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Periodical volume 7. Mai 1881, Nr. 32

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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älter, um so mehr, als die Zier des Alters, das Weiße Haupt- 
und Barthaar, sich bei ihm schon frühzeitig eingefunden hatte, und 
er in einer langen Lehrthätigkeit, seit 1846 als ordentlicher Lehrer 
der Gewerbeakademie, selbst die ältere Generation der meisten, in 
Preußen thätigen Bautechniker und Ingenieure, oft sogar als 
gleichalterige Schüler, gebildet hatte. 
Die Hinneigung zu den technischen Fächern ist ein traditioneller 
Zug in der Familie Wiebe, von welcher zahlreiche Mitglieder 
nicht nur zur Zeit in den höchsten Stellungen der Staatsbau 
verwaltung vertreten sind, sondern auch in früheren Zeiten als 
Ingenieure berühmt waren. Somit scheint die große Veranlagung 
des Verstorbenen für concretes Denken, für Mathematik und deren 
Anwendung in den Naturwissenschaften, wie in der praktischen 
Maschinenkunde, fast wie ein Familienerbe, welches er jedoch noch 
in einem besonderen und höheren Sinne vermehrte und cultivirte, 
so daß er namentlich in der Verbindung aller Zweige philosophi 
scher Spekulation und in der Betonung des ethischen Zusammen 
hanges derselben zu einem so eminent hervorragenden Lehrer der 
die technischen Fächer studirenden Jugend geworden ist. Sein 
Prinzip konnte es daher nicht sein, die Maschinen-Baukunde, sein 
spezielles Feld, als das isolirte Stück eines sich ergänzenden Lehr 
planes zu tractiren, sondern die große Harmonie des Schöpfungs 
gedankens, die göttliche Weisheit des Weltenbaues mit allen seinen 
bewegenden Kräften zu verfolgen, und die Analogie bis zum kleinsten 
Maschinentheil eines, practischen Zwecken dienenden Organismus 
herzuleiten, um schließlich die höchste Zweckdienlichkeit mit der 
größten Einfachheit, dem Ebenmaß und der Schönheit zu verbin 
den. Diese Vorzüge werden eine um so höhere Würdigung ver 
dienen, wenn man den Stand der Maschinentechnik ebensowohl, 
als auch der Maschiitenkunde, zur Zeit der Studienjahre Wiebes 
betrachtet, welcher im Jahre 1839 das von Beuth nur unlängst 
vorher gegründete Gewerbeinstitut in Berlin bezog. Wohl haben 
die vielfachen Biographen Borsigs, welcher, auch mit Recht, als 
Hauptbegründer des in Berlin jetzt Hunderttausende ernährenden 
Maschinenbaues gilt, die Bedeutung dieser Branche für die Hebung 
unserer Stadt betont, um sie aus einer kleinen Residenz und stillen 
Beamtenwelt zur Jnduswie- und Gewerbekönigin heranzubilden: 
aber neben dem practischen und werkthätigen Fabrikanten, welcher 
bekanntlich auch erst im Jahre 1837 seine Maschinenbauanstalt vor 
dem Oranienburger Thore eröffnete, hat an dieser großen Leistung 
auch der Lehrer seinen Antheil, deffen unablässiges Streben darauf 
gerichtet war, die Theorie des Maschinenbaues auszubilden und 
die Anschauungen immer mehr zu klären und zu vereinfachen. 
In diesem Wirken des Verstorbenen liegen vornehmlich die 
Beziehungen begründet, woher Berlin durch eine Deputation von 
Stadträthen, durch das Leichengefolge einer großen Reihe der 
hervorragendsten Männer unserer Stadt, und vielfacher Corpora- 
tionen, abgesehen von dem Aufzug der studirenden Jugend, bei 
seiner Beerdigung das Andenken Wiebes ehrte, weil er mitzu 
rechnen ist unter die Zahl der Geistes-Heroen, welche in einer so 
kurzen Spanne von Entwickelungsjahren die exakten Disciplinen 
in Theorie und Anwendung zu einer unvergleichlichen Blüthe 
brachten. 
Allerdings hatte auch die Anerkennung der Staatsverwaltung 
dein Lebenden nicht gefehlt: derselbe war 1853 zum Professor er 
nannt worden, 1877 wurde er nach dem Tode des Architecten 
Robert Lucae, des Directors der damaligen, von der Gewerbe 
akademie noch getrennten Bauakademie Nachfolger im Direktorium 
und Geheimer Regierungsrath. Endlich nach erfolgter Verbindung 
der beiden Anstalten zu einer einzigen technischen Hochschule traf 
ihn 1878 zuerst die staatlicherseits zu ertheilende Ernennung zum 
Rektor dieser Anstalt, dann nach der dem Lehrerkollegio ertheilten 
Constitution, in einer zweimaligen Wiederholung die von dem Ver 
trauen seiner College» getragene Wahl zu derselben Stellung, in 
welcher er bis zu seinem Tode die schwierige Ausgabe der Ver 
schmelzung der beiden früher getrennten Hauptgruppen durchzu 
führen suchte, was um so mißlicher erschien, als dieselben auch 
noch nicht räumlich vereinigt werden konnten. 
