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Periodical volume 28. März 1881, Nr. 35

Full text: Der Bär Issue 7.1881

und Feld. Dieser südliche Theil hieß das „Sommerfeld," in 
einigen älteren Nachrichten auch „Semmelfeld." Da diese Gegend, 
ihrer wüsten und unfruchtbaren "Natur nach, nun keinerlei „semmel 
tragenden" Weizenbodcn aufzuweisen hat, so hat man die Er 
klärung dieses Wortes wohl im Slavischen gesucht, wo „Semla" 
Land heißt. Vermuthlich ist hier, wie das sonst ja auch oft vor 
kommt, das Fremdwort gleich mit seiner Uebersetzung verbunden 
worden. 
Auf diesem Semmelfelde hat sich nun, namentlich vor dem 
Gertraudenthore, frühzeitig vorstädtischer Anbau entwickelt. Acker 
bürger legten Gärten und Hütten, bald auch Vorwerke an, und um 
1400 wurde die Gertraudenkapelle mit dem Hospital un 
mittelbar vor dem Teltower Thore (auf dem jetzigen Spittelmarkte) 
angelegt. In dieser Verfassung befand sich die köllnischc Vorstadt, 
als 1415 Kurfürst Friedrich I. von Hohenzollern nach der Belehnung 
von Costnitz seinen Einzug hielt in die künftige Haupt- und Re 
sidenzstadt seines zukunftsreichen Geschlechts. — Im Jahre 1484 
wird auch schon die kleine'Kapelle zu Jerusalem erwähnt, 
welche ein vom heiligen Lande zurückgekehrter Köllner Bürger, der 
den auch damals nicht ungewöhnlichen Namen „Müller" trug, zu 
Ehren der heiligen Jungfrau und der Heiligen Fabian und Se 
bastian gestiftet hatte. Die Kapelle enthielt eine aus Holz ge 
schnitzte Nachbildung des Grabes Christi, und das kleine Heiligthum 
war ein sehr beliebter Wallfahrtsort andächtiger Berliner. 
Im 16. Jahrhundert waren die köllnischen Vorstädte schon 
viel stärker bebaut als die berlinischen. 
Wenden wir unsern Blick nun auf den nördlich der damaligen 
Schönebergerstraße gelegenen Theil der „Mhrica", auf die köll- 
nische Stadthaide. 
Sie reichte unmittelbar bis an die Thore Köllns; ihre Büsche 
und Bäume bedeckten sogar noch einen Theil des Werders; sie 
war ein sehr einladendes Jagdrevier. 
Die Kurfürsten fanden das auch. Seitdem sie ihre Residenz 
von dem hohen Hause in der Klosterstraße nach dem Schlosse zu 
Kölln verlegt hatten, war das Jagdrevier der Jungfernhaide, 
in der sie sich bisher mit Spieß und Falk getummelt, recht un 
bequem zu erreichen; denn da es jenseits der Spree lag, mußte 
man jedesmal durch die Stadt Berlin reiten und das schien um 
ständlich. — Es war natürlich, daß die jagdlustigen Herren ihr 
Augenmerk auf die köllnische Stadthaide richteten. Schon als 
Kurprinz erwarb Joachim ll. einen großen Theil derselben und 
richtete ihn zum Thiergarten ein. 1530 stellten Merten Thurike, 
Thewes Marense, Thomas Lindenberg und andere Bürger der 
Stadt Kölln eine Quittung wegen 125 Gulden aus, die ihnen 
Namens des Kurfürsten für ihre Aecker an der „Kortzenhaide" be 
zahlt worden seien. Diese kurze Haide scheint die Gegend um die 
jetzige Leipzigerstraße gewesen und also an den Thiergarten ange 
stoßen zu sein. 
Bald drangen die kurfürstlichen Besitzungen auch in die Ger 
traudenvorstadt ein. Vor dem Teltow'schen Thore besaß die Familie 
von Spiegel einen Garten, wie es in der Urkunde heißt „nächst 
dem Thiergarten". Diesen kaufte der Kurfürst Johann Georg 
für 800 Gulden und richtete ihn neu und geschmackvoll ein. Das 
Terrain dieses Gartens wird westlich ungefähr von der heutigen 
Jerusalemerstraße, nach der Stadt zu aber von der jetzigen Nieder 
wallstraße und Spittelbrücke begrenzt gewesen sein. 
1598 legte bei jenen Gärten die erste Gemahlin Joachim 
Friedrich's, Katharina, einen Viehhos an. Sie verband gern 
das Nützliche mit dem Angenehmen, und ihr Vorwerk wurde bald 
em Muster sür die Berliner, namentlich durch ihre Milchwirthschaft, 
die den Bürgern, welche sich fast ausschließlich auf die Schweine 
zucht gelegt hatten, geradezu etwas Neues war. 
1604 ward das Vorwerk seiner günstigen Lage wegen, d. h. 
auf Grund seiner unmittelbaren Nachbarschaft mit dem Thiergarten, j 
