Path:
Periodical volume 16. October 1880, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 7.1881

38 
müßte. Ich habe weder bas Talent noch die Obliegenheiten des 
Cardinal? Dossat; aber ebenso viel Eifer, Anhänglichkeit und 
Respect, wie diese Eminenz für ihren Herrn, habeich für Seine 
Durchlaucht den Markgrafen und Euere königliche Hoheit, und in 
diesen Gefühlen werde ich Zeit meines Lebens verharren, 
Madame, 
Eurer königlichen Hoheit 
unterthänigster und gehorsamer Diener 
Stuttgart, den 12. April 1744. Pöllnitz." 
Der folgende Brief ist aus Berlin datirt; Pöllnitz ist von 
dem Könige wieder zu Gnaden angenommen und schreibt der 
Markgräfin, die kurz vorher in Berlin zum Besuch gewesen war, 
die Neuigkeiten vom Berliner Hofe. Die Baireuther Herrschaften 
waren bemüht, ihren Hof durch Hcrbeiziehung fremder geistiger 
Elemente zu beleben. Darauf bezieht sich die Erwähnung eines 
Herrn von Frechapcl, darauf der Passus betreffend das Fräulein 
von Schwerin, die Richte des Feldmarschalls, des Siegers von 
Mollwitz. Die Märkgräfin suchte eine Hof 
dame und hatte ihre Augen auf diese Dame 
geworfen, die eine außergewöhnliche geistige 
Bildung besaß, von aller Welt geschmeichelt und 
bewundert wurde und als „die schöne Schwerin" 
am Hofe eine große Rolle spielte. Die Gräfin 
von Bentinck, die ebenfalls in dem nächsten 
Briefe erwähnt ist, lebte von ihrem Manne 
geschieden in Berlin, aber immer noch im Pro 
cesse mit ihm und galt als esprit fort unter 
der vornehmen Damenlvelt der preußischen 
Hauptstadt. Fräulein von Pannewitz war 
Hofdame der Königin-Mutter und wegen ihres 
zarten Verhältnisses zu dem ältesten Bruder 
des Königs, dem Prinzen August Wilhelm, 
bekannt, auch später unter dem Namen der 
Frau von Voß als Oberhofmcisterin der Königin 
Luise. Mit dem „König der Poeten" ist Vol 
taire gemeint, der damals noch in der Nähe 
des großen Königs lebte, aber schon in alle 
die unangenehmen Geschichten verwickelt war, 
die nach einem fast dreijährigen Aufenthalt am 
Berliner Hofe seinen Sturz herbeiführten. Der 
Großkanzler ist Cocceji, der Verfasser des 
preußischen Gesetzbuches; er hatte zwei Söhne, 
der älteste hatte die berühmte Tänzerin Bar 
barina gchcirathet, der jüngste, Offizier der 
Potsdamer Garde, war wegen seiner tollen 
Streiche und seiner treffenden Antworten bekannt. Die Gräfin 
Camas, geborene von Brand, war Oberhofmeisterin der Königin 
und wegen ihres Geistes, ihrer geselligen und Charaktcrtugcndcn 
von Friedrich II. besonders hoch gehalten. Ebenso war die in 
dein Briefe angeführte Landgräfin Karoline von Hessen-Darmstadt 
eine der geistreichsten und großherzigsten Frauen ihrer Zeit. Ihr 
Gemahl, der spätere Landgraf Ludwig IX., war Preußischer General; 
sein Regiment stand in Prenzlau. 
Dieser zweite Brief nun lautet: 
„Madame. 
Ich würde mir nicht die Freiheit nehmen. Euere königliche 
Hoheit fortwährend mit meinen Briefen zu belästigen, wenn ich 
Sie nicht um Ihre Befehle rücksichtlich des Herrn von Frechapcl 
bitten müßte. 
Euere königliche Hoheit haben mir die Ehre erzeigt und mit 
getheilt, daß Seine Durchlaucht der Markgraf ihn zum Ober- 
intendanten des Schlaffes machen will mit einem Rang und einer 
Besoldung, die vollkommen dieser hohen Stelle entsprechen würden. 
portal der Schloßlnrchc zu Mttenlierg 
seit dem 10. November 1858. 
