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Periodical volume 21. Mai 1881, Nr. 34

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Händen des würdigen Papa's entkommen, sammt allen Tarok- 
karten, um hier mit der Manille die Spadille zu stechen!" 
„Was geht hier vor?" fragte der Eintretende erstaunt, 
und im nächsten Augenblicke stand er dicht vor dem Officier, 
der, die Arme auf der Brust gekreuzt, seinen Nebenbuhler mit 
dein beleidigendsten Hohn betrachtete. 
„Mein guter Freund," sagte Reichenau verächtlich, „wendet 
Glich an die Dame Eures Herzens, statt mich so unverschämt 
anzugaffen." 
„Eine Erklärung dieses seltsamen Allftrittes begehrt am 
besten der Mann vom Manne," erwiderte Gustav ruhig. 
„Dann kommt morgerr zu mir!" fuhr der Graf fort, 
„und Ihr sollt haben, was Ihr verdient. Heute mochte ich 
um keinen Preis Euch um den Genuß der Schäferstunde 
bringen." 
„Alice!" rief der junge Mensch empört; „wer ist dieser 
Mensch?" 
Das Fräulein von Briffon faßte seinen Arm, und indem 
sie mit dem Finger auf Reichenau deutete, sagte sie: „Rührei: 
Sie ihn nicht an; wagen Sie nicht, die Hand gegen ihn auf 
zuheben ; erlauben Sie sich um des Himinels willeii keine Be 
leidigungen, denn Sie haben es mit dem Stolz und der 
Blume der Ritterschaft zu thun. Er würde sein Schwert 
nehmen und Sie durchbohren, den Fuß auf Ihren blutciidcn 
Körper setzen, uiid eben so lächeln, wie er es jetzt thut. Mit 
demselbeii Lache» würde er die Richter einpfangen, und diese, 
wie alle die glänzenden Herreii und Damen, würden ihn 
preisen, daß er seine Ehre gegen einen Menschen so tapfer be- 
ivahrte, der die Verwegenheit hatte, sich nicht mit Füßen treten 
zu lassen." 
„Das Alles soll mich nicht abhalten, Rechenschaft für 
Sie zu fordern!" sprach Gustav. 
„So gebiete ich Ihnen, meinetwegen, Ruhe und Be 
herrschung," sagte die Dame. „Will der edle Graf dies 
Zimmer durchaus nicht räumen, so mag er uns Gesellschaft 
leisten; ich werde gern zu seiner weiteren Unterhaltung bei 
tragen." 
„Treiben Sie die Güte nicht zu weit," versetzte Reichenaii, 
indem er aus seiner nachlässigen Stellung sich aufrichtete. „Ich 
habe genug gehört und gesehen und bin von dieser Gesellschaft 
übersättigt. Aus meinem Wege!" sprach er finster, indem er 
einen Blick tödtlichen Haffes ans den jungen Mann warf. 
„Sie aber, mein gnädiges Fräulein de Briffon, Sie haben 
mehr hier zu verantworten, als dieser Mensch da. So fein 
auch Ihre Netze sind, hüten Sie sich, daß sie nicht reißen!" 
Stolz ivendete er sich um und ging rasch hinaus. Drailßen 
raffte er Mantel und Degen zusammen und sprang die Treppe 
hinunter. Er biß die Zähne zusammen, als er einen Blick, 
den letzten, auf die Fenster warf. „Pöbelbrut!" murmelte er 
vor sich hin; „Schmach und Schande über mich, wenn ich 
es euch nicht vergeltet" 
Siebentes Kapitel. 
Am nächsteii Abend saß Herr Lampe in seinem grauen 
Rock und allem, was dazu gehörte, ain Pulte vor Briefen 
und Rechnungen, aber die Feder nihte nachlässig in seiner 
Hand; er wendete sie zürnend hin und her und warf manchen 
ängstlich forschenden Blick nach der Uhr, die noch immer nicht 
voll schlagen wollte. — Mit einem Lächeln betrachtete er sich 
und fein gerettetes Kleid, das richtig spät Abends, sammt dem 
Uebrigen, in seiner Wohnung abgeliefert worden war; dann 
sah er iir derr steinen Comtoir-Spiegel und rückte die Perrücke, 
endlich seufzte er tief auf mrd flüsterte sich zu: „Was ich doch 
für ein Narr bin! das Herz schlägt mir, ivie ein Hammer. 
