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Volume 21. Mai 1881, Nr. 34

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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fehlt keines. — Dä wurden alle neugierig und gingen mit den: 
Kaiser und dem Abt in den Stall, und die Schweine grunzten 
furchtbar, und sie zählten sie, und wie er gesagt, es fehlte keines; 
es war aber auch keines, das auch nur noch ein Ohr gehabt. 
Kagelwid hatte alle Ohren abgeschnitten und in der Suppe Ver 
kocht. Da war ein Lachen und eine Lustigkeit, wie man selten ge 
sehen, und die Keller mußten herhalten, und Kagelwid hörte viel 
Lobes und Rühmens» Denn bis dahin hatte man in Deutschland 
nicht gewußt, daß man die Schweinsohren essen kann, sondern sie 
auf den Mist geworfen. Also war Kagelwid ein großer Erfinder. 
Wenn ihn sein Abt hätte schelten mögen, so kam's zu spät, denn der 
Kaiser, der nie in seinem Leben eine so schmackhafte Suppe ge 
gessen, nahm ihn aus dem Kloster und mit sich an seinen Hofhält. 
Und seitdem ist in der Mark Brandenburg die Erbssuppe aufge 
kommen mit Schweineohren, und heißt die Türkensuppe. Man 
schlachtet aber jetzt die Schweine und schneidet ihnen dann erst die 
Ohren ab. Denn was die in Chorin geglaubt, die den Lehninern 
immer neidisch waren und es ihnen zuvor thun wollten, das traf nicht 
zu. Nämlich sie meinten, die Ohren wüchsen nach als wie die Grummet 
auf der Wiese, und man möge des Jahres zwei- oder dreimal sie 
den Schweinen abschneiden, was einen guten Prosit gäbe. Da 
sie die Schweine von den Jtzenplitzens auf der Mast hatten in 
ihren Eichenwäldern, so versuchten sie's, aber die Ohren wuchsen 
nicht wieder, und statt Vortheils hatten sie Schaden und Aerger 
niß, als die Jtzenplitze im Herbst ihre Schweine holten. Da ging's 
den fürwitzigen Brüdern in Chorin fast an die eigenen Ohren, 
und die Leute sagten: Was einem gut steht, das kleidet noch nicht 
den andern. Will's aber nicht verschweigen, was Einige meinen, 
der Kagelwid selbst wär's gewesen, der das einem Choriner ge 
stochen, der hergeschickt worden, um auszuspüren, woher es denn 
käme, daß der Kaiser unserm Lehnin so gewogen. Denn Kagelwid 
war ein Schelm und hatte ein gut Lehninsch Herz. Und kam beim 
Kaiser in große Ehren, weil er sagte, der weiß zu rathen und zu 
treffen, und mußte ihm bei manchem Gericht, was er braute, kochen 
und zuschneiden helfen. Soll ihm auch bei der goldenen Bulle ge 
holfen haben. Denn, sagte der Kaiser, wer es versteht, eine Heerde 
schweren ohne Geschrei und Ohren zu stutzen, und man merkt es 
nicht, der ist einem Fürsten mehr Werth, als einer der Gold macht. 
Und er ging selbst in Seiden und Gold. Als ihn aber ein alter 
Bekannter ftagte: Kagelwid, wie hast Du's angefangen. Du 
wußtest doch nie, wie's am Hofe zuging? Da antwortete er: 
Das kommt daher: den Andern ging ich an die Ohren, 
aber meine hielt ich steif*)." 
*) Der Subprior hat zwar die Geschichte von den Schweineohren 
richtig erzählt, wie sie sich zugetragen und in Lehnin, aber Dietrich 
Kagelwid durch die schelmische Art, wie er seine Geschichte vortrug, 
nicht gewürdigt, wie er es wohl verdient; denn er war ein großer Mann 
seiner Zeit. Sohn eines Tuchmachers aus Stendal, dann Cellarius in 
Lehnin, hatte er das Kastenwesen des Klosters trefflich geordnet, und 
ward ungern von Abt und Mönchen entlasten, als der Kaiser ihn um der 
sinnreichen Erbssuppe an seinen Hof nahm. Von hohem Ingenium und 
einfältigen Sitten, ward er zuerst Bischof in xartibus int., dann Statt 
halter und Schatzmeister des Kaisers in Böhmen, erhielt die Bisthümer 
Schleswig und Minden, die Probstei vom Wisherad, ward darauf Kanzler 
in Böhmen, und endlich Erzbischof von Magdeburg, zum großen Verdruß 
des sächsischen und märkischen Adels, er eines Tuchmachers Sohn! Aber 
bald trugen sie ihn auf Händen, denn solchen Erzbischof hatten die Dom 
herren noch nicht gehabt. Was wirr und kraus war, ordnete er, die 
Schulden wurden bezahlt, die Einkünfte vermehrt, er baute Krankenhäuser, 
den Giebichenstein und die große Brücke über die Saale in Halle, er 
besserte das Schulwesen und — das Leben der Geistlichen, und weihte 
mit großer Pracht — den von ihm vollendeten Dom zu Magdeburg ein. 