Sie werden mir erlauben, Ihnen unterthänigst bemerken zu dürfen, 
daß Herr von Frechapcl, der nicht wie ich das großmüthige Herz 
Seiner Durchlaucht kennt, um eingehendere Bestimmungen bittet 
mit dem Wunsche, daß vor seinem Engagement alles in Ordnung 
gebracht würde. Wenn Euere königliche Hoheit mich über die 
wahren Absichten Ihres Herrn Gemahls unterrichten wollten, so 
könnte ich stcier und schneller handeln, dann würde ich heute noch 
an meinen Bruder schreiben, daß er mit Herrn von Frechapcl in 
Unterhandlung tritt mit dem Versprechen, daß er ihm nächstens 
die letzten Befehle Eurer königlichen Hoheit werde zukommen 
lassen. 
Fräulein von Schwerin war sehr lebhaft gerührt, als ich ihr 
von den gütigen Gesinnungen sprach, welche Euere königliche Hoheit 
derselben fortwährend bewahren, und ich wage hinzuzufügen, daß, 
wenn sie ihre eigene Herrin wäre, sic Eurer Hoheit zu Diensten 
stünde, aber sie ist das Goldene Vlies, welches man hier behalten 
will. Ich hatte schon versucht, es zu entführen; aber, weniger 
glücklich als Jason, war ich irregeführt worden. Es war am Tage 
Ihrer Abreise, Madame, wo sie erweicht zu sein 
schien; ich glaubte, daß der Moment günstig 
sei, ich sprach, aber man antwortete mir 
trocken, daß es nicht sein könne; seit diesem 
Tage zürnt man mir in einer Weise, daß man 
gar nicht mehr mit mir spricht. 
Ich bringe Eurer königlichen Hoheit zu 
den Genüssen, welche Ihnen der Carneval be 
reitet, meinen unterthänigsten Glückwunsch. 
Unsere Fcstlichkichkeiten scheinen eben nicht viel 
Freude zu bereiten; es waren viele Fremde 
hier, aber so junge Leute, als ob sie eben der 
Schule entlaufen wären. Unsere Feste endigen 
den nächsten Freitag; Sonnabend gehen wir 
nach Potsdam, um unser Haupt mit Asche zu 
bestreuen, und dann wird alles zerstieben. Der 
Prinz und die Prinzessin von Darmstadt gehen 
nach Prenzlau zurück, und der größte Theil 
der Fremden begiebt sich nach Dresden; sie 
waren durch den berühmten Wormser in 
Schatten gestellt worden; der ist nun endlich 
abgereist für immer, und Thränen und Seufzer 
folgen ihm. Es könnte wohl sein, daß er Ihnen 
seine Aufwartung machte. Eine andere große 
Neuigkeit ist: Fräulein von Pannewitz tauscht 
den Titel einer Hofdame gegen den einer Frau 
von Voß aus. Ihr Bräutigam war früher 
bevollmächtigter Minister in Dresden, wo er 
sein Vermögen angebracht, aber zum Ersatz das gewonnen hat, 
was er bisher hat entbehren müssen. Die Königin hat die Braut 
durch Fräulein von Podewils ersetzen wollen, aber der Vater hat 
seine Einwilligung verweigert unter dem Vorwände, daß seine 
Tochter zu schwacher Natur sei; man sagt jedoch, daß sie im Be 
griff ist, den Grafen von Schulenburg, den Sohn des bei Mollwitz 
gctödtetcn Generals, zu heirathen. 
Euere königliche Hoheit verlangen von mir Nachrichten über 
unsere schönen Geister. Dieselben haben einen Vertrag unter sich 
gemacht und sind gegen den Juden Hirsch zu Felde gezogen, mit 
dem der König der Poeten seit einem Jahre im Proceß liegt. 
Es handelt sich um Diamanten, die zur Verzierung des Ordens 
pour Is merke gekauft worden waren, und um Wechsel, die in 
Zahlung gegeben und dann von dem Aussteller selbst protestirt 
wurden; man spricht von falschen Unterschriften, falschen Schwüren 
und ähnlichen Bagatellen. Ich weiß nicht, wer recht und wer 
unrecht hat, und will nicht entscheiden; gewiß ist, daß diese Ge 
schichte Anlaß zu tausend üblen Gerüchten giebt und daß man den
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.