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Volume 6. November 1880, Nr. 6

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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A. Duncker. Als technischer Leiter des Gartens wurde Direktor 
Bodinus, der sich in Cöln einen sehr geachteten Namen als Be 
gründer des dortigen Zoologischen Gartens erworben hatte, ge 
wonnen. 
Von der Gesellschaft mit weitgehenden Vollmachten ausge 
stattet, begann er eine gründliche Umgestaltung des ganzen In 
stituts. Er brachte Licht und Luft in das bisherige sumpfige und 
verwachsene Dickicht des Threrparks und begann nach bestimmtem 
Plane mit dem Bau neuer Winter- und Sommerwohnungen, 
Häuser und Käfige vorzugehen. 
Für das besuchende Publikum wurde der Garten durch eine 
radikale landschastsgärtnerische Umgestaltung, durch Anlage von 
Hügeln und Thälern, freundlichen Seen, vor allem aber durch die 
eines großen Rcstaurationsgebäudcs mit baumbeschatteten Terrassen 
am Fuße seiner vorderen offenen Arkadcngallcrie, burd; eine Pro 
menade vor derselben und eine Orchestcrhalle für Promenadenkon 
zerte anziehend eingerichtet. 
Und Alles wurde mit Erfolg gekrönt. 
Der Zoologische Garten Berlins hörte auf, der Rendezvous- 
platz der stillen Menschen zu sein, welche sich in der Einsamkeit 
am wohlsten fühlten. Ganz Berlin wurde plötzlich von einer 
leidenschaftlichen Vorliebe für den schönen Garten erfaßt und zu 
mal die Promenadenkonzerte zogen die schöne Welt der Hauptstadt 
vollzählig herbei. 
Schon in der Mitte der siebziger Jahre war der Berliner 
Zoologische Garten so weit gediehen, daß er nach dem Urtheil von 
Kennern alle ähnlichen Gärten Europa's überflügelt hatte. 
Wir werden nach und nach einzelne besonders interessante 
Punkte illustriren und dabei noch näher auf die Umgestaltung der 
letzten zwölf Jahre eingehen. — 
Goethe und Schiller in Berlin. 
Von Karl Nklunann-8tretL. 
In Treuenbrietzen, vor hundert Jahren kaum mehr als ein 
Flecken, ein „Nest", trafen der Herzog Karl August von Weimar 
und Legationsrath Goethe an einem Abend ein. Ueber Leipzig 
und Dessau kommend, wollten sie nach Potsdam und Berlin. In 
Treuenbrietzen wurde die Nacht verbracht, und als sie nach vier 
stündiger Fahrt die Residenz an der Havel erreichten, stand der 
fünfzehnte Mai im Kalender. 
Der Herzog, noch ein Jüngling an Jahren und Gestalt, und 
Goethe, acht Sommer älter, mit leuchtender Stirn und braunen 
Augen, wie Kraus ihn gemalt, sahen sich zunächst den Exerzierstall 
und das Waisenhaus an. Vielleicht jenes Mädchenwaisenhaus, das 
König Friedrich nebst Kaserne und anderen Gebäuden auf einem 
Platze errichten ließ, den man durch Erweiterung der Stadtmauer 
an dieser Stelle gewann. Dann begaben stch die Freunde nach 
Sanssouci. „Kastellan ein Flegel", schrieb Goethe in sein Tage 
buch. Zwischen „Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und 
zerrissenen Vorhängen" sah er den „großen Menschen", den 
„alten Fritz". Es war die Zeit des bayerischen Erbfolgekriegcs, 
des Zwctschkenrumincls oder Kartoffelkrieges, wie er im Volksinunde 
heißt. Die Preußen standen in Böhmen; der König, von den Be 
schwerden des Alters heimgesucht, hatte Berlin im April verlaffen. 
Der nächste Monat fand ihn wieder auf Sanssouci; im Juli rückte 
er bei Nachod in Böhmen ein. 
Der erste Aufenthalt in Potsdam war nur kurz. Noch an 
demselben Tage, durch den mit Linden, Pappeln und Weidenbäumen 
bepflanzten Weg wurde die Residenz an der Spree erreicht. In 
treffender Weise und ganz im Tone jener Zeit hat Karl Riebe 
Berlin unter dem alten Fritz geschildert. Mit der Sorgfalt eines 
Malers sind in dem Büchlein die Straßen und Plätze, die Häuser 
und Paläste geschildert, wie Goethe sie sah. Den Dichter des 
„Götz" zog es ins Theater. In der Behrenstraße war der 
Musentcmpcl errichtet, in dem Döbbelin das Scepter schwang. 