zum Jägerhofe eingerichtet; das Hauptgebäude desselben lag 
genau auf der Stelle der heutigen königlichen Bank.*) Die Aecker 
aber, die zum Vorwerke gehörten, überließ der Kurfürst seiner 
zweiten Gemahlin Eleonora. 
So hatte sich denn bereits vor dem Gertraudenthore eine 
freundliche Gartenvorstadt entwickelt, als ein einziger gewaltiger 
Schlag auf einmal dem fröhlichen Gedeihen ein Ende machte. 
Der dreißigjährige Krieg goß die Schale des Elends aus über 
das Land, und bei Annäherung des schwedischen Generals Stalhans 
wurden auf Befehl des Statthalters der Mark „sämmtliche köll 
nischen Vorstädte" in Asche gelegt, um die Vertheidigung der in 
neren Stadt zu ermöglichen. Das Vorwerk des Raths, 108 Privat 
häuser sowie die kurfürstlichen Gebäude und Gartenhäuser gingen 
in Flammen auf. Ungerechnet das landesberrliche Besitzthum be 
trug der Schaden die damals hohe Summe von 50,000 Thalern. 
Nichts war gerettet als die Gertraudcnkirche und ein kleiner ver 
schanzter Theil der Vorstadtshäuser auf dem Werder. 
Hier wurde auch zuerst wieder aufgebaut, schon von 1658 an, 
namentlich durch holländische Kolonisten. 
Der Große Kurfürst, bekümmert über das Schicksal der Vor 
städte, aufgewachsen unter den Eindrücken der siegreichen hollän 
dischen Befestigungslünst, beschloß die Fortification Berlins. 
1658 begann der Bau der Festungswerke und wurde trotz 
unendlicher Schwierigkeiten unter Memhard's Leitung durchgeführt. 
Friedrichswerder und Neu-Kölln wurden mit eingeschlossen. Es ist 
das die Festung, deren Graben als „Grüner oder Festungs 
Graben" bekannt ist und vor kurzem zugeschüttet worden ist. 
1674 legte die Kurfürstin Dorothea die Dorotheen st a dt 
zur besseren Nutzung ihres Grundes und Bodens an, und 1678 
begründete der Kurfürst die sogenannte „kleine Friedrichs 
stadt", welche indessen nichts Anderes als derjenige Theil der 
Dorotheenstadt war, der südlich der Straße „Unter den Linden" 
liegt. Der Kurfürst ließ diese neuen Stadttheile mit einem Horn 
werk umgeben, daß sich an die Befestigung des Werders anschloß. 
So tritt denn der Name „Friedrichsstadt" schon unter dem 
Großen Kurfürsten auf, freilich aber sür einen Stadttheil, der 
später gar nicht mehr zur Friedrichsstadt, sondern zur Dorotheen 
stadt gerechnet wurde. Der Fundator der eigentlichen Frie 
drichsstadt ist des Großen Kürfürsten Sohn. 
Kurfürst Friedrich III. trat im Frühjahr 1688 die Regie 
rung an. Dieser oft unterschätzte Fürst war in allen seinen "Nei 
gungen und Absichten, in seinen Fehlern, wie in seinen guten 
Eigenschaften, ein vollendeter Ausdruck derjenigen Richtungen, tvelche 
die herrschenden seiner Tage waren, und das eben ist's, was ihn 
so bedeutungsvoll erscheinen läßt, was seine Regierung trotz großer 
Mängel so fruchtbringend machte und was ihn auch für die Ent 
wicklung Berlins als den ersten und vornehmsten aller Förderer 
und Gönner der Stadt betrachten heißt. Denn tvcnn der die uni 
versellen Verhältnisse des ganzen Landes umfassende Sinn des 
Großen Kurfürsten die geistigen und materiellen Kräfte und Reich 
thümer gleichmäßig über alle Provinzen vertheilte, so war Frie 
drich HI., von dem sein erhabener Enkel gesagt, daß er in allem 
Kleinen groß gewesen, ganz der Mann, die Mittel der Monarchie 
an seinem Hofe, in seiner Hauptstadt zu concentriren; denn damit 
ahmte er nicht nur dem vielbewunderten Louis XIV. nach, sondern 
er ließ auch allen Glanz der versammelten Würden und Schätze 
auf die eigene Person strahlen, und das allerdings war ihm eine 
Hauptsache. 
Größer aber, ja erhaben und ehrwürdig war ein anderes 
Motiv, das ihn bei der Erweiterung seiner Hauptstadt leitete. Im 
*) Als das Jagdzeug nach dem Grunewalde übersiedelte, wurden 
die leerwerdenden Räume für die Zwecke der Hausvoigtei, der Forst- 
; kartenkammer, des Holzcomtoirs u. A. verwendet.
        
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