Aber auch noch außer dieser bedeutenden Inanspruchnahme 
fand Wiebe Zeit und Gelegenheit, sich den mannigfachsten anderen 
Beziehungen zu widmen. In früheren Jahren als ein hervor 
ragend thätiges Mitglied des Freimaurerbundes, war er überall 
an der Spitze, wo es galt, humanistischen Zwecken zu dienen, 
oder schädlichen Gesellschafts - Vorurtheilen entgegenzutreten. So 
lange seine Gesundheit noch kräftiger war, hielt er es für seine 
Pflicht, der Berliner Stadtverwaltung in der uneigennützigen 
Uebernahme von Vertrauensämtern sich zur Verfügung zn stellen 
und manche Härte der Steuereinschätzung, manche Thräne ver 
schämter Armuth hat er in diesen Stellungen lindern können. 
Das Vereinsleben Berlins, namentlich in den verschiedenen 
Verzweigungen der technischen Kreise, fand in Wiebe ein thätiges 
Mitglied; der Architektenvcrein, der Verein für Eiscnbahnkunde, 
die geographische Gesellschaft, der elektrotechnische Verein und andere 
zählten ihn zu ihrem Genossen. Endlich war eine ganze Reihe 
staatlicherseits zu vertheilender Ehrenämter ihm übertragen: Er 
gehörte der hohen Körperschaft der deutschen Akademie des Bau 
wesens an, und war Mitglied der technischen Oberprüfungs- 
kommission. Ueberall war sein klarer Blick, sowie sein ehrliches 
und wohlwollendes Wesen geschätzt, seine Milde, welche nur einen 
Gegner kannte, die Lüge und die Jmpictät. 
In diesem Gefühle war es dem Verstorbenen als eine be 
sondere Herzensbefriediguug noch bei der jüngst verfloffenen Feier 
des Schinkeljubiläums, am 13. März d. I. beschieden gewesen, 
als der Vertreter der feiernden Hochschule die Verdienste dieses großen 
Architekten, des Künstlers und Denkers ehren zu können und zu 
gleich Schinkels Freunde den Tribut der Dankbarkeit darzubringen, 
dem Reformator des preußischen Kunstgewerbes und der Großin 
dustrie, dem verewigten Beuth. 
Wenn wir uns vorstellen, daß alle diese Vorkämpfer der heutigen 
Größe deutscher Arbeit und ihrer Werthschätzung aus dem Welt 
markt, daß Alle, die unsere Industrie in dem letzten halben Jahr 
hundert von der Kindesentwickelung zur Manneskraft erzogen 
haben, in einem Walhall vereinigt seien, so wird auch Wiebe, 
dem unvergeßlichen Lehrer der Maschinenbaukunde, darin ein Plätzchen 
beschieden sein. W. P. T. 
Oie kronprilylichen Inlagen beim neuen Palais im 
parke vsn Sanssouci. 
Von finnridi IDngmcr. 
(Hierzu die Bilder S. 390 und 395.) 
Seit den Tagen des Kurfürsten Joachim 1. haben die Re 
genten aus dem Hause der Hohenzollern mit besonderer Vorliebe 
Potsdam und seine von der Natur so reich begünstigte Umgebung 
durch ihre Verschönerungen in Bauten und Gartenanlagen bevor 
zugt und bedacht. Jeder Monarch aus der Reihe dieser Fürsten 
hat mitgearbeitet und hinzugefügt zu diesem Juwel landschaftlicher 
Schöne, was die Besten aus dem Kreise der Baumeister und 
Gärtner ihrer Zeit erdachten und schufen, und man vermag den 
Lieblingsplatz schöpferischen Wirkens eines jeden der Regenten in 
den Gesammtanlagen wieder zu finden. 
Richteten die Vorgänger des großen Kurfürsten ihr Augenmerk 
namentlich aus Stadt und Burg Potsdam und auf die ausgedehnten 
wildreichen Forsten, so suchte Friedrich Wilhelm der Große schon die 
ganze Insel Potsdam zu jenem landschaftlichen Garten umzuwandeln, 
der als Ideal Friedrich Wilhelm IV. vorschwebte. Die Anlagen 
des Siegers von Fehrbellin, nach den Tagen des dreißigjährigen
        
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