Schon hatte das Spiel eines Brockmann und die Aufführung 
besserer Stücke die Rohheit etwas von der Bühne verdrängt; die 
ärgsten Zoten, wie sie in den Farcen „Der kurios verliebte Stall 
meister zu Fuße", „Der unglückliche Lcderhändler von Salzburg" 
und „Die übertriebene Marquise von Kuttelfleck" zum Ausdruck 
kamen, waren fast ganz zu den Todten geworfen. Goethe sah eine 
Komödie „Die Nebenbuhler", über deren Eindruck er nichts bc- 
merkte. 
Der Bibliothek gegenüber, die damals noch nicht ganz voll 
endet, war das Opernhaus mit einer Freitreppe geschmückt. 
Bon diesen Stufen blickte der Dichter über den sandigen Platz. 
Ihm wurde die katholische Kirche gezeigt, die der Bischof von Er- 
meland fünf Jahre früher den Gläubigen übergab; auch nach der 
Porzellanfabrik, im Dorville'schen Hause in der Leipziger Straße 
vom Kaufmann Gotzkowsky errichtet, lenkte er den Schritt. Eine 
Predigt von Spalding in der Nikolaikirche ließ er sich nicht ent 
gehen; es ist kein Zweifel, daß der Vortrag dieses Mannes, der 
bei aufgeklärtem Geiste ein für Menschenliebe und Tugend erwärm 
tes Herz besaß, ganz in seinem Sinne war. 
Sein Tagebuch enthält die Bemerkung, daß er beim Prinzen 
Heinrich gespeist. Das Palais desselben, die jetzige Universität, 
war weit und breit durch seine Pracht berühmt. Die Marmor 
säle, die Tapeten von rothem Sammet und blauem Atlas, die 
Gemälde von Guglielmi und Vanloo, die Kupferstiche, das Por 
zellan und die Broncefiguren erregten die höchste Betvunderung. 
Bis an den Festungsgraben erstreckte stch der Garten des Palais. 
Nach der Tafel begab sich Gothe in den Thiergarten, wo die 
Damen und Herren sich um das Venusbassin, den Goldfischteich, 
auf dem Floraplatz und in den Alleen ergingen. „Abends zu 
Hause", hat er notirt. Da schrieb er ein Briefchen nach Weimar 
an Frau von Stein. Am nächsten Tage besuchte er die Dichterin 
Anna Luise Karschin, die in der Nähe des Haack'schen Mark 
tes wohnte. Auch bei dem Maler und Kupferstecher Chodowiecki 
sprach er ein, dessen Haus sich in der Großen Frankfurter 
Straße 57 befand. 
Er war auch noch bei ihm, bevor er am zwanzigsten Mai in 
den Wagen stieg, um mit dem Herzog über Schönhausen nach 
Tegel zu fahren. Noch lebte der Major und Kammerherr 
Alexander Georg von Humboldt, der an der Seite seiner Ge 
mahlin Elisabeth die Gäste vermuthlich empfing. Die Söhne 
Wilhelm und Alexander, mit denen der Fürst und der Dichter- 
später die innigste Freundschaft schlossen, waren damals noch klein 
und standen unter Aufficht des Magisters Kunth. In Tegel 
wurde zu Mittag gespeist; dann ging die Fahrt über Charlotten 
burg und Zehlendorf wieder nach Potsdam. Diesmal 
wurden die Schlösser und Häuser genauer betrachtet. Goethe war 
in der Garnisonkirche und in der Gewchrfabrik; er sah die Sol 
daten auf der Parade, die Gemälde im Schlosse und den Garten 
von Sanssouci. Ueber ihm rauschten die Tannen, Kastanien, 
Linden, Buchen, Ebereschen und Pappeln; die Pfirsiche, Aprikosen, 
Pflaumen, Niisse und Blumen erfreuten ihn. „Wir waren nur 
wenige Tage da, und ich guckte nur drein wie das Kind in 
Schön-Naritätenkasten", schrieb er an Merck in Darmstadt. Tau 
send Lichter seien ihm aufgegangen, fügte er vor der Abfahrt 
über Wittenberg hinzu. Dennoch war der Eindruck, den ihm die 
j Reise hinterließ, nicht sonderlich. Am Ufer der Spree und Havel 
l „lernte er das Treiben dieser Welt verachten". Noch in späteren 
Jahren, bemerkte Varnhagen, mochte er an die Berliner und Pots 
damer Tage nur ungern erinnert sein. 
Unter den Bäumen von Sanssouci schritt auch Schiller 
; dahin. Wieder war es im Mai, doch ein viertel Jahrhundert
	        
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