Wird sie kommen, wird sie nicht kommen? Es ist doch eine 
eigene Sache um so eine Bestellung mit einem holdseligen 
Frauenzimmer." 
Plötzlich aber fuhr er zusammen, denn ganz leise öffnete 
sich die Thür, und die schwarze, hohe Gestalt der unbekannten 
Danre trat railschend hereiii. — „Gott im Himmel!" mur 
melte Lampe, äiigstlich mit beiden Händeii die Feder um- 
spannend, „da ist sie!" 
Die Daine legte den Finger an den Mund, inbent sie 
den Schleier voii ihreur Gesichte schliig uiid dem erstarrten. 
Lampe ihr blasses, schönes Gesicht zeigte, aus dein die großen 
Augen befehlend leuchteten. 
„Ich bin gekommen," sprach sie leise, „um von Ihnen 
zu erfahren, wie die Angelegenheiten dieses Hauses stehen." 
Der Buchhalter sah die Fremde erstaunt an. „Die An 
gelegenheiten unseres Hauses, Madame?" rief er. „O, was 
das anbelangt, so seien Sie unbesorgt. Es ist wunderbar, 
aber ich versichere Ihnen auf Ehre und Gewissen, unser Haus 
steht fester, als irgend eines an: Platze." 
Ein leises Lächeln lief über die Lippen der Unbekannten. 
„Sie verstehen mich nicht," fuhr sie fort; „ich will deutlicher 
sein. Man hat mir gesagt, es sei die Absicht des Herrn 
Heinhold, seinen Sohn zu verheirathen." 
„Allerdings, mit Mademoiselle Marie, man sann es nicht 
leugnen," sagte er. 
„Aber es wird nicht geschehen," sagte die Freinde hastiger. 
„Verlassen Sie sich darailf." 
Lampe starrte die Dame aii. — „Es wird nicht ge 
schehen?" versetzte er. „Es wird allerdings geschehen; denn 
erstens hat Herr Heinhold diese Mariage beschlossen, und 
zweitens ist Herr Heinhold jun., wenn ich so sagen darf, ver 
liebt bis über die Ohren." 
„Woher glauben Sie das?" fragte die Unbekannte. 
Lampe schlug verschämt die Augen nieder und sagte 
dann: „Bittesehr, nichts Böses von mir zu denken, aber Liebe 
macht froh und betrübt nach allen probaten Erfahrungen. 
Herr Gustav hat dies sichtlich vor meinen Augen bestätigt. 
Als Mademoiselle Marie ins Haus kam, war er vor Glück 
und Wonne aus Rand und Band; jetzt ist er traurig, zer 
streut, ein Maiin des Jammers, was sich jedoch Alles geben 
wird, weint er sie als Eheliebste erst heimgeführt, uiid diesein 
steht nichts ini Wege." 
„Meinen Sie?" erwiderte die Dame, spöttisch lächelnd; 
„doch weiter." — Sie richtete einige rasche Fragen an den 
Buchhalter über die Verhältniffe zwischen Vater lind Sohn, 
und wie der heutige Tag vergangen, welche er, so gut er 
konnte, beantwortete. 
„Es ist kein Zweifel," sagte er dann, „daß allerdings 
eine wichtige Speculation die Seele des verehrten Principals 
beschäftigt. Aeußerlich ist er zwar so gelassen, wie es seiner 
Würde und seiner Erfahrung geziemt, aber wer ihn kciint, 
wie ich ihn kenne, sieht an der Art, wie er die Feder faßt 
und den kunstvollen Zug unter seinen Namen verschlingt, wie
        
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