So gelobt und geliebt starb kein Bischof in Deutschland, und nur darum 
war Zank, während er lebte, jeder wollte ihn immer bei sich haben, der 
Dom zu Magdeburg und der Kaiser. 
ßin Krühkingsabcnd im Berliner Thiergarten. (Siehe 
Seite 421.) Keine Stadt der Welt hat einen schöneren Park als 
Berlin in seinem Thiergarten. Schön zu allen Jahreszeiten und 
am allerschönsten natürlich im Frühjahr. §>as hübsche Douzette'sche 
Bild, das unsere heutige Nummer bringt, erzählt's allen, die es 
noch nicht wissen sollten. 
Die „Löwenbrücke" ist 1837 gebaut worden, als der 
Garten-Ingenieur und spätere Gartendirektor Lenne auf Befehl 
! Friedrich Wilhelnrs 111. den Thiergarten einer großen Umgestaltung 
j unterzog. Außer den Anlagen in der „Fasanerie" wurden damals 
namentlich die des Neuen Sees und seiner Umgebung geschaffen, 
prächtige Landschaftsbilder, welche auffälliger Weise im großen 
! Publikum wenig gekannt sind. Unter Senne wirkte zuerst der 
Obergärtner, spätere Garteninspektor Klengel und nach dessen Tode 
I 1842 der Garten-Inspektor Köbcr, dem namentlich die gute Aus- 
j führung der genannten Verschönerung zu danken ist. Letzterer 
hatte sich bereits früher bei Anlage des Ruinenberges bei Pots 
dam und des Babelsberger Schloßparks unter Lenne hervorgethan. 
Iahresvericht über den historischen Hierein zu Branden 
burg a. d. K. (VII—XII), herausgegeben im Auftrage des zeiti 
gen Vorstandes vom Gymnasiallehrer R. Grupp (Buchdruckerci 
von I. Wiesike). „Als der historische Verein zu Brandenburg" — 
schreibt der Herausgeber in seiner Vereinschronik — „im Jahre 1868 
in's Leben trat, verschaffte ihm die Neuheit seiner Bestrebungen 
bald eine ansehnliche Mitgliederzahl. In den ersten Jahren blühte 
der Verein und das ging so bis 1874. Von da an minderte sich 
die Theilnahme, und die Mehrzahl der Mitglieder begnügte sich 
mit der Theilnahme an den stets besondere Genüsse bietenden 
Winter- und Sommervergnügungen des Vereins." — „Worin ist 
S nun der Grund für diese Thatsachen zu suchen?" sagt wieder der 
! Herausgeber und versucht dann eine — nicht recht zutreffende — 
Erklärung dafür zu geben. 
Mich hat diese Brandenburger Geschichts-Vereinschronik darum 
besonders interessirt, weil die Geschichte des Vereins von Bran 
denburg auf's Haar den Vereinsgeschichtcn von Potsdam 
und Berlin gleicht. Auch bei diesen ist nach dem ersten Auf 
blühen seit mehreren Jahren schon ein allmähliges Absterben ein 
getreten. Beim Berliner und Potsdamer Verein hat dieser Rück 
gang ersichtlich seit dem Tode Louis Schneiders begonnen, 
schreitet unaufhaltsam weiter vor, und wird zu einem seligen Ende 
dieser Vereine führen, wenn nicht sehr bald reorganisircnde Kräfte 
den Verfall aufhalten. 
Ich kenne die Brandenburger Vereins-Verhältnisse nicht, da 
für aber die Potsdamer und Berliner. Den beiden letzten fehlt 
es an dem richtigen Regisseur und sehr wahrscheinlich leidet der 
Brandenburger an demselben Uebel. 
Es fehlt die rechte Leitung der Vereinsthätigkeit, das Be 
schneiden von recht überflüssigen Ergüssen, die keinen Menschen 
interessiren und V- Zeit aller Vereinssitzungen ausfüllen, und dafür 
das Jnscenesetzcn von alle Welt interessirenden Vorträgen. Stoff 
ist überall*) in Menge vorhanden, auch an guten Bearbeitern 
*) Anmerkung. Der vortreffliche Professor vr. Sachs- hat 
schon dem „Brandenburgischen Geschichtsverein" einmal ein „Ar 
beitsfeld" mitgetheilt, das Stoff für ein Jahrzehnt gäbe. Ob da Belzig, 
Wiesenburg, Ziesar, Plaue, die Rochow-Dörfer, Rekahne, Krahne und 
Golzow und die Domdörfer — und die Beziehungen Aller dieser zu 
Brandenburg — mitgenommen waren, weiß ich nicht. 
Ich suche schon seit langem meinen hochverehrten Freund Fontane 
zur Bearbeitung des reichen Stoffes in Westhavelland und in der 
Zauche zu bestimmen, bis heute noch vergebens. Aber ich bohre 
munter weiter, und erhoffe besseren Erfolg wie die von der Spandauer 
Citadelle. Der Brandenburger Geschichtsverein sollte das nöthige Vor 
material herbeischaffen.
	        
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