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Periodical volume 28. März 1881, Nr. 35

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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„Ein kräftiges Mannesalter, in welchem man vielen 
Jünglingen Trotz bieten kann, die ihre Gesundheit in Aus 
schweifungen vergeuden." 
„Dem Herrn sei Dank, gesund bin ich," versetzte der 
Andere, indem er sich stolz erhob und seine Beine betrachtete. 
Herr Heinhold musterte den kleinen Mann vom Kopf bis 
zur Zehe, dann fragte er vertraulich lächelnd: „Ist Ihm denn 
bei seiner vollblütigen Constitution nie der Gedanke einge 
kommen, in den Stand der heiligen Ehe zu treten?" 
Lampe schlug verwirrt die Augen nieder. „Verehrter 
Herr Heinhold," sagte er stotternd, „ein Begehren nach dem 
Weibe — ach ja! es ist wohl keiner, der nicht von Zeit zu 
Zeit ein süßes Gelüst danach empfände — und wenn man 
älter wird — das Alleinsein ist ein trauriges Ding — es 
ist nicht gut, einsam zu wohnen, so spricht die heilige Schriit 
— aber was können verwegene Wünsche frommen, wenn die 
Conjuncturen sagen, cs müsse ein schlechtes Geschäft daraus 
folgen?" 
Der alte Herr warf einen langen Blick auf den ver 
legenen Bekenner seiner Schwächen, dann wendete er sich von 
ihm ab. „Es ist gut für Ihn, daß er so rechtschaffen und 
vernünftig denkt," sagte er. „Gute Nacht, Lampe, gehe Er 
jetzt nach Haus." 
Dieser athmete auf, als er draußen war. — „Was ist 
das für ein Mann!" flüsterte er von Ehrfurcht erfüllt; „was 
ist das für ein Mann! Seine Augen bohren sich bis in die 
Seele hinein; was er denkt, ist unergründlich, und sterben 
will ich auf der Stelle, ivenn ich weiß, was das alles be 
deuten soll." 
Dann fiel ihm die Unbekannte und ihr Verschwinden 
wieder ein, und seine Todesangst kehrte damit zurück. — Daß 
es ein Wesen sei, welches in Luft und Waffer zerfließe, ver 
warf er mit aller Anstrengung, denn er war ein aufgeklärter 
Mann, der häufig schon gesagt hatte, er glaube weder an 
Hexen noch an Gespenster. Aber hineingegangen ins Cabinet 
war sie doch, und wo sie geblieben, war ihm unerklärbar. 
Tausend Räuber- und Spitzbubengeschichten gingen ihm plötz 
lich durch den Kopf. Es konnte auf einen Diebstahl an 
kommen, auf einen Einbruch, und drinnen in dem großen 
Eisenspinde lagen schwere Summen und wichtige Papiere, 
deren Verlust einen ungeheuren Schaden über Herrn Johannes 
Heinhold bringen mußten. Es war klar, Lampe konnte und 
durfte das Comtoir nicht verlassen, bis er die Vermißte ge 
funden und aus dem Hause gebracht. Er zog seinen Rock an 
und wieder aus und wieder an, steckte das brennende Licht 
in seine neue Laterne und pustete es wieder aus, stülpte den 
Hut auf den Kopf und riß ihn wieder herunter; endlich aber 
wußte er in seiner Unruhe und Verzweiflung nirgends mehr 
Rath, und in äußerster Verwirrung aller Sinne war er nahe 
daran, mit der Laterne zu Herrn Heinhold hineinzustürzen und 
eine Haussuchung zu beantragen, als plötzlich von innen ein 
langer, wilder Schrei des Schreckens erschallte, der sein Blut 
erstarren ließ. 
„Gott des Erbarmens!" rief Lampe. „Was ist geschehen?" 
Im Augenblick öffnete sich die Thür, und wie ein 
Schatten flüchtig' und verschtvindend streifte die Unbekannte 
a» ihni hin. Sie sprach kein Wort, aber den Finger legte 
sie auf die Lippen, und ihre unheimlichen, dunkeln Augen 
glühten auf den kleinen Buchhalter. 
