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Volume 7. Mai 1881, Nr. 32

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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der einige Minuten still auf der Stelle stand, wo er sich befand, 
dann aber mit Heftigkeit die Hände zusammenballte und leise 
Worte vor sich hin murmelte. „Unerträglich!" rief er end 
lich lauter. „Es giebt eine Grenze des Gehorsams, die kein 
Mensch überschreiten darf, ohne sein heiligstes Recht zu ver 
nichten. Ich will nicht gehorchen! ich kann nicht, und müßte 
ich Alles meiden und missen; ich kann nicht! O Alice!" 
Er hörte die Thür leise knarren und das Rauschen eines 
Gewandes. Ein unwillkürlicher Schrecken übergoß sein Gesicht 
mit Rothe; eine leise Hand berührte seine Schulter; als er 
sich umwandte, sah er in Mademoiselle Marie's klare, freund 
liche Augen. 
„Pst!" sagte sic, „seien Sie still, Gustav. Der arme, 
kleine Lampe schläft nach manchen Qualen den sanften Schlaf 
der Gerechten. Der Papa aber dürfte noch nicht so weit sein, 
und was ich Ihnen sagen will, soll er und Keiner stören. 
Sehen Sic mich an, Vetter," fuhr sie lächelnd fort. „Ich 
verlange kein Urtheil eines Paris von Ihnen, doch hart ist 
es immer, das müssen Sie bekennen." 
Sic sah so spottlustig und übermüthig aus, daß er mit 
schlecht verhehltem Mißmuth sich halb von ihr zum Fenster 
wandte und mit leiser, abweisender Stimme sagte: „Lasten 
Sie mich, liebe Marie, Sic wissen nicht, was mich mit Trailer 
und Schinerz erfüllt." 
„Rein, mein schöner Herr," versetzte sie, „dem Himmel 
sei Daiik! ich weiß nichts und doch genug, um nicht mehr 
wisscii zu wollen. Rur ein einzig kleines Wort zu Ihrer Be 
ruhigung. Ich gefalle Ihnen nicht? Sic antworten keine 
Silbe. Sagen Sie Nein! und legen Sic die Hand auf mein 
Herz, ob es stärker klopft." 
„Sie haben das unglückliche Gespräch also gehört, das 
hier geführt wurde?" fragte er, indem er ihre Hand ergriff. 
„Ein Bruchstück vielleicht, und gegen meinen Willen, 
weil Sie zu laut wurden. Aber nein, Vetter Gustav, ich 
will nicht lügen und heucheln, ich weiß mehr." — Sic zog 
aus dein Corset den kleinen Brief, welchen sie Lampe gestern 
Abend abgenommen, und hielt ihn dem Erschreckenden hin. 
„Hier ist ein Brief, der in meine Hände gerieth." 
„Sie haben ihn gelesen?" fragte er, hastig ihn an 
nehmend. 
„Was muthen Sie mir zu? welches Recht habe ich an 
Ihren Geheimnissen, Vetter Gustav? Meine Neugier weiß ich 
zu zähmen; wollen Sie jedoch aufrichtig sein, so werden tausend 
irrige Vermuthungen ihr bestimmtes Ziel finden." 
Der junge Mann senkte den Kopf, und die Arme über 
seine Brust gekreuzt, schien er einen Augenblick zu überlegen. 
„Sie haben Recht," sagte er dann, „was auch geschehen mag. 
Sie sollen Alles wissen. Nehmen Sie, lesen Sie, es kann 
nichts darin sein, was schlimmer wäre, als was ich Ihnen 
zu sagen habe." — Hastig brach er das Siegel des Briefes 
auf und hielt ihn Mademoiselle Marie hin, die ihn gelassen 
nahm und mit halblauter Summe las: „Jetzt erst kann ich 
Ihnen genau sagen, mein theurer Gustav, wie ich erscheinen 
werde. Ich tanze in der Quadrille des Hofes. Mein Herz 
sagt mir. Sie würden mich unter Allen finden, auch wenn 
ich nicht die Perlenschnüre trüge, welche Sie kennen- Ich 
habe den Anzug einer Columbine in Bereitschaft; Sie werden, 
wie wir verabredet, dazu passend erscheinen. Erwarten Sie 
mich an der vorder» Eingangsthür. Welche Sehnsucht bewegt 
und beängstigt mich! Doch welch Entzücken überflügelt alle 
Furchtsamkeit, die mich beschleichen will! Tausend, tausend 
Küste! — Alice." 
