 
Hcinhold ganz sicher mit einem seiner bekannten Blicke empfan 
gen werden." — Er sah noch einmal im Zimmer umher, 
nickte gegen den Schrank hin, wie zum Abschiede, zog den 
Stuhl dicht an den Tisch und stopfte die Haare in den Sitz, 
faßte dann an alle seine Taschen und trat auf den Flur hinaus, 
nachdem er nochmals durch den Spalt der Thür zurück ge 
blickt hatte. Als er das Zimmer verschlossen und zweimal 
auf die Klinke gedrückt, ob auch alle Sicherheit beobachtet sei, 
stieg er langsam hinunter und warf einen dankbaren Blick 
zum Himmel, der hell und freundlich heut niederschaute und 
mit frischem Lustzuge die Straßen getrocknet hatte. 
„Es ist ein Glück," sagte er vor sich, „daß man trocke 
nen Fußes in vollster Galla sich fortbewegen kann; ich hätte 
sonst einen Wagen nehmen müffcn, um bei dem Gastmahle zu 
erscheinen, das Herr: Hcinhold mit ganz besonders feierlicher 
Miene mir angezeigt hat. Es wird diese Zusammenkunft für 
unS Alle von hoher Wichtigkeit sein, sagte er, vielleicht ahnet 
er, rvas ich meine, Lampe? — Allerdings, werthester Herr 
Prinzipal. — Aha, wir sind nicht auf den Kopf gefallen! 
Herr Heinhold jun.; Mademoiselle Marie — Vermögensconto 
nicht umsonst zusammengestellt — Lampe, merkst du das? 
Aber es geht Alles durchaus ivild und toll in meinem Ge 
hirn umher, und wenn ich bedenke, was ich weiß, was Alles 
hier vorgegangen in der Zeit weniger Tage — geheime Lieb 
schaften — Aergerniß, verkehrte Welt — Zauberspuk und 
gräuliche Sinnenverblendung — so begreife und ahne ich 
eigentlich wieder gar nichts." — Hier stieß Herr Lampe mit 
der Hand an den großen Messingknopf der Hausthür, und 
diese that sich auf, von dem Hausdiener geöffnet, der mit 
ehrerbietigem Gruße daS stolze Kopfnicken des Buchhalters 
erwiderte und dann heimlich lächelnd ihm nachstarrte, als 
jener hastig die Treppe hinaufstieg. Oben blieb er stehen und 
horchte. „Ich weiß nicht," sagte er, „wer geladen ist, aber 
jedenfalls wird es ein pompöses Fest sein, bei dem die ersten 
Männer der Stadt nicht fehlen dürfen." — Es ließ sich jedoch 
kein Ton vernehmen, der auf die Anwesenheit mehrerer Gäste 
deutete, und dies sonderbare Schweigen erregte in der Brust 
des Buchhalters einige Zweifel und bange Gedanken, man 
möge das Essen schon begonnen haben, bis er endlich mit 
dem Muthe des guten Gewissens den Roquelor auszog, seinen 
Hut in die Hand nahm, klopfte, die Thür öffnete und an der 
Schwelle stehen blieb, als er Niemanden erblickte, als Made 
moiselle Marie, die, in der Nische eines Fensters sitzend, den 
Arm auf das Kiffen stützte und ihr Gesichtchen halb in der 
Hand verbarg. 
Er athmete leichter, denn es war ihm lieber, der Erste, 
als der Letzte zu sein. Leisen Schrittes trat er näher, und 
so sehr war Mademoiselle Marie in Gedanken vertieft, daß 
sie nichts von dem Nahenden vernahm, bis dieser wenige 
Schritte von ihr ein Räuspern hören ließ, das ein plötzliches 
Aufblicken und Erkennen zur Folge hatte. 
Er hatte sich zu einem unterthänigen Diener tief nieder 
gebeugt, aber er wußte nicht, was er denken sollte, als er 
das laute, lustige Gelächter der jungen Dame hörte, welches 
einen empfindlichen Schmerz in seinen: Herzen verursachte. 
„In der That," sagte er, als er wieder gerade stand 
und einige Minuten vergangen waren, in welchen das Lachen 
noch immer nicht aufhörte, „es ist gewiß etwas sehr Lustiges 
und Vergnügliches, was diese Heiterkeit bei Mademoiselle Marie 
erwecken kann! Ich schätze mich glücklich, wenn ich im Staude 
bin, eine solche hervorzurufen; allein ich weiß nicht ..." 
Herr Lauche betrachtete sich nnt einiger Verlegenheit, denn der 
schändliche Zettel fiel ihm plötzlich ein, der ihm auf dem 
Maskenballe angesteckt worden war; aber das übermüthige 
Fräulein ließ ihn nicht ausreden, was er dachte. 
„Sie werden mir verzeihen," begann sie, „ich war in 
so tiefen, und, ich versichere Ihnen, schwermüthigen Gedanken, 
die sich zum guten Theil auch mit Ihnen beschäftigten." 
„Mit mir?" sagte Herr Lampe, „ich kann es kaum 
glauben." 
„Ich schwöre es, mit Ihnen!" fuhr Mademoiselle Marie 
fort. „Sie standen vor meinen inneren Augen in merkwür 
diger Vollendung da, wie ich gewohnt bin. Sie zu sehen; in 
Ihren: grauen, vortrefflichen Röckchen, Schreibfedern hinter 
den fleißigen Ohren, das unübertreffliche Bild eines würdigen 
Kaufiuannes; und wie ich plötzlich den Blick auffchlage, sehe 
ich Sie vor mir, gleich dem ersten Cavalier des Reiches, ge 
schmückt wie zu einem großen Feste, wie ein Bräutigam zur 
Hochzeit. So wunderbar greift dies Alles in mein geheimes 
Denken, daß ich glauben muß, es walte eine zauberische Macht, 
eine Fee oder Hexe hier im Hause, die allerlei Bethörung über 
uns bringt." 
„O!" sagte der Buchhalter leise schaudernd, „cs ist mir 
wirklich auch schon so vorgekommen." 
„Unsere Empfindungen shmpathisircn doch in Allem," 
entgegnete das Fräulein. „Es ist höchst merkwürdig, wie 
Sie zu sagen pflegen, Herr Lampe; aber was in aller Welt 
führt den werthen Herrn heute, zu dieser Stunde, in so aus 
erwählt prächtiger Tracht zu seiner unterthänigen Dienerin?" 
„Was mich herführt?" Er betrachtete jetzt erst Made- 
moisclle Marien und beinerkte mit Bestürzung, daß sie in:
	        
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