„Sie ist fort!" flüsterte er, uitb mit dieser Gewißheit kam 
sein Muth zurück. Er horchte einen Augenblick an der Thür, 
es war Alles still; dann öffnete er diese leise und blieb ent 
setzt auf der Schwelle stehen. In dem Lehnstuhle am Pulte 
saß Herr Heinhold, die Augen weit geöffnet, die Hände fest 
um die Arme des Stuhls gckrampft, als wolle er sich auf 
richten und vermöge es nicht; denn in allen seinen Mienen 
lag ein lähmender Schrecken, eine so leichenhafte Erstarrung, 
als sei alles Leben von ihm gewichen. 
„Gerechter Himmel!" schrie Lampe, „Verehrtester Herr 
Heinhold, was ist Ihnen widerfahren?! Soll ich Hülfe rufen?" 
Mit großer Anstrengung streckte der alte Herr die Hand 
aus und sagte mit dumpfer, bebender Stimme: „Keinen 
Lärm machen, nichts! Es wird vorüber gehen. Dort, das 
Waffer." 
Lampe füllte ein großes Glas und hielt es dem Lei 
denden an den Mund, der, als er getrunken, schwer athmend 
den Kopf in die Stuhllehne drückte. Erst nach einer langen 
Pause, die Lampe dann und wann mit einigen jammernden 
Lauten unterbrach, erholte sich Herr Hcinhold. Seine Glieder 
erhielten die Bewegung zurück, er schien über das Erlebte 
nachzudenken und in Zweifel zu versinken. Scham und 
Zorn rangen in seinen Augen, in welche das Entsetzen von 
Zeit zu Zeit wiederkehrte. — „Es ist unmöglich!" sagte er 
endlich halb vor sich hin, „wer könnte sich unterfangen, sich 
hier einzuschleichen? Aber dennoch; wenn es Betrug wäre, ein 
nichtswürdiger, schändlicher Betrug! oder Täuschung der 
Sinne," fuhr er gelassen fort, indem er die Hand an seine 
Stirn legte. Plötzlich blickte er Lampe streng und fest an, 
und vor seinem durchdringenden Auge entfärbte sich der Sünder. 
„Wer ging aus der Thür des Cabinets?" fragte er. 
„Wer?" sagte dieser, indem er sich umdrehte, denn er 
konnte den alten Herrn nicht ansehen. „Ich tveiß wirklich 
nicht, wer hier hinausgehen könnte, verehrter Herr Heinhold." 
„Er weiß es. Er muß es wiffen!" rief der alte Herr 
heftig. „Er hat es gesehen." 
„Gesehen?" schrie dieser, „gütiger Himmel, mein theurer 
Herr! was soll ich gesehen haben? Wo? Wen? Sie starren 
so tief erschrocken den alten Schrank an, was ist Ihnen 
widerfahren?! Hier ist nirgend ein lebendiges Wesen; doch 
halt, da, was liegt dort?" — Herr Lampe bückte sich müh 
sam zur Erde und nahm ettvas auf, das er verwundert gegen 
das Licht hielt. 
„Es ist merkwürdig!" rief er, „es ist ein Bouquet alter 
Blumen aus Seide und Gold; ein Sträußchen von Rosen 
und Vergißmeinnicht mit silbergewebten Stielen." — Er reichte 
es dem strengen Principal hin und verstummte, denn Herr 
Heinhold zitterte und schwankte, was er nie für möglich ge 
halten hätte. Der Mann, von dem er oft behauptet, kein 
Sturm und kein Schicksal könne ihn beugen, er stand da wie 
ein Schatten, grau und blutlos, ohne Kraft, ohne Wille». 
Plötzlich nahm er die Blumen aus der Hand des Buch 
halters, und indem er sie dem Lichte näher brachte, beugte er 
sich darüber hin, daß sie seine Stirn berührten. Die großen 
dürren Hände des alten Herrn falteten sich über den knisternden 
Goldblüttern zusammen; sein Kopf sank daraus nieder, und zu 
j Lamp es grenzenlosem Schrecken hörte er deutlich ein tiefes 
Schluchzen und Aechzen, das von Niemandem anders her- 
l rühren konnte, als von dein verehrten Principal.
        
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