Die junge Dame ließ den Brief sinken und zeigte schel 
misch ihre blitzenden Zahnreihen. — „So steht es also mit 
Ihrem Herzen, mein, armer Vetter," sagte sic tröstend. „Ums 
Himmel willen, daß der Papa nichts erfährt!" 
„Er weiß Alles," erwiderte Gustav. „Irgend ein Ver- 
rüther hat ihm die genauesten Nachrichten gegeben. Er über 
raschte mich." 
„Er war auf dem Maskenbälle!" rief Mademoiselle 
Marie heftig lachend. „Darum also der Lärm und die Unruhe 
im Hause während der Nacht! Es muß ein köstliches Er 
kennen gewesen sein! Was aber nun beginnen?" 
„Ich weiß es nicht," versetzte er finster vor sich hin- 
blickend. Plötzlich röthetc sich sein Gesicht, und mit einer 
Regung der Scham und Verlegenheit, die in ein Lächeln sich 
zusammendrängte, sagte er: „Nichts kann sonderbarer sein, 
als meine Geständnisse in Ihr Ohr. Sic wissen Alles, Marie, 
Sic Nüssen, daß ich liebe. Sie wissen auch, welche Absichten 
mein Vater hegt; können Sie mir verzeihen, daß mein unge 
horsames Herz einem solchen Glücke sich nicht fügen will, 
weil es . . ." 
„Still, still, mein verliebter Vetter!" rief Mademoiselle 
Marie, mit dem Finger drohend, „kein Wort mehr, denn ich 
habe nichts zu verzeihen. Ich weiß allerdings," fuhr sie mit 
gesenkten Augen fort, „welche Absichten mein Herr Vormund 
und gütiger Verwandter mit mir hatte, allein beruhigen Sie 
sich und nehmen Sie die Versicherung, daß ich von Herzen 
gratulire." 
„Sie sollten keinen Spott mit mir treiben in dieser 
Stunde," sagte er leise seufzend. 
„Wenn ich nie in meinem Leben ernsthaft war, so bin 
ich es jetzt," versetzte sie. „Muth, Vetter Gustav, ich lobe, 
ich preise Ihre Kühnheit. Sic lieben! Vertheidigen Sic diese 
Liebe gegen eine ganze Welt. Dulden Sic es nicht, daß 
nüchterne Verständigkeit, Vorurtheile, die bevormundende Weis 
heit der klugen Rechenkunst des Alters einen schwarzen Strich 
durch Ihr glänzendes, schönes Luftschloß ziehen. Was aber 
mich betrifft, mein schöner Herr, so fordern Ehrbarkeit und 
Achtung vor dem Willen meines Vormundes, wenigstens vor 
läufig neutral zu bleiben. Unsere Stellung ist die, Vetter 
Gustav: Sie eröffneten dem Papa, daß Hand und Herz meiner 
armen Person Ihnen durchaus verwerflich erschienen, und 
hiefür nehmen Sie meinen aufrichtigsten Dank. Wer unter 
fängt sich, mich wie eine Waare zu verhandeln? und obenein 
an einen Käufer, der — mit Gunst, mein Vetter — nie etwas 
davon verstanden hat! Eine zornige Empörung ergreift mich. 
Sie haben Recht gethan, Gustav; wir paßten durchaus in 
keiner Sache zusammen. Niemand konnte das besser wissen, 
als wir, und so lasten Sie uns in Frieden und Freundschaft 
unseren Lebensweg wandeln, erlöst von Beängstigungen, die, 
heimlich empfunden, um so schmerzlicher waren." 
Sie reichte ihm die Hand und stolz und freudig richtete 
sich die schlanke Gestalt vor ihm auf. Ihre schimmernden, 
trotzigen Augen strahlten eine unmuthige Regung aus, welche 
von dem Lächeln, das ihren Mund umschwebte, aufgehoben wurde. 
„Friede und Freundschaft zwischen uns, das ist es, was 
ich sehnlich wünsche," rief Gustav mit Wärme.
	        
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