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Periodical volume 7. Mai 1881, Nr. 32

Full text: Der Bär Issue 7.1881

<> Die Jllustrirte Berliner Wochenschrift „Der Bär" erscheint wöchentlich regelmäßig am Sonnabend, kostet vierteljährlich l] 
VII. Iayrgansi. >> 2 Mark und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitungsspeditionen und Postämter, sowie durch die Expedition, Berlin W., Lützowstraße 7, . 
<1 zu beziehen. — Literarische Beiträge sind an die Redaction der Jllustrirten Berliner Wochenschrift „Der Bär", Berlin W., >> DCU 7. 9JuU 
Nr. 32. 
Lützowstraße 7, zu senden. — Inserate, pro 3gesp. Nonpareillezeile 40 Pfg., werden von allen Annoncenexpeditionen sowie 
)>von der Verlags-Buchhandlung entgegengenommen. 
1881. 
Äus einem alten Berliner Gaufmannshause. 
Eine Geschichte vom Anfang unseres Jahrhunderts von K. £. ßl. 
Als die Stühle gerückt waren, wischte sich der Buchhalter 
den Angstschweiß von der Stirn und fühlte nach seinem 
brennenden Kopfe, der heftig schmerzte. Er wäre am liebsten 
in aller Stille auf- und davongegangen; aber das Maß seiner 
Leiden war noch nicht gefüllt. 
Die feststehende Sitte des 
Hauses gebot ihm, jetzt ein 
Stündchen derSelbstbeirachtnng 
ztl widmen oder, wie er es 
für gut erachtete, ztl plaudern, 
ain Feilster zu sitzeil oder in der 
Ecke eines Sophas die Augen 
zuzudrücken, während der ge 
strenge Herr Principal sich eben- 
falls feinem Nachmittagsschlum 
mer überließ, dann aber mit 
denr Wiederallferstandenen eine 
Taffe Mocca zu schlürfen und, 
unter den blaueil Riilgeln des 
feilten holländischen Cailasters 
auf- und abwandelnd, lehr 
reiche Gespräche zu führen, bis 
er mit dem fünften Glocken- 
schlage sich empfehleil konnte. 
Herr Lampe hatte dies 
stets für eilte hohe Ehre urld 
Allszeichnllilg gehalten, da Nie 
mand sonst im Comtoir sie mit 
ihm theilte; diesmal würde er 
jedoch nnt Frelldeil selbst ein 
Geldopfer gebracht haben, wenn ein Stellvertreter damit er 
kauft lverden konnte. Seine Unruhe zll vermehren, wollte der 
alte Herr sich auch heute gar nicht entfernen. Er ließ beit 
chinesischen Kasten holen, worin der Canaster unter einem 
Bleideckel lag, sammt lleuen Thonpfeifen mit begonnenen 
Posen, und während dies Alles auf ben Tisch gestellt wurde, ! 
(Fortsetzung.) 
ging er selbst, die Hände auf dem Rücken, ivie es seine Art 
war, auf und nieder, nur von Zeit zu Zeit einen Blick unter 
seinen weißen, buschigen Augenbrallen hervorschießcnd, der die 
innere Angst des kleinen Mannes jedesmal voll Neuem auf 
weckte. Es kam ihm vor, als 
ob Herr Hcinhold bald seine 
Perrücke, bald seinen Rock, 
bald seine Beinkleider musternd 
betrachte, und mit jedem Augen 
blick zitterte er vor einer ver- 
hängnißvollen Frage. Diese 
erfolgte jedoch zu Lampe's 
Erstaunen nicht; denn plötz 
lich deutete Herr Heinhold auf 
den Tabackskasten und sagte 
gütig: „Stopf' Er sich eine 
Pfeife, lieber Lampe. Ich habe 
mit meinem Sohne einige 
Worte zu reden. Er kann in 
dem blauen Zimmer auf uns 
warten, bis wir Ihm Gesell 
schaft leisten." 
Herr Lantpe verbeugte sich, 
stopfte und folgte dann Made 
moiselle Marie's einladenden 
Winken, die an der Thür auf 
ihn wartete. — Als diese sich 
schloß, befanden sich Vater und 
Sohn allein. Herr Heinhold 
ging voit Neuem durch das 
Zimmer; sein Sohn lehnte sich an den Ofen und schien die 
herannahende Erklärung vorläufig zu überdenken. — Endlich 
blieb der Handelsherr vor ihm stehen, und indem er ihn mit 
seinen strengen Augen forschend anblickte, sagte er: „Was ich 
Dir sagen will, Gustav, hat Zeugen zu scheuen, weil es Vor 
würfe sind, die Niemand hören soll, außer Du selbst. Ich 
Hcrrmann Wiebe. (S. Seite 388.)
        
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